Die frühen Sachsen

Vom Seeräuber zum Königsgeschlecht

In Politik und Geschichte ist nicht immer alles so wie es scheint. Ganz besonders gilt dies für die Sachsen. Wer sind sie denn nun wirklich, und wo liegt der Ursprung dieses deutschen Urstamms?

Otto der Große mit Reichskrone Quelle: ZDF

Die erste schriftliche Erwähnung der Sachsen stammt aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Ptolemäus von Alexandria berichtet von einem Stammesverband der "Saxones", der nördlich der Elbe etwa im heutigen Holstein siedelt. Ob allerdings hier tatsächlich bereits von einem "Stamm" die Rede sein kann oder nicht eher von einer Gruppe von Kriegern, lässt sich nicht eindeutig klären.

Angeln und Sachsen

Verbrieft ist der Stamm der Sachsen ab dem dritten Jahrhundert in der Gegend des heutigen Niedersachsens. Berühmt-berüchtigt sind sie auch als Seeräuber, die die Nordsee- und Kanalküste unsicher machen. Die Ausdehnung des Einflussbereichs der Sachsen erfolgt nicht ausschließlich kriegerisch. Offenbar ist der sächsische Lebensstil für einige Nachbarn so attraktiv, dass sie sich freiwillig unter deren Herrschaft begeben.

Im vierten und fünften Jahrhundert zieht ein Teil des sächsischen Stammes gemeinsam mit den Angeln über den Kanal auf die von den Römern verlassene britische Insel und gründet dort einige "angelsächsische" Königreiche. In deren Namen findet sich ihr Ursprung leicht wieder: Essex bedeutet Ostsachsen, Sussex Südsachsen und Wessex Westsachsen. Etwa zur gleichen Zeit verschiebt sich das kontinentale Kernland der Sachsen in die Region zwischen Elbe und Weser, was nicht allein der Auswanderung der "Angelsachsen" geschuldet war, sondern auch zunehmenden Sturmfluten und dem Anstieg der Meereshöhe im heutigen Ostfriesland.

Glaube oder Tod

Seine größte Ausdehnung erlangt das Sachsenreich im achten Jahrhundert; es umfasst nun das heutige Niedersachsen einschließlich Bremens sowie Westfalen. Außergewöhnlich für diese und spätere Zeiten: Der Gebietsgewinn erfolgt mit hoher Wahrscheinlichkeit auf friedlichem Weg. Ebenso erstaunlich ist die Tatsache, dass die Sachsen von Thingversammlungen regiert werden. In dieser urdemokratischen Gesellschaft haben alle Stände ein Mitspracherecht, ein König oder anderer Alleinherrscher ist den Sachsen unbekannt.

Die Machtzunahme der Sachsen provoziert ab dem achten Jahrhundert immer öfter Angriffe der Franken, die unter Karl dem Großen um 804 den Konkurrenten endgültig besiegen und christianisieren - nach dem Motto: "Glaube oder Tod". Ab diesem Zeitpunkt steht auch auf die Ausübung traditioneller heidnischer Bräuche die Todesstrafe, die demokratischen Thingversammlungen werden verboten. Die Macht übernimmt gemäß dem neuen Stammesrecht "Lex Saxonum" der frankenfreundliche, sächsische Adel.

Sächsisches Paradox

Doch die kampferprobten Sachsen lassen sich nicht unterkriegen. Sie erhalten sich nicht nur teilweise bis ins 12. Jahrhundert hinein einige heidnischen Rituale. Mit dem Niedergang der Franken steigen sie auch im neunten Jahrhundert auf wie Phoenix aus der Asche. Es bildet sich das Stammesherzogtum Sachsen heraus, das schnell eine bedeutende Stellung im sich entwickelnden Deutschen Reich einnimmt und mit Heinrich I. und den ihm folgenden Ottonen die ersten deutschen Könige und Kaiser stellt.

Otto I ist es auch, der das Gebiet des heutigen Freistaats Sachsen von den slawischen Sorben erobert und die "Mark Meißen" gründet. In späteren Jahrhunderten wird aus der Mark "Ober-Sachsen", während das Stammgebiet weiterhin "Nieder-Sachsen" genannt wird. Im Sprachgebrauch erhält sich allerdings nur der zweite Begriff, das "Ober" verschwindet mit der Zeit. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass die Bewohner Sachsens eigentlich Meißener sind und die wirklichen Sachsen zwischen Harz und Holland sowie zwischen Göttingen und Nordsee leben.

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