Der Seelsorger und die Reformation

Müntzer war ein früher Anhänger Luthers, ein Martinianer

Thomas Müntzer war als Priester zunächst ein engagierter Anhänger und Bewunderer Martin Luthers. Doch im Gegensatz zu ihm stand Müntzer für die gewaltsame Befreiung der Bauern. In Wittenberg lernten sich beide Männer kennen.

Eine erste Anstellung als Geistlicher hat Müntzer bereits 1515/16 im Benediktinerinnenstift Frose (zwischen Quedlinburg und Aschersleben) gefunden. Er amtierte dort als Propst - zu seinen Aufgaben gehörten die geistliche Betreuung der Stiftsdamen und die Seelsorge für die Dorfgemeinde. Nebenbei, so ist überliefert, erteilte Müntzer Braunschweiger Bürgersöhnen Lateinunterricht.

Umstrittener Ablasshandel

Zeichnung von Thomas Müntzer und Martin Luther
Zeichnung von Thomas Müntzer und Martin Luther Quelle: ZDF

Den Kontakt zu Braunschweig hat er also nicht abreißen lassen - bei gelegentlichen Aufenthalten in der Stadt schloss er sich einem Kreis wohlhabender Bürger an, einer Gemeinschaft tief religiöser Menschen, die nach innerer Erneuerung der Kirche strebte. Müntzer wurde wohl zum Kopf dieser Gemeinschaft, die schon vor Luthers Thesenanschlag über die Berechtigung des Ablasses diskutierte - jener höchst umstrittenen Praxis der römischen Kirche, die den Erlass "zeitlicher Sündenstrafen", etwa der Verweildauer im "Fegefeuer", gegen Geldzahlungen versprach, dezidiert verkündet von Papst Julius II. zur Finanzierung der Peterskirche in Rom.

Auch in Deutschland wurde der Ablass schon lange gepredigt. Ablasshändler verkauften das Seelenheil für einige Groschen landauf, landab, durch Sachsen und Thüringen zog der Mönch Johann Tetzel, der sich auf eine päpstliche Instruktion berufen konnte.

Luthers 95 Thesen

In dieser unruhigen Zeit trat der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther an die die Öffentlichkeit. Am 31. Oktober des Jahres 1517 publizierte er seine 95 Thesen - eine wütende Abrechnung mit dem Ablasshandel -, die, als Flugblätter durch das neue Medium Buchdruck in ganz Deutschland verbreitet, ungeheures Aufsehen erregten. Auch Müntzer wird auf Luther aufmerksam geworden sein. Der Historiker Walter Elliger, der die detailreichste Müntzer-Biografie verfasst hat, glaubt, dass Müntzer spätestens zu diesem Zeitpunkt "die Fragwürdigkeit des herrschenden Systems" erkannt habe und immer größere Zweifel an der kirchlichen Lehre und an der Amtsführung und dem Amtsverständnis von Kirchenmännern aller Art hegte. Müntzer gehörte zweifellos zu den ersten Befürwortern der frühreformatorischen Bewegung, die Luther mit seinen Thesen und weiteren Verlautbarungen ausgelöst hatte.

Erster Kontakt zu Luther

Tür der Schlosskirche in Wittenberg mit den Thesen Luthers
Schlosskirche mit Luther-Thesen Quelle: imago

Für Müntzer gab es nun nur ein Ziel: Wittenberg. Er wollte dem Mann begegnen, der den Kampf gegen die kirchlichen Missstände aufgenommen hatte. Elliger nimmt an, dass sich Müntzer im Jahre 1518 vier bis fünf Monate in der Stadt an der Elbe aufgehalten, dass er sich mit der Atmosphäre an der Wittenberger Universität vertraut gemacht hat.

Er traf, das ist ziemlich sicher, einige Male mit Luther zusammen - aber er suchte auch Kontakt zu weiteren Reformatoren. Dazu gehörten der gerade nach Wittenberg berufene Philipp Melanchthon, Andreas Karlstadt, Professor für Theologie und Archidiakon am Wittenberger Allerheiligenstift, und Johann Agricola, ein enger Vertrauter Luthers.

Vorläufer der Reformation

Luftaufnahme Wittenberg
Luftaufnahme Wittenberg Quelle: dpa

Luther, gegen den man in Rom schon ein Verfahren wegen Ketzerei eingeleitet hatte, war inzwischen am Rande des Augsburger Reichstags vom päpstlichen Kardinallegaten Thomas Cajetan verhört worden - es ging nun gar nicht mehr um den Ablasshandel, es ging um die höchste Autorität des Papstes, die Luther anzweifelte und der er die "göttliche Wahrheit " der Heiligen Schrift gegenüberstellte.

Cajetan hatte Luther zum Widerruf aufgefordert, was dieser ablehnte - die Heilige Schrift bürge für die Rechtmäßigkeit seiner Ansichten, betonte der Reformator, und als ihm der Bann angedroht worden war, hatte er Augsburg über Nacht verlassen. 1518 und 1519 hat Luther dann unablässig Traktate und Flugschriften veröffentlicht, die "Theologia Deutsch", die großen Sermone, den "Sermon von Ablass und Gnade" und diejenigen über die wichtigsten Sakramente - Vorläufer jener Schriften, in denen seit 1520 ein klares reformatorisches Programm formuliert werden sollte.

Müntzer auf der Kanzel

Als Anhänger Luthers, als "Martinianer", wurde Müntzer im ersten Drittel des Jahres 1519 nach Jüterbog berufen, wo er den Prediger Franz Günther, der ebenfalls zum Kreis um Luther gehörte, vertreten sollte. Günther hatte seit seinem Amtsantritt die Bürger von Jüterbog, das damals den Erzbischöfen von Magdeburg unterstand, auf reformatorischen Kurs gebracht, er hatte gegen den Ablass gewettert und sich bei einem Treffen im Franziskanerkloster kritisch über die Rolle des Papstes geäußert: Einem einfachen Mann, der sich auf die Bibel berufe, sei mehr Glauben zu schenken als einem Papst und einem Konzil, wenn sie sich nicht auf die Heilige Schrift beriefen. Als Günther darüber hinaus auch noch die Äbtissin des örtlichen Marienklosters beleidigte, wurde er vom zuständigen Brandenburger Bischof ermahnt und wohl mit einem Predigtverbot belegt.

Das war die Stunde Müntzers. Er machte sofort Günthers Auseinandersetzung mit den Franziskanern zu seiner eigenen - und verschärfte den Streit noch. Aus dieser Zeit sind erstmals Inhalte einer Predigt Müntzers überliefert, die schon seine unbändige Streitlust und eine äußerst aggressive Rhetorik erkennen lassen. In den Ostertagen 1519 stand Müntzer auf den Kanzeln der Klosterkirche Sankt Marien und der Kirche Sankt Nikolai - und er schlug kirchenkritische Töne an, dass den Franziskanern Hören und Sehen verging.

Wettern gegen Kirchoberhäupter

So verkündete er, wie ein Ordensangehöriger beflissen weitergab, der Papst müsse alle fünf Jahre ein Konzil abhalten, das Konzil könne sich auch ohne den Willen des Papstes versammeln, der römische Pontifex sei nur so lange das Haupt der Kirche, wie die Bischöfe dies zuließen. Als Bischöfe habe man einst heilige Männer eingesetzt, heute setze man "Tyrannen" ein, die nichts für ihr Amt leisteten. Müntzer pochte auf die Autorität des heiligen Evangeliums, das man wieder "hervorholen" müsse, nachdem es 400 Jahre "unter einer Bank gelegen" habe, vergessen worden sei.

Mit dieser Predigt wurde Müntzer seinem Ruf, "Martinianer" zu sein, durchaus gerecht. Und so ist es auch nur folgerichtig, dass Luther seinerseits ihn vor den Angriffen der Franziskaner in Schutz nahm und ihm grundsätzlich das Recht zubilligte, Kritik an den Prälaten, an Päpsten und Bischöfen zu üben. Luther scheint Müntzer damals als einen seiner Gefolgsleute gesehen zu haben.

Spätmittelalterliche Mystik

Zeichnung Martin Luthers
Martin Luther Quelle: ZDF

Auch in Jüterbog blieb Müntzer nicht lange. Wann und warum er das Städtchen verließ, lässt sich nur vermuten. Als sein nächster Aufenthaltsort wird Orlamünde an der Saale genannt, wo einer der Wittenberger, Andreas Karlstadt, Pfarrherr war. Hier soll Müntzer mit den Schriften des Mystikers Johannes Tauler in Berührung gekommen sein, mithilfe einer einfachen Frau übrigens, der Pfarrköchin, wie ein späterer Pfarrer von Orlamünde berichtet:

"Durch Taulers Lehre von Geist und Grund der Seele, nicht wohl verstanden, ist verführt worden Thomas Müntzer und sein Anhang, denn er las ihn stets mitsamt einem Weib, das meist Köchin gewesen ist und auch ein solches Wesen hatte, dass man sie etwa in Leipzig als heilig erachtete - von der hat gedachter Müntzer nicht wenig Hilfe für seinen Irrtum genommen." Wahrscheinlich hat sich Müntzer schon früher mit der spätmittelalterlichen deutschen Mystik beschäftigt, die Laienfrömmigkeit spielte seit Langem eine wichtige Rolle in seiner theologischen Argumentation.

Debatten über "Gott und die Welt"

Kopf des Denkmals von Thomas Müntzer in Stolberg
Thomas-Müntzer-Denkmal in Stolberg Quelle: ZDF

Ende Juni/Anfang Juli 1519 weilte Müntzer dann in Leipzig, wo er zumindest zeitweise die große Disputation zwischen dem Ingolstädter Theologen Johannes Eck einerseits und Luther und Karlstadt andererseits verfolgte. Im stets überfüllten Saal der Pleißenburg wurde - in Anwesenheit des Landesherrn, des Herzogs Georg von Sachsen - fast zwei Wochen lang auf höchstem Niveau über "Gott und die Welt" diskutiert. Luther zweifelte nun sogar die Autorität der Konzilien an - mit dem Satz "Auch Konzilien können irren" bestritt Luther den Anspruch der römischen Kirche auf unfehlbare Lehrentscheidungen.

Inwieweit die Disputation Müntzers Verhältnis zu Luther in eine negative Richtung beeinflusst hat, lässt sich nicht sagen - später schimpfte Müntzer über Luthers Verhalten: "Du meinst, es sei gut geworden, so du einen großen Namen bekommen hast?"

Streben nach rechtem Glauben

Müntzer nutzte die Tage in Leipzig, um sich auch verstärkt dem Quellenstudium zu widmen - so bestellte er bei einem Leipziger Buchhändler unter anderem die Akten des Konstanzer und des Basler Konzils. Zeit und Muße für die Lektüre dieser und anderer Werke fand er im Zisterzienserinnenkloster Beuditz (bei Weißenfels), wo er etwas später eine Stelle als Beichtvater der Nonnen annahm.

Der Nachteil der geringen Entlohnung, so bekannte er, wurde durch die Möglichkeit aufgewogen, ausgedehnte Studien zu betreiben. Den Sinn dieser Studien hat Müntzer so beschrieben: "Mir geht es nicht um mich, sondern um unseren Herrn Jesus." Antriebskraft seines Tuns war also nicht akademisch-humanistische Selbstverwirklichung, sondern das Streben nach dem rechten Zugang zum christlichen Glauben.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet