Die Anfänge einer Rebellin

Wie Rosa Luxemburg zur Sozialistin wurde

Schon früh galt sie als aufgeweckt und neugierig, zeigte schon während ihrer Schulzeit politisches Interesse. Seit ihrer Jugend wollte Rosa Luxemburg die Welt verändern. Und flüchtete sogar illegal über Ländergrenzen, um studieren und politisch aktiv werden zu können.

Zamosc, am 5. März 1871, dem Jahr der deutschen Reichsgründung: In der kleinen Provinzstadt bei Lublin in Polen, das damals zu großen Teilen vom zaristischen Russland besetzt war, wurde Rosa Luxemburg als jüngstes von fünf Kindern geboren. Der Vater war Holzhändler, die Luxemburgs gehören der gebildeten jüdischen Mittelschicht an.

Hüftleiden als Kind

Rosa Luxemburg
Rosa Luxemburg Quelle: ZDF

Ein paar Jahre nach ihrer Geburt zog die Familie nach Warschau um. Rosa war erst fünf Jahre alt, als sie an einem Hüftleiden erkrankte. Bis heute ist nicht klar, ob es sich um eine Knochentuberkulose, eine Hüftgelenksverrenkung oder um eine angeborene Krankheit handelte. Wahrscheinlich aber wurde sie nicht richtig behandelt.

Das Mädchen wurde in Gips gelegt und musste ein Jahr lang das Bett hüten. Das Bein blieb verkürzt, sie behielt zeitlebens ein Hinken zurück. Sie beklagte sich nie über ihre Behinderung oder ihre geringe Körpergröße, wird aber darunter gelitten haben.

Aufgewecktes Wesen

"Ihre von der Natur so stiefmütterlich bedachte Gestalt hat sie zeitlebens als eine unverdiente Kränkung empfunden", glaubt ihre spätere Freundin Luise Kautsky. "Und wenn sie auch zu stolz und zu verschlossen war, darüber zu klagen, so entrang sich ihr doch hie und da eine bittere Äußerung, in der sie sich selbst verspottete." Die Mutter sagte über ihre Jüngste: "Rosa ist klüger als wir alle zusammen." Schon mit fünf Jahren lernte sie lesen und schreiben und soll umgehend versucht haben, auch das Hausmädchen zu belehren, das, wie im damaligen Polen üblich, Analphabetin war. Sie deklamierte das polnische Nationalepos "Pan Tadeusz", las Goethe und Schiller und zeigte sich allseits aufgeweckt.

Frühes politisches Interesse

"Ich erinnerte mich gestern", schrieb Rosa Luxemburg als Erwachsene, "dass ich einmal zu Hause als Kind partout sehen wollte, wie eine Rosenknospe sich entfaltet, und stand einen ganzen Tag am Blumentopf, unverwandt die Knospe betrachtend. Natürlich rührte sie sich nicht, und ich musste verdrossen schlafen gehen. Am anderen Morgen fand ich sie schon entfaltet."

Ihr politisches Interesse wurde auf dem Mädchengymnasium in Warschau geweckt. Die Schülerin gehörte einem Zirkel an, der die Broschüren der marxistisch orientierten Partei "Proletariat" las und für die Arbeiterbewegung schwärmte. Wahrscheinlich hat die junge Rosa Luxemburg sowohl die Verfolgung und Hinrichtung von "Proletariat"- Mitgliedern als auch Judenpogrome in Warschau bewusst miterlebt. "Mein Ideal ist eine solche Gesellschaftsordnung, in der es mir vergönnt sein wird, alle zu lieben", schrieb sie. "Im Streben danach und im Namen dieses Ideals werde ich vielleicht einmal imstande sein zu hassen."

Flucht in die Schweiz

Rosa Luxemburg als Studentin um 1893
Rosa Luxemburg als Studentin um 1893 Quelle: ZDF

Nach der Schule wurde Rosa in der sozialistischen Bewegung in Warschau aktiv, doch das politische Pflaster wurde ihr im repressiven Zarenreich bald zu heiß. Im Frühjahr 1889 floh sie illegal über die Grenze und reiste zum Studium in die Schweiz, wo Universitäten auch Frauen zuließen. Sie schrieb sich in Zürich an der philosophischen und der juristischen Fakultät ein und studierte unter anderem Botanik, Mathematik, Nationalökonomie und Öffentliches Recht.

Zürich war damals Sammelpunkt für politische Emigranten und Intellektuelle aus Osteuropa, aber auch aus dem deutschen Kaiserreich. Sie debattierten über "Philosophie, über Darwinismus, über Frauenemanzipation, über Marx, über Tolstoi, über Bakunin und Blanqui und die Methoden des revolutionären Kampfes, über die Demoralisierung der westlichen Bourgeoisie, über Bismarcks Sturz und den siegreichen Kampf der deutschen Sozialdemokratie", berichtet Paul Frölich, einer ihrer politischen Weggefährten.

Kritische Marxistin

Rosa Luxemburg und Leo Jogiches (Spielszene)
Rosa Luxemburg und Leo Jogiches (Spielszene) Quelle: ZDF

Rosa Luxemburg, inzwischen eine überzeugte, aber auch kritische Marxistin, kam in Verbindung mit führenden russischen Marxisten, wie Pawel Axelrod und Georgi Plechanow, sowie Führern der polnischen Arbeiterbewegung. Entscheidend für ihre weitere Politisierung waren ihre Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen, ihr scharfer Verstand und ihre Bereitschaft, sich zu engagieren. Gefördert wurden diese Eigenschaften von einem Mann, der ihr Geliebter und Mentor werden sollte: Leo Jogiches. Er trat 1890 in das Leben der 19-Jährigen.

Jogiches war ein politischer Emigrant aus Wilna. Er entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie und hatte in seiner Heimat gegen den Zarismus agitiert. In Zürich war er unter den polnischen und russischen Sozialisten aktiv. Jogiches war ein ernsthafter junger Mann, vier Jahre älter als Rosa, der sich gerne konspirativ gab und sich ganz der Sache des Sozialismus verschrieben hatte.

Liebesbeziehung zu Gleichgesinntem

Die Beziehung zwischen ihm und Rosa Luxemburg gilt als eine der großen Liebesgeschichten der sozialistischen Bewegung. Das ist sicherlich der Tatsache zu verdanken, dass über tausend Briefe, die Rosa über 15 Jahre hinweg ihrem Liebsten schrieb, heute noch erhalten sind. Diese Briefe verraten nicht nur sehr viel über die politischen Aktivitäten und persönlichen Gefühle der Revolutionärin - sie sind auch von hohem literarischem Wert.

Rosa beugte sich in diesen ersten Jahren ihrer Beziehung der geistigen Autorität von Jogiches und stürzte sich in die politische Arbeit. Jogiches, der von Haus aus über Geld verfügte und auch die mittellose Rosa finanziell unterstützte, gründete in Zürich eine "Sozialdemokratische Bibliothek", in der klassische Schriften des Marxismus herausgebracht wurden.

Redaktionelle Arbeit

Um das Paar bildete sich eine Gruppe polnischer Sozialisten, die eine Erhebung der gesamten Arbeiterschaft in ganz Russland forderten, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Sie standen damit im Gegensatz zur Polnischen Sozialistischen Partei" (PPS), die auf einer nationalen Selbstständigkeit Polens beharrte.

Weg nach Deutschland

Die Gruppe, die den internationalen Charakter aller Arbeiterbewegungen betonte, brachte die Zeitung "Sprawa Robotnicza" (Sache der Arbeiter) heraus; Rosa übernahm die Redaktion. Als die Gruppe schließlich eine neue Partei gründete, die "Sozialdemokratie des Königreichs Polen" (SDKP), gehörte Rosa Luxemburg zu den führenden Köpfen. Nebenher verfolgte sie ihre Studien und promovierte 1897 über "Die industrielle Entwicklung Polens" mit summa cum laude.Rosa Luxemburg hatte sich als Rednerin und Theoretikerin bereits über die polnischen Kreise hinaus einen Namen gemacht und verspürte den Drang, sich einen größeren, internationaleren Wirkungskreis zu erschließen. Sie beschloss, nach Deutschland zu gehen, um sich dort bei der SPD zu engagieren, einer der angesehensten und fortschrittlichsten Gruppierungen in der internationalen Arbeiterbewegung.

Rosa hatte ihr Deutsch inzwischen perfektioniert. Um im Kaiserreich aber politisch aktiv sein zu können, musste sie deutsche Staatsangehörige sein. Dafür heiratete sie kurzerhand den Sohn deutscher Emigranten, Gustav Lübeck. Die Wege des frisch vermählten Paares trennten sich an der Ausgangstür des Standesamts. Im Mai 1898 traf die frisch gebackene Preußin Rosa Luxemburg in Berlin ein, um ihre Karriere im deutschen Sozialismus anzutreten.

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