Der Friede aller Frieden

Pakt mit kompliziertem Regelwerk beendet Dreißigjährigen Krieg

Der Westfälische Friede, in zwei Teilwerken in Münster und Osnabrück ausgehandelt und abgeschlossen, wurde am 24. Oktober 1648 in beiden Städten nochmals abschließend unterzeichnet. Mit dem komplizierten Regelwerk wollten die Mächte ein "ewiges Grundgesetz" für das Reich schaffen. Frankreich und Schweden sollten als Garantiemächte die Einhaltung des Friedens gewährleisten.

Gemälde Unterzeichnung Westfälischer Friede Quelle: ZDF

Die beiden Mächte konnten sich als die eigentlichen Sieger des Dreißigjährigen Krieges fühlen - Frankreich wurde im Besitz der Bistümer Toul, Metz und Verdun bestätigt und erhielt die habsburgischen Territorien am Oberrhein sowie die Landgrafschaft Elsass und weitere linksrheinische Städte und Herrschaften; Schweden bekam Vorpommern und die Stifte Bremen und Verden zugesprochen - der schwedische König war damit auch Reichsfürst.

Geschwächte, geteilte Mitte Europas

Eines der frühen Ergebnisse der Verhandlungen war das Ausscheiden der niederländischen Provinzen aus dem Reichsverband und ihre Eigenständigkeit. Auch die Schweizer Eidgenossenschaft wurde souveräner Staat. So wurden zwei latente Konfliktherde an den Rändern des Reiches befriedet. Und das Reichsgefüge selbst? Um die Balance zu halten, wollten die Parteien im Ergebnis eine geschwächte, geteilte, zu keinem Angriffskrieg fähige europäische Mitte.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation blieb in mehr als 300 quasi-staatliche Gebilde aufgesplittert, die nicht einmal zusammenhängend waren, sodass sein Erscheinungsbild wie ein riesiges Puzzle anmutete: Kurfürstentümer, geistliche Hochstifte, Herzogtümer, Markgrafschaften, Grafschaften, Reichsstädte, Reichsabteien und zahlreiche Kleinstterritorien - zusammengehalten von einer erneuerten Reichsordnung, mit einem Kaiser als Oberhaupt, der künftig bei allen Reichsgeschäften an die Zustimmung der Reichsstände gebunden war. Die Fürsten verfügten von nun an über die volle Landeshoheit in weltlichen und religiösen Angelegenheiten - darunter vor allem Gesetzgebungsrecht, Steuerhoheit, Entscheidung über Krieg und Frieden sowie Bündnisrecht. Sie hatten auch das Recht, Allianzen unter sich und mit ausländischen Mächten abzuschließen - wenn auch nicht gegen das Reich und sein Oberhaupt.

Kaiser und Papst als Verlierer

Gemeinsame Institutionen waren weiterhin der Reichstag, die Reichskreise, das Reichskammergericht, der Reichshofrat. In der Gesamtbilanz waren der Kaiser und der Papst die Verlierer, die Territorialherren die Gewinner. Dem römisch-deutschen Kaiser blieben nur einige Vorrechte, die ihn über die Fürsten erhöhten, etwa das Recht der Belehnung der Reichsfürsten. War der Westfälische Friede also ein Verhinderungsvertrag nationalstaatlicher Fortentwicklung auf deutschem Boden, weil er der Bildung eines Zentrums wie etwa in Frankreich entgegenwirkte und die Vielstaaterei scheinbar auf ewig besiegelte? Spätere Verfechter eines deutschen Nationalstaats - etwa im 19. Jahrhundert - argumentierten dahingehend.

Vertrag Westfälischer Friede Quelle: ZDF

Doch blockierte das Vertragswerk tatsächlich den Weg zu moderner souveräner Staatlichkeit im nationalen Sinne? Vielleicht ebnete er ihn sogar: Allerdings nicht ausgehend vom Reichsganzen unter dem Kaiser, sondern über die Souveränität mächtiger Reichsfürsten, denen die freie Ausübung ihrer Landeshoheit einschließlich Bündnisrecht verbrieft wurde. Sie gewannen damit einen Spielraum, der eine Nationalstaatsbildung - jedenfalls im föderativen Sinne - keineswegs ausschloss, gegebenenfalls sogar förderte.

Gab es überhaupt eine Alternative?

Doch schon zeitgenössische Staatsrechtler hatten an der Reichverfassung manches auszusetzen, sprachen von einem "Monstrum". Aber gab es überhaupt eine Alternative angesichts der Vielfalt der Konflikte? Noch komplizierter als die Architektur des inneren und äußeren Machtgefüges war die Befriedung der konfessionellen Gegensätze. Dies sollte in Abänderung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 geschehen. Es galt aber, die Reichsverfassung so zu modifizieren, dass keine Glaubensrichtung mehr die andere dominieren konnte. Die Bestimmungen von Augsburg wurden so erweitert, dass auch die kalvinistisch Reformierten als dritte Konfession anerkannt wurden. Die konfessionellen Grenzen schrieb man im Wesentlichen nach dem Stand von 1624 fest, dem so genannten "Normaljahr".

Karte Deutschland unterteilt in Protestanten- und Katholiken-Gebiete Quelle: ZDF

Man beschloss des Weiteren, die Reichsinstitutionen paritätisch zu besetzen; im Reichstag gab es fortan einen zweifachen "corpus", den der katholischen und den der evangelischen Reichsstände, die in Religionssachen und anderen Fragen getrennt berieten. In konfessionellen Angelegenheiten galt nicht das Mehrheitsprinzip, da die katholische Seite davon profitiert hätte, sondern ein Zwang zu "freundschaftlicher Einigung". In den Reichsstädten mit gemischter Bevölkerung sollten die Ämter stets bikonfessionell besetzt werden. Den vom jeweils herrschenden Bekenntnis abweichenden Gläubigen eines Landes sollte die private Religionsausübung gestattet sein. So traten zum ersten Mal verschiedene Religionen in ein vertraglich geregeltes Miteinander.

Römische Kurie im politischen Abseits

Einer, der den Frieden als Vermittler in über 800 Einzelkonferenzen ausgehandelt hatte, fehlte bei der Unterzeichnung der Verträge: der päpstliche Gesandte Chigi. In Münster und Osnabrück war der Protestantismus als gleichberechtigte Konfession anerkannt worden - dafür erklärte Papst Innozenz X. in der Bulle "Zelo domus Dei" vom 24. November 1648 das ganze Vertragswerk für null und nichtig. Doch die Parteien hatten sich vertraglich gegen eine solche Intervention abgesichert; so bugsierte sich die römische Kurie ins politische Abseits.

Der Westfälische Friede war ein europäischer Friede, der einen europäischen Krieg beendete. "Hier wird zum ersten Mal eine Friedensordnung, die eine Rechtsordnung und eine Gleichordnung der einzelnen Länder Europas ist, etabliert", resümiert Heinz Schilling. "Die Kriege sind damit nicht beseitigt, aber zu einem fundamentalistischen Krieg wie dem Dreißigjährigen kam es danach nicht mehr."

Glocke im Kirchturm Quelle: ZDF

Das Ende der mörderischen Zeit

Das Vertragswerk schuf eine Balance, die bis zu den napoleonischen Kriegen prinzipiell Bestand haben sollte. Die Konflikte in den folgenden anderthalb Jahrhunderten waren damit zumindest eingehegt. An die Stelle einer nochmittelalterlich und religiös geprägten inneren und äußeren Herrschaftsordnung rückten ein "Pluralismus rechtsgleicher Staaten" (Schilling) und die Verrechtlichung politischer Konflikte, die einen "totalen Krieg" wie den gerade beendeten für lange Zeit zu verhindern halfen. Als die Urkunden im Herbst 1648 endlich unterzeichnet waren, läuteten im ganzen Reich und in vielen Teilen Europas die Glocken. Die Menschen feierten das Ende der mörderischen Zeit mit Dankgottesdiensten und Ehrenbanketten, mit Feuerwerken und Kanonensalven.

"Im Dreißigjährigen Krieg hat die Gefahr bestanden, dass das Reich sich ganz auflöst ", sagt der Marburger Historiker Christoph Kampmann. "Es hat aber auch die Möglichkeit gegeben, dass es eine zentralistischere Monarchie wird. Im Westfälischen Frieden sind beide Gefahren gebannt worden. Das Reich bestand fort als ein föderaler, defensiver, auf Verteidigung ausgerichteter Reichsverband. Und damit hat es die föderalen Traditionen, die tief in der deutschen Geschichte wurzeln, aufgegriffen und bestätigt."

Hoffnung auf dauerhaften Frieden

Welches Gesicht Deutschland am Ende haben würde, war der Bevölkerung damals wohl weithin gleichgültig. Für sie ging der Kampf ums Überleben weiter - im Alltag eines weithin verheerten Landes, auf kleineren und größeren Territorien, wer auch immer dort herrschte. Im Vordergrund stand ohnedies zuerst einmal die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden.

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