Die 48er-Revolution

Die Industrialisierung brachte nicht nur technischen Fortschritt mit sich, sondern auch soziale Missstände

Es war der Beginn eines neuen Zeitalters: In den 1830er Jahren erfasste ein rasanter Aufschwung das produzierende Gewerbe in Deutschland. Die Nutzung der Dampfkraft ermöglichte nie zuvor gekannte Produktionsleistungen, bewegte schwere Motoren, riesige Schiffe. Doch mit der Industrialisierung wurden Handwerk und altes Gewerbe zugleich in eine tiefe Krise gestoßen. Der technische Fortschritt erreichte vor allem die Städte, aber nicht die Landbevölkerung, wo zahlreiche Menschen verarmten. In den Vierzigerjahren eskalierte die Situation.

Auswanderung nach Übersee

An den meisten der mehr als 37 Millionen Deutschen ging die industrielle Entwicklung vorerst vorbei. Sie lebten zu drei Vierteln auf dem Land, in kleinen Dörfern, litten unter der ungerechten Verteilung des Bodens, unter Missernten und der industriellen Konkurrenz aus dem Ausland. Besonders die Textilheimwerker in Schlesien und dem Erzgebirge konnten an ihren Webstühlen nicht mit der ausländischen Billigproduktion mithalten und gerieten vielerorts an das Existenzminimum. Obwohl selbst vierjährige Kinder Tag und Nacht beim Weben helfen mussten, blieb als Lohn häufig nicht mehr als eine Handvoll Kartoffeln übrig. "Ganze Gemeinden leben hier von sogenannten Knollen, Moos, Baumrinde und ähnlichen Dingen", schrieb Robert Blum 1843 nach einem Besuch in einem erzgebirgischen Weberdorf. In die Empörung über die sozialen Missstände stimmten damals viele intellektuelle Befürworter eines radikalen Umbruchs ein.


Doch suchten die verarmten Landbewohner ihr Heil nicht im Protest, sondern vielfach in der Flucht aus dem Land. Allein zwischen 1820 und 1850 verließen rund 740.000 Deutsche ihre Heimat - die meisten in Richtung Amerika, dem Mekka der Sehnsucht, auch in politischer Hinsicht. Für Robert Blum jedoch war Auswanderung keine Lösung. "Nein, liebe Jenny", erklärte er 1839 seiner Braut Eugenie Günther, die er im Jahr darauf ehelichen sollte, "nach Amerika gehen wir nicht, wenigstens nicht, solange noch ein Fünkchen Hoffnung vorhanden ist, für die Freiheit und einen besseren Zustand des Vaterlandes wirken zu können."

Revolutionärer Gedanke aus Frankreich

Webstuhl Quelle: ZDF,Gruppe 5

In den Vierzigerjahren eskalierten die sozialen Spannungen. Der Aufstand der schlesischen Weber im Juni 1844 geriet zum Fanal. Eine allgemeine Wirtschaftskrise und Massennöte führten zu Krawallen in den Städten, die unteren Schichten rebellierten. Ohne diese erheblichen Verwerfungen ist kaum zu erklären, mit welcher Wucht das Land dann 1848 erschüttert werden sollte.

Der revolutionäre Funke am Pulverfass wurde wieder einmal westlich des Rheins gezündet. Im Februar 1848 hatte sich die aufmüpfige Bevölkerung von Paris gegen die französische Monarchie erhoben und nach zweitägigen Barrikadenkämpfen den Bürgerkönig Louis Philippe zur Abdankung gezwungen. Die Kunde von der siegreichen Revolution frischte den Mythos auf, der von Frankreich seit der Erstürmung der Bastille 1789 in ganz Europa ausging, und verbreitete sich dank Dampflokomotive und moderner Nachrichtentechnik in Windeseile. Nun schien auch in den Nachbarstaaten die Vision vom europäischen Völkerfrühling Gestalt anzunehmen.

Auf dem ganzen Kontinent, so in Italien, Polen, Ungarn und dem Balkan, griff das Lauffeuer um sich. Frankreich, das Jahre zuvor durch Forderungen nach den linksrheinischen Gebieten feindselige Stimmung und nationalstaatliche Ambitionen bei vielen Deutschen geschürt hatte, galt nun wieder als leuchtender Hoffnungsträger: "All ihr Völker seid eingeladen! / Feiert der Freiheit Siegeslauf! / An den Pariser Barrikaden / Flammt ihr blutiger Morgen auf", dichtete der demokratische Schriftsteller Rudolf Gottschall. Und Ferdinand Freiligrath schrieb euphorisch: "Die Republik! Die Republik! Vive la Republique!"

"März-Forderungen"

Auf dem Gebiet des Deutschen Bundes sprang der Funke zuerst in den ohnedies vom Nachbarland geprägten Südwesten über. Im badischen Mannheim verstießen 2500 Bürger selbstbewusst gegen das geltende Versammlungsverbot und verlangten von der Regierung Reformen. Ihr Beispiel machte rasch Schule. Eine Residenzstadt nach der anderen, darunter Darmstadt, Stuttgart, Mainz, Wiesbaden, Kassel, München oder Hannover, wurde Anfang März 1848 zum Schauplatz von Protestkundgebungen. Bürgerliche Delegationen bedrängten die fürstlichen Potentaten und stellten ihre "März-Forderungen", die meist den Ruf nach frei gewählten Parlamenten, Pressefreiheit, Schwurgerichten und Volksbewaffnung beinhalteten.

Barrikadenkämpfe

Binnen weniger Tage waren die braven deutschen Biedermeierlande nicht mehr wiederzuerkennen. Allerorten brach ein Aufruhr aus wie nie zuvor. Bauern verbrannten in ihrer Empörung Grundbücher, die sie um ihre Scholle brachten. Gesellen stürmten neuartige Maschinen, Handwerker verlangten die alte Zunftordnung zurück, Tagelöhner rebellierten gegen ihre Ausbeutung. Während die bürgerliche Reformbewegung vom Geist der Aufklärung getragen war, mischten sich in ländlichen Gegenden mitunter auch reaktionäre und antisemitische Ressentiments in das wütende Aufbegehren. Zeitungen und Flugblätter, die, vom Zensurdruck befreit, dem Volkszorn Ausdruck verliehen, machten das neue Gedankengut allgegenwärtig. "Gebt uns, was wir wollen, die Freiheit, oder wir werden sie uns nehmen!", hieß es in einer Flugschrift. Erhebliches Drohpotenzial erhielten die Forderungen und Petitionen durch den Druck der Straße. Vielerorts verschanzten sich gewaltbereite Kleinbürger, Handwerker oder Studenten hinter rasch errichteten Barrikaden. Kämpfe entbrannten mit Soldaten, die zum Schutz der Landesherren aufmarschierten. Zurück blieben Tote, Verwundete, zerstörte Gebäude.

Barrikadenkampf Quelle: ZDF,Gruppe 5

Häufig war es allein die Furcht vor unkontrollierbarer Gewalt, die die Machthaber zum Einlenken brachte. In der Hoffnung, die aufgebrachte Bevölkerung zu besänftigen, bewilligten die meisten Könige und Fürsten in ihrem Herrschaftsbereich elementare Grundrechte und ersetzten ihre konservativen Administrationen durch reformbereite "März-Minister".

Durchbruch der Revolutionsbewegung

In Wien, der Kapitale des mächtigsten Bundesstaates, dessen Imperium sich weit nach Osteuropa und auf den Balkan erstreckte, spitzte sich die Lage besonders dramatisch zu. Nach blutigen Straßenkämpfen, denen 48 Aufständische zum Opfer fielen, ergriff Österreichs Staatskanzler Metternich die Flucht. Der Rückzug des reaktionären Staatsmanns, der wie keine andere Führungsfigur das System der alten Mächte verkörperte, war ein bedeutender Durchbruch für die Revolutionsbewegung.

Nur in der preußischen Hauptstadt blieb die Lage merkwürdig ruhig. Zwar versammelten sich auch hier die Protestierenden Abend für Abend, bestürmten Delegationen aus dem Bürgertum die Regierung unter König Friedrich Wilhelm IV., Reformen und eine tragfähige Verfassung zu garantieren. Aber die gefürchtete Militärmacht sorgte zunächst noch für trügerische Ruhe. Erst als bei Zwischenfällen die ersten Demonstranten verletzt wurden oder starben, zeigte sich der Hohenzoller zum Einlenken bereit.

Misstrauen gegen Staatsmacht

Doch just als Friedrich Wilhelm IV. am Nachmittag des 18. März vom Balkon seines Stadtschlosses die Zugeständnisse verkünden wollte, eskalierte die Situation. Schüsse, die Wachsoldaten aus nie geklärtem Grund in die Menge feuerten, wirkten wie ein Zündfunke. Die Menge, die sich eigentlich zur Huldigung des reformbereiten Königs versammelt hatte, fühlte sich verraten. Das Vertrauen in die Staatsmacht war dahin. Der Aufruf zum Barrikadenbau verbreitete sich über die ganze Stadt. Bald waren die wichtigsten Straßen der angehenden Metropole mit Möbeln, Fässern, Pflastersteinen und Leitern abgeriegelt. Aufständische und Anwohner mitsamt ihren Familien rüsteten sich zum Gefecht, mit allem, was sich als Waffen verwenden ließ.

Aus Bleibesteck schmolzen Gassenjungen am offenen Feuer Gewehrkugeln. Noch am Abend entbrannte die ungleiche Schlacht zwischen mehr als 15.000 für das Feldgefecht geschulten Soldaten und rund 3400 schlecht bewaffneten Straßenkämpfern, die aber die Stadtbevölkerung in großer Breite hinter sich wussten.

Gewaltbereitschaft

"Die Aufrührer schossen mit allen Arten Gewehren", schilderte der preußische Leutnant Kraft Prinz zu Hohenlohe-Ingelfingen empört, "aus Kellerfenstern und Dachfenstern, mit Projektilen der verschiedensten und grausamsten Art. Ein unglücklicher Soldat ward schwer verwundet durch einen Schuss Stahlfedern in den Unterleib. Unsere Leute wurden dadurch wütend. ... Öfter hatten sie, ruhig dastehend, einen Hagel von Steinen ausgehalten. Die Disziplin war stark genug, um jede Vergeltung zu verhindern. ... Sowie aber der Befehl zur Wegnahme der Barrikade erfolgte, waren die Truppen losgelassen, und ihre Wut machte sich Luft."

"März-Gefallene"

Durch solche Vergeltungsschläge reizten die Soldaten ihre Gegner, für die die preußischen Uniformen Inbegriff des verhassten Militärregimes waren, nur noch zu größerer Gewaltbereitschaft. "Die Vorgänge haben etwas Wunderbares", registrierte der pensionierte Diplomat Karl August Varnhagen von Ense mit sichtlicher Genugtuung. "Zehn, zwölf junge Leute, entschlossen und todbereit, haben Barrikaden mit wohlgezielten Schüssen, hinter den Barrikaden hervor, aus den Fenstern der Häuser, mit Steinhagel von den Dächern herab, siegreich verteidigt gegen Kanonen, Reiter und Fußvolk, ganze Regimenter mussten mit Verlust weichen. ... So konnte es geschehen, dass 20.000 Mann Truppen nichts ausrichteten."

Die Armee des Preußenkönigs mochte sich auf den Schlachtfeldern Osteuropas glorreich bewährt haben, die entschlossenen Stadtbewohner bekam sie nicht zu fassen. Sobald eine Barrikade erstürmt worden war, hatten Anwohner in der Nachbarstraße den nächsten Kampfplatz errichtet. Gegen die eigene Bevölkerung vermochte eines der bestausgerüsteten Heere des Kontinents in den Häuserschluchten keinen Sieg zu erringen. Nach dem erbitterten Schlagabtausch zogen sich die Truppen am folgenden Tag aus der Stadt zurück.

Feierlaune kam indes nicht auf. Allein die Aufständischen hatten neben ungezählten Verletzten mehr als 300 Todesopfer zu beklagen. Die Berliner verehrten sie als Märtyrer. Wie zur Mahnung reihten sie 183 Särge auf den Stufen des Deutschen Doms am Gendarmenmarkt auf. Selbst König Friedrich Wilhelm IV. sah sich in dieser Lage gezwungen, den "März-Gefallenen" Ehre zu erweisen, indem er vor ihren Särgen sein Haupt entblößte. Es war wie ein öffentliches Signal. Der wandlungsfähige Monarch schien sich symbolhaft selbst an die Spitze der Bewegung zu setzen, als er während seines Ausritts deutlich sichtbar die schwarzrot-goldene Kokarde an seiner Uniform trug und dazu verkünden ließ: "Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen und mich und mein Volk unter das ehrwürdige Banner des Reiches gestellt. Preußen geht fortan in Deutschland auf."

Demonstratives Einlenken des Königs

Im ganzen Land wurde diese Ankündigung als Parteinahme des Königs für die nationale Verfassungsbewegung verstanden. Dass der König bei seiner Ehrerbietung sicher nicht von Sympathien für den von ihm stets geschmähten "Pöbel" geleitet war, sondern viel eher von der schlichten Notwendigkeit, nach der militärischen Niederlage seine Herrschaft zu retten, ließ sich indes aus der Bemerkung ableiten, die er an diesem Tag einem Begleiter zuraunte: "Diese neuen Reichsfarben habe ich mir 'freiwillig' aufgesteckt. Um alles zu retten. Ist der Wurf einmal gelungen, so lege ich sie natürlich umgehend wieder ab."

Für die Demokratiebewegung aber war das demonstrative Einlenken des Königs die Bestätigung ihres Erfolgs. Überraschend schnell und umfassend schien die März-Revolution an ihrem Ziel angelangt. Wie in der Hauptstadt Preußens hatten sich die Herrscher in ganz Deutschland den Hauptforderungen der Straße gebeugt, sie hatten Rechte und Freiheiten zugebilligt, Symbolfiguren der überkommenen Ordnung durch Männer des Fortschritts ausgetauscht, den Weg für freie Wahlen und repräsentative Parlamente freigeräumt. So durchschlagend war der Erfolg, dass die Beteiligten selbst davon überwältigt, bisweilen geradezu überfordert waren. Nie zuvor war die Macht der Einzelstaaten so geschwächt, nie war die Aussicht auf eine Verwirklichung des demokratischen Traums in einem vereinten Deutschland besser als in jenen Frühjahrstagen 1848.

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