Duell der Mächte

Ein einzigartiger Kampf zwischen Kirche und Krone

Kein König vor ihm und kaum einer nach ihm musste so tief sinken: Als Heinrich IV. 1077 in Canossa vor Papst Gregor VII. kniete, schien er auf dem Tiefpunkt seiner Macht angekommen. Mit seiner Geste der Selbsterniedrigung, mit der er den Papst um die Auflösung des Kirchenbanns flehte, rettete er seine Königsmacht. Er erreichte später auch sein Lebensziel: die Kaiserkrone. Doch langfristig gesehen trug die Kirche den Sieg aus diesem langschwelenden Streit zwischen weltlichem Herrscher und Papst davon. So schätzen Historiker heute die Ereignisse von damals ein.

Am 7. August 1106 starb der streitbare Kaiser in Lüttich. Als er seine Augen schloss - so die Legende -, begannen die Glocken des Doms von Speyer zu läuten. Erst Jahre später konnte der Leichnam Heinrichs, der zum Zeitpunkt seines Todes im Kirchenbann gestanden hatte, auf Geheiß (seines Sohnes, Anmerkung der Redaktion) Heinrichs V. in der Familiengrablege in Speyer beigesetzt werden. Tausende Menschen standen dabei Spalier. Die ehemaligen Untertanen warfen Getreideähren und versuchten, den Sarg zu berühren. Der alte Glaube an die Heiligkeit des Königs fand hier noch einmal ihren Ausdruck in der Treue des Volkes.

War Heinrich IV. ein Verlierer oder ein Gewinner? War Canossa ein Moment tiefster Schande? Historiker sehen die Ereignisse heute differenziert. Die Quellen belegen, dass der Bußakt von Canossa für die Beteiligten keineswegs so überraschend kam, wie es zunächst den Anschein hatte. Vor seinem Erscheinen am Tor der Burg hatte Heinrich immer wieder Unterhändler und Vermittler entsandt. Doch Papst Gregor war offenkundig nicht zu Verhandlungen und einem daran sich anschließenden Akt der Versöhnung bereit, wie es mittelalterlichen Gepflogenheiten entsprochen hätte.

Gang nach Canossa: Kein Sieg von Dauer

Heinrich IV. Quelle: ZDF

Der "Gang nach Canossa" schließlich war ein aus der Rückschau hervorragendes Manöver, um den Papst zum Einlenken zu zwingen. Als Mann Gottes musste Gregor dem Büßer verzeihen, auch wenn es der Politiker in ihm wahrscheinlich nicht gewollt hat. Königsfreundliche Quellen lobten Heinrich für seinen erfolgreichen Schachzug: "Als Heinrich erkannte, wie sehr er in Bedrängnis geraten war, fasste er in aller Heimlichkeit einen schlauen Plan. Plötzlich und unerwartet reiste er dem Papst entgegen und erreichte mit einem Schlag zwei Dinge. Er empfing die Lösung vom Bann und verhinderte durch sein persönliches Dazwischentreten die für ihn verdächtige Unterredung des Papstes mit seinen Gegnern."

Tatsächlich war Heinrichs Rechnung aufgegangen. Er hatte innerhalb der von den Fürsten gesetzten Frist die Lösung vom Bann erreicht, indem er den Papst in eine Situation lavierte, in der dieser nicht mehr anders konnte, als nachzugeben. Und doch war es kein Sieg von Dauer.

Risse im Ansehen

Bereits drei Generationen nach Heinrich fällte der Historiograf Otto von Freising ein Urteil über Heinrich IV., das über Jahrhunderte gültig blieb. Die Kirche, so Otto von Freising, habe damals beschlossen, "ihn nicht als Herrscher des Erdkreises zu ehren, sondern als ein wie alle Menschen aus Lehm gemachtes irdenes Geschöpf mit dem Schwert des Bannes zu treffen".

Kaiserkrönung Heinrich IV. Quelle: ZDF,Jan Prillwitz

Canossa, so Otto, habe den König schwer beschädigt. So war es tatsächlich. Nicht die Buße selbst hatte Heinrich erniedrigt, sondern vielmehr die enorme Diskrepanz zwischen dem, was er selbst hatte verkünden lassen, und dem, was er nun lebte. Er unterwerfe sich ausschließlich dem Gericht Gottes, hatte er getönt, nur um sich dann kurz darauf dem Papst zu unterwerfen. Die Sakralität des Herrscheramts, die von den Saliern so hervorgehoben worden war, hatte enorme Risse bekommen. Die Folgen würden Heinrichs Nachfolger zu tragen haben. Nie wieder sollte es einem Herrscher gelingen, einen von ihm installierten Papst längerfristig an der Macht zu halten.

Weichen gestellt

Canossa stellte die Weichen im Kampf zwischen "Regnum" und "Sacerdotium", dem Konflikt zwischen der weltlichen und der geistlichen Macht. Die folgenden Jahrhunderte würden zeigen, dass es nicht das römische Kaisertum, sondern das Papsttum war, das als einzige Institution des Mittelalters unangefochten bleiben sollte. Der Staat selbst würde sich über die Jahrhunderte zu einem vollständig säkularen Gebilde entwickeln.

Noch im 19. Jahrhundert war das Bild der Demütigung des Königs im kulturellen Gedächtnis der Deutschen. Am 14. Mai 1872 formulierte Reichskanzler Otto von Bismarck in einer Auseinandersetzung mit der römischen Kurie den Satz: "Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht - weder körperlich noch geistig."

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