Der Erste Weltkrieg

Zur Jahrhundertwende brodelt es im Kessel Europa

Nirgendwo in Europa war der Militarismus Ende des 19. Jahrhunderts so ausgeprägt wie in Deutschland. Kriegervereine und nationale Verbände gaben den Ton an. Fatalerweise gewannen auch die Militärs an Einfluss - und mischten sich in die Politik von Kaiser Wilhelm II. ein, die vom Weltmachtanspruch geprägt war. Das Machtstreben Wilhelms sahen die Nachbar-Mächte nicht gerne. Ein Attentat löst schließlich den Ersten Weltkrieg aus.

Das Mächtesystem in Europa hatte sich gefährlich verändert. 1907 waren sich die Erzrivalen Russland und Großbritannien über die Aufteilung ihrer Kolonialinteressen im Mittleren Osten einig geworden. Zusammen mit Frankreich bildeten die Großmächte nun eine "Tripleentente". In Deutschland ging die Angst vor der "Einkreisung" um. Dabei hatte sich das Reich in seiner Überhebung selbst ausgegrenzt. So blieb als Bündnispartner nur noch Österreich-Ungarn mit dem greisen Kaiser Franz Joseph an der Spitze.

Der Donaumonarchie versicherte das Deutsche Reich nun seine unbedingte "Nibelungentreue". Ein Garant für Frieden war dieser Partner nicht: Der Vielvölkerstaat war in seinem Innern von Nationalitätenstreitigkeiten geschüttelt und stand im Krisenherd Balkan mit russischen Interessen im Konflikt. Zur Verbesserung seiner bedrohlichen Lage standen dem Deutschen Reich nur zwei Möglichkeiten offen: Krieg oder Beschränkung des deutschen Weltmachtanspruchs. Für Letzteres fehlte die Einsicht, und es war wohl auch schon zu spät.

Schlieffen-Plan

Wenn es zum Ernstfall kommen würde, wollten die Generäle jedenfalls gewappnet sein. Für den Fall eines Zweifrontenkriegs mit Frankreich und Russland entwarf der Chef des Generalstabs der deutschen Armee, Alfred Graf von Schlieffen, einen genialen Strategie- Überraschungsschlag Frankreichs Streitkräfte ausgeschaltet werden, damit anschließend die gesamte Heeresmacht Russland entgegengeworfen werden konnte. Der Haken: Voraussetzung für die Durchführung des Schlieffen-Plans war der Durchzug deutscher Truppen durch das neutrale Belgien - und dessen Neutralität garantierte Großbritannien, mit dem die Deutschen eigentlich lieber keinen Krieg führen wollten. Außerdem setzte dieser Plan auf militärische Effizienz, nicht auf Diplomatie.

Der neue Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg versuchte das Reich in ruhigeres außenpolitisches Fahrwasser zu manövrieren. Dem stand allerdings die zunehmend nationalistische Einstellung großer Teile des Bürgertums entgegen, die nach einer kraftvollen Außenpolitik dürsteten, allen voran der Flottenverein und der Alldeutsche Verband.

Lieblingsspielzeug "Flottenbau"

Der Kanzler kämpfte für eine Verbesserung der Beziehung zu England und stemmte sich gegen den weiteren Flottenbau. Die Briten versuchten in diesen Jahren auch ihrerseits, die Deutschen zu einer Drosselung ihres Bauprogramms zu bewegen. Wenn es um sein Lieblingsspielzeug ging, ließ der Kaiser allerdings nicht mit sich reden. Wilhelm II., der Berichte seiner Beamten mit zornigen Randbemerkungen zu quittieren pflegte, kommentierte schon 1908 entsprechende Vorschläge aus England mit heftigsten Ausdrücken, wie John C. G. Röhl in seinem dritten Biografieband über den Monarchen zusammenfasst: "Derartige Forderungen seien allein die 'Folge englischer Uebergroßmachtsgelüste und Gespensterseherei,' rief er aus. Sie würden von den Engländern nur gewagt werden, 'weil man glaubt, dass meine Diplomatie die Hosen voll hat und sich durch Kriegsgeschrei imponieren lässt.' Jeden Versuch, die deutschen Flottenrüstungen einzuschränken, würde er, der Kaiser, als eine Kriegserklärung auffassen und 'mit Granaten beantworten'."

In persönlichen Unterredungen verhielt sich der Kaiser nicht viel diplomatischer. Als sich Edward VII. im August 1908 mit Wilhelm in Kronberg traf, wollte der entnervte englische König das Thema Flottenbau lieber nicht selbst ansprechen und schickte seinen Unterstaatssekretär Sir Charles Hardinge vor. Auch bei diesem Gespräch tat der Kaiser die britischen Sorgen als "Unsinn" ab, schwor, dass der Flottenbau nicht gegen England gerichtet sei, und drohte indirekt mit Krieg. 1912 kam es, auch auf Betreiben Bethmann Hollwegs, ein letztes Mal zu einem Verständigungsversuch mit England.

Druck im Kessel Europa steigt

Doch auch dieser scheiterte am Widerstand des Kaisers und seines Admirals von Tirpitz. Die Situation war festgefahren. "Die Aufrüstung des Deutschen Reiches zu Wasser oder zu Land hat die britische Politik gleichermaßen geängstigt", fasst der Historiker Sönke Neitzel zusammen. "Nur der bewusste Verzicht auf vermehrte Rüstungsanstrengungen hätte hier beschwichtigend wirken können." Allerdings waren weder England noch Frankreich oder Russland bereit, dem Deutschen Reich einen "Platz an der Sonne" zu bewilligen. Der Druck im Kessel Europa stieg.

Als der Kaiser im Frühjahr 1913 seine Tochter Viktoria Luise vermählte, trafen sich die Monarchen Europas zum letzten Mal. Das im selben Jahr glanzvoll begangene Silberne Regierungsjubiläum Wilhelms II. geriet ebenfalls noch einmal zu einer überwältigenden Inszenierung höfischen Prunks und kaiserlicher Selbstdarstellung. Hinter den Kulissen aber wetzten die Großmächte bereits die Messer. Europa fieberte der Explosion entgegen.

Sarajevo-Attentat löst Krieg aus

Der Unruheherd Balkan wurde die Zündschnur am Pulverfass Europa. Österreich-Ungarn bekam die Vielvölkerregion nicht mehr in den Griff. Das Königreich Serbien strebte nach Expansion - und bedrohte damit die labile Donaumonarchie. Am 28. Juni 1914 erschoss ein serbischer Nationalist den österreichischen Thronerben Franz Ferdinand Und seine Gemahlin. Die Schüsse von Sarajevo bildeten den Auftakt zur europäischen Urkatastrophe.

Das Attentat kam den Scharfmachern in Wien und Berlin gelegen. Österreich wollte mit Serbien abrechnen und sich die Vorherrschaft auf dem Balkan sichern, wobei es mit dem Beistand des deutschen Bündnispartners rechnete. Doch ein militärisches Vorgehen gegen Serbien würde unweigerlich die Gefahr eines Krieges mit dessen Bündnispartner Russland heraufbeschwören.

"Blankoscheck" Deutschlands

Attentat von Sarajevo Quelle: ap

Die Falken in Berlin, allen voran die Generäle, fanden die Gelegenheit günstig, einen vermeintlich präventiven Krieg gegen das noch in der Mobilmachung begriffene Russland und seinen Verbündeten Frankreich zu führen. "Von militärischer Seite wird jetzt wieder gedrängt, dass wir es zum Kriege jetzt, wo Russland noch nicht fertig, kommen lassen sollten, doch ich glaube nicht, dass Seine Majestät der Kaiser sich hierzu verleiten lassen wird", berichtete der sächsische Gesandte in Berlin am 2. Juli 1914 nach Orientierungsgesprächen im Auswärtigen Amt. In Potsdam schwankte der Kaiser zwischen Friedenssehnsucht und Kriegslust. Zunächst überwog Letzteres. Als sein Botschafter in Wien zur Mäßigung riet, kommentierte der Kaiser das Dokument mit der zornigen Randbemerkung: "Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald."

Und als Österreichs Kaiser Franz Joseph einen Gesandten nach Potsdam beorderte und um Rückendeckung für ein sofortiges Einschreiten gegen Serbien ersuchte, versprach Wilhelm II. spontan seine "volle Unterstützung", machte seine Zusage aber von der Antwort des Reichskanzlers abhängig. Bethmann Hollweg gab am 6. Juli grünes Licht. Der Kanzler war es, der mit der Bestätigung von Wilhelms Zusicherung schließlich den letzten Anstoß zum "Sprung ins Dunkle" gab. Diese Zusage ist als "Blankoscheck" in die Geschichte eingegangen, denn damit war die Kriegsentscheidung der Habsburger so gut wie gefallen. Zwar hoffte der Kanzler noch, den Konflikt auf den Balkan begrenzen zu können, nichtsdestotrotz ging er bewusst das Risiko eines Kontinentalkriegs ein. Der Generalstab hatte ihn davon überzeugt, dass ein Krieg unvermeidbar war. Wenn er ausbrach, wollte er Russland als Angreifer darstellen.

Julikrise

Den Kaiser schickte Bethmann Hollweg zunächst auf seine traditionelle Nordlandreise, um den Eindruck der Normalität zu erwecken. Mit diesem Tarnmanöver wollte er jedoch auch den als wankelmütig bekannten Herrscher aus dem Weg haben, obwohl dieser beteuerte: "Diesmal falle ich nicht um."

Wilhelm II. hatte zwar regelmäßig mit dem Säbel gerasselt, war jedoch bis zu diesem Zeitpunkt vor einer Konfrontation stets zurückgeschreckt. "Wilhelm der Ängstliche", höhnten die Militärs und Machteliten im Reich. Den Wortlaut des bewusst unannehmbar formulierten Ultimatums, das Wien den Serben am 23. Juli stellte, erfuhr Wilhelm jedenfalls erst zwei Tage später. "Das ist doch einmal eine forsche Note", war seine lapidare Antwort, doch er machte sich unverzüglich auf den Rückweg nach Potsdam. Noch hoffte er auf einen Rückzieher Russlands.

Friedensdemonstrationen

Als die Nachricht von Österreichs Ultimatum an die Serben Ende Juli 1914 publik wurde, gingen Unter den Linden Tausende Kriegsbegeisterte auf die Straßen. "Der patriotische Lärm wirkte betäubend und putschte die kriegerischen Hetzer immer mehr auf. 'Es braust ein Ruf wie Donnerhall!' Heil! 'Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen!' Hurra! 'Heil Dir im Siegerkranz!'", beschrieb der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Philipp Scheidemann entsetzt das Bild, das sich ihm bot. "Waren die kampfbegeisterten Jünglinge, Männer und Greise von allen guten Geistern verlassen?" Doch bei Weitem nicht alle Bürger stimmten in den Jubel ein. In ganz Deutschland folgten in der letzten Juliwoche mehr als eine halbe Million Menschen dem Aufruf der SPD zu Friedenskundgebungen.

Auch Wilhelm, "der Zögerer", wollte auf einmal doch lieber Frieden. Denn wider Erwarten akzeptierte Serbien weitgehend das Ultimatum der Österreicher. "Damit fällt jeder Kriegsgrund weg", schrieb der Kaiser nach Wien und unterbreitete vermittelnde Vorschläge zur weiteren Handlungsweise. Laut Röhl sorgten aber der Reichskanzler und die Beamten vom Auswärtigen Amt dafür, dass die kaiserliche Initiative nur bruchstückhaft ankam. Wilhelm II. hatte die Angelegenheit nicht mehr in der Hand.

"Zug" nicht mehr zu bremsen

Am 29. Juli 1914 eröffneten österreichische Geschütze vom Donauufer aus die Kanonade auf Belgrad. Es war die Antwort des Hauses Habsburg auf die Schüsse von Sarajevo. In den folgenden Tagen versuchte der Kaiser sein Bestes, um auf Monarchenebene den Frieden doch noch zu retten. Er begann einen fieberhaften Depeschenwechsel mit dem russischen Zaren, allerdings unter Anleitung des Auswärtigen Amtes, das darauf bedacht war, Russland die Verantwortung für einen Krieg zuzuschieben.
Nikolaus II. äußerte seine Entrüstung über die Vorgänge und bat den "lieben Willy" um Hilfe. Der Kaiser riet dem "lieben Nicky", Frieden zu bewahren. Mitten in den Schriftverkehr der beiden Vettern platzte am 30. Juli die Nachricht von der russischen Teilmobilmachung. Der Kaiser war am Boden zerstört, er fühlte sich hintergangen. Jetzt schien es unmöglich, den Zug, der rasende Fahrt aufgenommen hatte, noch zum Stehen zu bringen.

Parteinahme Großbritanniens

Generalstabschef Helmuth Moltke und der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn drängten den Kaiser, nun seinerseits die deutsche Mobilmachung zu verkünden. Es galt keine Zeit zu verlieren, Frankreich musste geschlagen sein, bevor die Russen marschbereit waren. Und England? Bis zum Schluss hegten der Kaiser und die Reichsleitung die Hoffnung, dass Großbritannien neutral bleiben würde. Wilhelm II. meinte sogar, diesbezüglich das Wort des englischen Königs zu haben.

Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Der britische Außenminister stellte klar: Wenn Frankreich angegriffen werde, könne England nicht passiv bleiben. Verwirrt notierte der Kaiser: "Der ganze Krieg ist offensichtlich zwischen England, Frankreich und Russland zur Vernichtung Deutschlands abgemacht worden." Seine eigene Verantwortung an den Entwicklungen wollte oder konnte er nicht sehen.

Mobilmachung

Am 1. August 1914 erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg. Vom Balkon des Berliner Schlosses aus rief Kaiser Wilhelm II. die Deutschen zur Mobilmachung auf. "Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande", lauteten die später auf Tonband aufgenommenen Worte. Vor dem Reichstag postulierte der Kaiser: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Selbst die Sozialdemokraten glaubten den Beteuerungen der Reichsregierung, Deutschland führe einen Verteidigungskrieg gegen das verhasste zaristische Russland.

Unter diesen Umständen wollten sie ein für alle Mal den Vorwurf, "vaterlandslose Gesellen" zu sein, abstreifen und sich als Patrioten erweisen. Am 4. August 1914 bewilligte die SPD-Fraktion im Reichstag einstimmig die Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg. Innerhalb der Sozialdemokratie hatte sich eine Wandlung vollzogen. Die Mehrheit wollte zur staatstragenden Partei werden. Die Verfechter einer linksradikalen, Kaiserdämmung revolutionären Position - wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - sahen sich auf einmal in der Minderheit. Der Krieg sollte zum Ursprung einer folgenschweren Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung werden.

Neun Millionen Soldaten fallen

Anfang August befand sich Deutschland mit den Großmächten Russland, Frankreich und England im Krieg. Die industrielle Dynamik, mit der die Europäer zu Herrschern der Welt geworden waren, zeigte im Krieg ihre hässliche Fratze. Bis zum Kriegsende starben etwa 6000 Mann täglich, insgesamt fast neun Millionen Soldaten. Die in der Julikrise aufgetretenen Führungsmängel des Kaisers wurden im Krieg noch offensichtlicher. Er war seiner Rolle als oberster Kriegsherr nicht gewachsen und musste den Militärs das Kommando überlassen. "Der Generalstab sagt mir gar nichts und fragt mich auch nicht", beklagte sich der Kaiser.

"Ich trinke Tee und säge Holz und gehe spazieren, und dann erfahre ich von Zeit zu Zeit, das und das ist gemacht." Sein Einfluss sank noch weiter, als Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff im August 1916 die Oberste Heeresleitung übernahmen und eine Art Militärdiktatur errichteten. Nur die Fassade des souverän entscheidenden Monarchen wurde aufrechterhalten: Er blieb meist im Großen Hauptquartier, besuchte die Front und verlieh Orden. Von Kampfhandlungen hielt man ihn jedoch fern. Es war der Schein der Macht, der ihn umgab - seine Wirkung auf die Deutschen verfiel. "Der Kaiser wird mit jedem Tag mehr zum Schatten eines Herrschers", schrieb die Fürstin Blücher im Juli 1917. "Die Leute sprechen ganz offen von einer Abdankung."

U-Boot-Krieg und Besetzung Russlands

Schon im Oktober 1914 war der Krieg im Westen in einen Stellungskrieg übergegangen, in dem trotz zahlreicher blutiger Offensiven von beiden Seiten die Frontlinien sich bis 1918 nicht wesentlich veränderten. Im Osten dagegen konnte die russische Armee, die in Ostund Westpreußen zunächst erhebliche Erfolge errungen hatte, von den deutschen Streitkräften unter dem Kommando des aus dem Ruhestand zurückgeholten Generals Paul von Hindenburg niedergekämpft werden.

Unterstützt durch die Russische Revolution von 1917 und die völlige Demoralisierung des russischen Heeres, gelang es den deutschen Truppen, bis zum Kriegsende 1918 weite Teile Russlands zu besetzen. Dafür befand sich das Deutsche Reich - weil es den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärt hatte - seit dem 6. April 1917 auch mit den USA im Krieg. Deren frischen Truppen hatten die erschöpften deutschen Verbände an der Westfront nichts entgegenzusetzen.

Letzte Offensive

Doch je länger das Blutvergießen an den Fronten dauerte, desto lauter wurden die Proteste der Untertanen zu Hause. Die Heimatfront war kriegsmüde. Die Bevölkerung litt Hunger, verursacht durch die alliierte Versorgungsblockade. Mehr als 700.000 Menschen starben in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 an Hunger oder Mangelerkrankungen. Radikale Sozialisten wie Karl Liebknecht fachten die Demonstrationen und Massenstreiks der Arbeiter an. Seit klar war, dass der Kaiser keinen Verteidigungs-, sondern einen Eroberungskrieg führte, war die SPD gespalten. Doch auch die gemäßigten Sozialdemokraten zusammen mit den anderen Mehrheitsparteien im Reichstag forderten unmissverständlich einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen - und demokratische Reformen. Nach einer letzten großen Offensive im März 1918 war das deutsche Heer am Ende.

Kaiser verliert Bezug zur Realität

Deutsche Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg Quelle: dpa

Ende September empfahl General Ludendorff dem Kaiser, um Waffenstillstand nachzusuchen. Darüber hinaus wurde Wilhelm II. von der Heeresleitung genötigt, am 30. September 1918 ein parlamentarisches Regierungssystem einzuführen - um die Friedensverhandlungen mit den Alliierten zu erleichtern. Der Kaiser von Gottes Gnaden hatte ausgedient. Unversehens fanden sich nun auch die Sozialdemokraten in der Reichsregierung wieder.

Als einen Monat später die Matrosen rebellierten, verlor der Monarch weitgehend den Bezug zur Realität. Obwohl ihn die Reichsregierung zur Abdankung drängte, tönte er noch am 1. November: "Wenn zu Hause der Bolschewismus kommt, stelle ich mich an die Spitze einiger Divisionen, rücke nach Berlin und hänge alle auf, die Verrat üben. Da wollen wir mal sehen, ob die Masse nicht doch zu Kaiser und Reich hält." Obwohl ihm seine Offiziere erklärten, dass nicht einmal die Truppen zu ihm stünden, weigerte sich Wilhelm II. bis zuletzt, auf den Thron zu verzichten. Auf Druck der Straße verkündete der neue Kanzler Max von Baden am Mittag des 9. November der Welt eigenmächtig die Abdankung des Kaisers - und übergab den Sozialdemokraten die Regierung.

Kaiser kehrt ins Exil

Der Kaiser wurde nicht mehr gefragt. Am 9. November um 14 Uhr rief der SPD-Abgeordnete Philip Scheidemann vom Fenster über dem Hauptportal des Reichstagsgebäudes die Republik aus. "Der Kaiser hat abgedankt, er und seine Freunde sind verschwunden. Über sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt. Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!"

Einen Tag später setzte der Kaiser sich in Richtung Niederlande ab. Es war das Ende der Monarchie in Deutschland - und das Ende von Wilhelms Weltmachtträumen. Er sollte seine Heimat nie wieder sehen. Der deutsche Ex-Kaiser starb am 4. Juni 1941 auf seinem Schloss Doorn im holländischen Exil.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet