¿Die Botschaft, die heute vermittelt werden sollte¿

Ein Kommentar zu Kommentaren

Geschichtsverständnis und Geschichtsdarstellung ist niemals ein einfaches Unterfangen. Das gilt für die deutsche Geschichte in besonderer Weise, und dass dies so ist, zeigt auch der eine oder andere Kommentar zur Serie ¿Die Deutschen¿. Da insbesondere die mittelalterlichen Folgen angesprochen sind, darf sich der Mittelalterhistoriker zu Wort melden.

Anzutreffen ist hier zum einen die Überzeugung, dass der Blick in die Geschichte eigentlich obsolet ist, wo doch Barack Obama uns allen die Lehre erteile, dass es um den Blick in die Zukunft gehe (FAZ). Außerdem sei unsere politische Heimat in Frankreich mit der Revolution und in den USA mit der Demokratie zu suchen. Was sollen hier noch "Die Deutschen"?

Zu viele Waffen, zu wenig Kultur?

Zum anderen findet man den kritischen Einwand, dass die Waffengewalt zu sehr betont würde, die Kulturgeschichte aber zu kurz komme (Funkkorrespondenz). Eine dritte Version der Einwände gilt der historischen Genauigkeit. Sachsen, Alemannen oder Bayern hätten doch mit den heutigen Ländern und Menschen nichts mehr zu tun, und die Rede vom Föderalismus sei anachronistisch (ebd.).

In allen diesen Standpunkten und Ansichten (und auch noch einigen mehr) spiegelt sich - das darf man ohne besondere Differenzierungsbemühungen sagen - die heute und schon seit langem übliche Geringschätzung der Geschichte, besonders der deutschen Geschichte und in höchstem Maße der mittelalterlichen deutschen Geschichte. Das hat seine Gründe, wie wir alle wissen. Dennoch darf wenigstens angemerkt werden, dass es in Europa keine politische und intellektuelle Elite gibt, die die Kontinuität der Gegenwart mit vergangenen Jahrhunderten, gar mit dem Mittelalter, mit einer derartigen Hartnäckigkeit ablehnt, wie das in Deutschland geschieht.

Wissen erwächst aus der Geschichte

In Frankreich zweifelt natürlich niemand daran, dass die Nation im Mittelalter entstanden ist. Dasselbe trifft auf Polen, Ungarn oder Spanien zu. In Italien mit dem Papsttum in Rom, den Rechtswissenschaften in Bologna, der Medizin in Salerno und der Renaissance in Florenz hegt und pflegt man geradezu die Anfänge im Mittelalter. Das Wissen einer Gesellschaft, so weiß man bei unseren Nachbarn, erwächst aus der langen Geschichte (longue durée), und die Beschäftigung mit ihr gehört zwingend zu den Bedingungen einer Wissenskultur. Soviel nur zum Alleinstellungsmerkmal des "deutschen Umgangs" mit Geschichte.

Die politische Korrektheit verlangt heute die Überwindung des nationalen Prinzips. Aber dass sich in Europa verschiedene Völker mit zum Teil recht unterschiedlichen Kulturen vereinen, wird man schlecht ignorieren können. Wir mögen diese Tatsache lieben oder nicht, wir sollten sie aber zumindest verstehen und wissen, wo ihre Wurzeln liegen. Dies hat im Grunde genommen nichts mit der deutschen Einheit von 1989/90 zu tun, auch wenn wir uns der Wirkung solcher Ereignisse natürlich nicht entziehen können und zu allen Zeiten aktuelle Ereignisse die Fragen an die Geschichte beeinflussen.

Identitätsschub für Kriegergesellschaft

Der Prozess der Herausbildung der europäischen Völker reicht nun einmal ins Mittelalter zurück (und, dies nebenbei gesagt, nicht in die Antike). Über den Beginn der Entwicklung wird man streiten können, aber ohne Frage gehören Kriege und Schlachten zu den entscheidenden Wirkkräften bei diesem Vorgang.

Wenn man sich einmal damit beschäftigt hat, mit welchem Aufwand unter den ottonischen Herrschern Jahr für Jahr der Sieg auf dem Lechfeld am Königshof und in den Kirchen des Reichs immer wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen wurde, wie der Tagesheilige des Schlachtensiegs, Laurentius, über Hunderte von Kirchen verbreitet und dort verehrt wurde, wie unangefochten von nun an Otto der Große als Herrscher mit europäischem Rang auftreten konnte (und sich auf dieser Grundlage die Kaiserkrone erwarb), dann wird man gar nicht umhin können, hier einen Identitätsschub für eine Kriegergesellschaft zu sehen.

Krieg war legitimes Mittel

"Die Deutschen" waren damit noch nicht geschaffen - das wird in der entsprechenden ersten Folge auch deutlich genug gesagt. Aber auch das sollte man nicht übersehen: Schon 200 Jahre später berichtet einer der berühmtesten Chronisten des Mittelalters, Otto von Freising, in seiner Chronik davon, dass viele seiner Zeitgenossen behaupteten, Otto der Große sei ein deutscher Herrscher gewesen. Geht uns das alles gar nichts an?

Kriege in der Geschichte und Militärforschungen sind für deutsche Mediävisten (im Unterschied etwa zu ihren amerikanischen Kollegen) weitgehend tabu, genauso wie es unsere Gesellschaft (zu Recht) heute vorzieht. In der mittelalterlichen Geschichte aber war das anders. In der Form der Fehde war Krieg sogar ein legitimes Mittel, sich Recht zu verschaffen. Der Stand der "Kämpfenden", seit dem 12. Jahrhundert Ritter genannt, war ein Berufsstand mit professioneller Ausrüstung und Ausbildung. Schlachten entschieden im Mittelalter (und nicht nur damals) das Schicksal von Völkern. Deshalb können sie bei den "Botschaften", die für die vergangenen Zeiten "heute vermittelt werden sollen" (Funkkorrespondenz), leider nicht fehlen.

Ursprünge moderner Nationen älter als geglaubt

Seit dem 12. Jahrhundert - und in diesem Sinne ist die Folge 3 über Barbarossa und seine Kriege in Italien ein gut gelungenes Beispiel - verstehen sich Kriegerheere im "Ausland" in zunehmender Weise als Vertreter eines Volkes oder ihres Reichs. Dies zeigt sich nicht nur an den "Deutschen", sondern auch an den "Franzosen", vor allem an den "Italienern", die sich gegen die Aggressoren aus dem Norden erstmals in ihrer Geschichte als Gemeinschaft begreifen.

Wir stehen an den Anfängen einer Art "Eigenliebe" der Völker, die sich fortan als gestaltende politische Kraft weiterentwickelte. Freilich, im 12. Jahrhundert sind wir immer noch von modernen Nationen weit entfernt, aber ihre Ursprünge sind viel älter, als moderne Zeithistoriker und Politiker (und auch manche Journalisten) gerne glauben möchten. Und es gibt ebenso in der Forschung keinen Zweifel daran, dass damals, als sich um 1200 die politische Ordnung endgültig auf den Weg zum "Fürstenreich" begab, die Grundlagen für unser heutiges föderales System gelegt wurden: Doch all dies keine Botschaft mehr für eine moderne Wissensgesellschaft?

Religiöse und kulturelle Kraftquellen

Dass es neben der kriegerischen Gewalt auch religiöse und damit kulturelle Kraftquellen im Mittelalter gab, müsste eigentlich in der zweiten Folge erkennbar gewesen sein. Jedenfalls wird hier doch in der Canossaszene eindringlich das Ringen des Papstes um die Beachtung der damaligen Werteordnung und den Einsatz der gebotenen Instrumente vorgeführt. Am Ende beugt sich der Rigorist dem christlichen Postulat der Barmherzigkeit und der Gnade - und sein Kontrahent, Heinrich IV., weiß, dass er damit rechnen kann.

Die Waffen des Papstes bestehen auch sonst allein in den moralisch-religiösen Grundsätzen, die nach seinem Tod fortwirkten und schon bald erste Schritte zu einer Differenzierung zwischen dem Weltlichen und dem Geistlichen hervorbrachten. Dieser politische wie intellektuelle Akt, "Welt" und "Kirche" wenigstens theoretisch zu trennen, ist ein epochaler Vorgang nicht nur für die deutsche, sondern für die gesamte europäische Geschichte. All dies wird im Film angesprochen, wenn auch manchmal nur in knappen Szenen: Auch dies keine Botschaft mehr für uns und unsere Zeit?

Der Preis der Visualisierung

Dass der Weg "der Deutschen" zu sich ein langer und mitunter verschlungener ist, wird in allen Folgen immer wieder betont. Dies war ein Anliegen der Filmemacher ebenso wie der wissenschaftlichen Berater. Und allen Beteiligten war und ist bewusst, dass die dargestellten historischen Vorgänge und Prozesse viel komplexer waren, als dies im Film gezeigt werden kann. Das ist der Preis der Visualisierung, die allein es ermöglicht, ein großes Publikum zu erreichen.

Freilich, es muss darauf geachtet werden, dass die Dinge nicht falsch dargestellt werden. Dieser Grundforderung, dies ist meine Überzeugung, wurde in enger Zusammenarbeit zwischen den Filmautoren und der Wissenschaft Rechnung getragen - dies lassen auch kritische Kommentare durchaus gelten ("nicht durch falsche Darstellung der Fakten", Funkkorrespondenz). Die Recherchen wurden mit großer Sorgfalt betrieben. Beim Cappenberger Barbarossakopf beispielsweise waren alle Beteiligten erst zufrieden, als auf Grund allerjüngster Forschungen einer jungen Wissenschaftlerin von der Universität Duisburg entschieden (und im Film dann auch gesagt) werden konnte, wie der Kronreif ursprünglich ausgesehen haben muss, der einst den Kopf umkränzt hat.

Neueste Forschungen herangezogen

Für die Kriegsführung der ungarischen Steppenreiter wurden, um ein weiteres Beispiel zu nennen, die neuesten Forschungen amerikanischer Kollegen herangezogen (vor allem von der Universität Little Rock in Arkansas), die sich jahrelang mit der Herstellung des ungarischen "Reflexbogens", mit dem Anstellwinkel der abgeschossenen Pfeile, ihrer Reichweite und Durchschlagskraft sowie der Taktik von Angriff und Rückzug beschäftigt haben.

Nicht weniger Sorgfalt wurde darauf verwendet, wichtige lateinische Begriffe einerseits quellennah, andererseits aber auch allgemeinverständlich zu vermitteln. Das Wort beneficium, das schon von den Zeitgenossen als Wohltat oder als Lehen verstanden und übersetzt werden konnte, hat - wie in Folge 3 dargestellt - zu schärfsten Kontroversen zwischen Kaiser Barbarossa und dem Papst geführt. Durch, wie ich meine, geschickte Überblendungen und szenische Gestaltung werden im Film die Vorgänge gut auf den Punkt gebracht.

Gestaltung ist immer strittig

Die Frage der Auswahl und der Gestaltung der Szenen könnte man - wie immer bei Filmen - endlos diskutieren, weil beim Medium Film "echte" Bilder entstehen, die durch ihre Eindeutigkeit mit den imaginären und schemenhaften Bildern unserer Gehirne übereinstimmen oder konkurrieren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Über das Internet ging mir die Beschwerde zu, dass die "deutschen" Menschen in den Mittelalter-Folgen nicht blond, sondern eher schwarzhaarig seien. Daran knüpfte sich die Frage, ob wir denn auch zu denen gehörten, die aus falsch verstandener political correctness Geschichtsfälschung betreiben.

Und in einem der Kommentare erscheint der Vorwurf, die Ungarn sähen aus wie Hunnen - und damit, so könnte man ergänzen, wie in den zeitgenössischen Darstellungen. In einem weiteren Kommentar wird wiederum die Forderung erhoben, man hätte die Menschen viel historischer erscheinen lassen müssen und nicht wie Gebrauchtwagenhändler unserer Gegenwart. Angesichts dieser bemerkenswerten Bandbreite beginnt man doch zu staunen - aber, wie gesagt, hier sind Klischees, Vorurteile und liebgewonnene Bilder so fest verankert, dass man keine Einigung erzielen wird.

Keine fröhlichkeit im Mittelalter?

Am Ende noch eine Bemerkungen zum Ernst der Geschichte. Der Dialog zwischen Otto dem Großen und Theophanu wurde in Kommentaren als "ridikül", ja gar als "dämlich" bezeichnet. Schade. Hier meldet sich, so steht zu befürchten, die "deutsche" Ernsthaftigkeit bei solchen Angelegenheiten zu Wort. Im Mittelalter war das anders. In der Chronik des Thietmar von Merseburg - etwa 40 Jahre nach Otto dem Großen - kann man jedenfalls lesen, dass die "Bayern", wohin sie auch kamen, alles regelrecht weggefressen und weggetrunken hätten. Und in bayerischen Handschriften über klösterliche Lebensgewohnheiten aus dem hohen Mittelalter steht am Rande derjenigen Stellen, wo Bier nur einmal die Woche erlaubt wird: "Merke wohl: bei uns täglich" (Nota bene: apud nos cottidie).

Dass sich eine hochgebildete Prinzessin aus Byzanz (die ein geradezu perfekt hintergründig-verschmitztes Lächeln aufsetzt) augenzwinkernd darüber lustig gemacht haben könnte - das sollte man doch heute ertragen können. Und nicht vergessen: Bei diesem fiktiven Dialog mit ihrem Schwiegervater (nicht Mann, wie es in einem Kommentar irrtümlich heißt) kann Theophanu erst zwölf oder 13 Jahre alt gewesen sein. Darf es im Mittelalter gar keine fröhliche Kindheit mehr geben?

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