Das Vermächtnis

Otto legt das Fundament für ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen

Mit Otto starb einer der mächtigsten Herrscher, den man im Reich der Stämme, ja in ganz Europa bis zu jenem Zeitpunkt gekannt hatte. Sein Aufstieg vom König der Ostfranken zum Kaiser der Christenheit war beispiellos. Der Ruhm seiner Herrschaft sollte seinen Tod lange Zeit überdauern. Schon seine Zeitgenossen sahen ihn als "den Großen", und vielen galt er fast ein Jahrtausend lang als der Stifter eines Reiches, vielleicht sogar einer Nation der Deutschen. Bewusst war sich Otto dessen aber nicht.

Als er 962 in Rom die Krone empfing, hatte Otto nicht die Zukunft der deutschen Stämme im Sinn, sondern vor allem die Erhaltung der eigenen Macht. Er knüpfte seine Herrschaft an den Ruhm der Vergangenheit: an das glorreiche Römische Reich der Antike. Dadurch stellte sich der Sachse nicht nur in die Nachfolge Karls des Großen, sondern auch in die Tradition der großen römischen Kaiser, wie Augustus, Mark Aurel und Konstantin. Dieser Rückgriff auf die Vergangenheit war bewusst gewählt. Man glaubte damals, dass es vier Weltreiche gäbe, bevor die Welt unterginge und das Jüngste Gericht über die Menschheit hereinbräche: die Reiche der Babylonier, der Perser, der Griechen und schließlich der Römer.

Noch keine Nation der Deutschen

Zeichnung Otto I. wird in Rom zum Kaiser gekrönt Quelle: ZDF

Indem Otto zum römischen Kaiser gekrönt worden war, wurde nach dem Glauben seiner Zeitgenossen der Untergang der Welt hinausgezögert - und Otto hatte sich zum Oberherrscher über eines der vier größten Reiche künftiger Epochen gemacht. Damit hatte Otto ein Reich begründet, aber keine Nation der Deutschen, wie man sie heute kennt. Denn vor allem war er ja zum "römischen Kaiser" erkoren worden, der über die Deutschen gebot - sein echtes Erbe ist die Verbindung der römischen Kaiserwürde mit einem Königreich, das als Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation in die Geschichte eingehen sollte.

Ein deutsches Königtum, doch kein Königreich der Deutschen: Das Reich, dessen Urheber er war, wurde zum Dachverband für die Gesamtheit der Territorien, die sich seiner Herrschaftsidee zugehörig fühlten. "Heilig", denn seine Kaiser waren durch Ottos Erbe eng an die Päpste gebunden und lagen oft im Streit mit ihnen. Friedrich Barbarossa erklärte daher 1157 das Reich für "heilig", um ein Gegengewicht zum Einfluss des Papstes und seiner ebenfalls "heiligen" Kirche zu schaffen. "Römisch", denn Otto hatte sein Reich in die Tradition der Antike gestellt. Die Krone, die Otto trug, ging auf die Cäsaren zurück, die römischen Kaiser.

Kleinster gemeinsamer Nenner

"Deutsch", weil dieses Reich jenes identitätsstiftende Dach war, unter dem die Angehörigen der deutschen Stämme sich auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner einigen konnten. Wie eine Klammer war es oft das Einzige, das die Deutschen zusammenhielt, während sie langsam zueinanderfanden und über die kommenden Jahrhunderte hinweg allmählich begannen, sich als eine Einheit zu begreifen. Es war ein langwieriger Prozess, und Ottos Erbe hatte viele Konsequenzen. Mit der Verleihung der Kaiserwürde durch den Papst waren Ottos Nachfolger durch ein enges Schicksalsband mit der Kirche verknüpft.

Diese Verbindung ebnete der Kirche den Weg, sich zu einer wahren Supermacht des Mittelalters zu entwickeln und führte immer wieder zu Problemen und Streitigkeiten um die Vorherrschaft. Kaiser werden konnte man nur durch den Papst, aber bei wem fand dieser Schutz, wenn es keinen Kaiser gab? Ottos Erbe beinhaltete auch die Herausbildung eines klerikalen Systems, in dem die Geistlichkeit innerhalb des Reiches zu einem immer größeren Machtfaktor erwuchs. Hinterlassenschaft war auch die starke Position der weltlichen Fürsten im Reich, die den Kaisern - wie schon Otto - immer wieder schwer zu schaffen machten. Denn die Fürsten waren ein wichtiger Bestandteil der Politik. Wie schon unter Otto blieben sie auch weiterhin unberechenbare Verbündete, und oft sollte ihre Macht die ihres Kaisers bei Weitem übertreffen.

Regeln für Fürsten und Kaiser

Erst 1356 wurden mit der "Goldenen Bulle" Regeln für das Wechselspiel zwischen Fürsten und Kaiser schriftlich niedergelegt, so etwa ein "Grundgesetz" des Reiches, und ab 1519 regelten zusätzliche "Wahlkapitularien" Rechte und Pflichten des Kaisers und seiner Fürsten im Reich. Bis heute lässt sich an den weitreichenden Befugnissen der Bundesländer noch erahnen, über welche Macht einst die einzelnen Landesfürsten in Deutschland verfügten. Ein Erfinder des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ein Stifter einer Nation der Deutschen, war Otto ganz sicher noch nicht. Jahrhunderte sollten noch vergehen, bis aus seinem Erbe so etwas wie ein echter Staat der Deutschen werden würde.

Dennoch war Otto es gewesen, der einen wesentlichen Teil des Fundaments gelegt hatte. Unter seiner Regentschaft bildeten sich Konstanten heraus, die den Charakter des Reiches ganz wesentlich bestimmen sollten - die Kaiserwürde, die Rolle der Fürsten und die Bedeutung der Reichskirche. Nicht zufällig besannen sich viele, als 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unter den Marschtritten der Armeen Napoleons versank, wehmütig auf das Mittelalter. Denn das Reich hatte - obgleich es im Lauf der Zeiten morsch geworden war - den Deutschen über die Jahrhunderte hinweg trotz aller Zersplitterung Identität verliehen und sie unter einem Dach zusammengebracht, unter dem sie fast ein Jahrtausend später schließlich auch zur Nation werden sollten.

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