Epoche im Umbruch

Gesellschaftliche Umbrüche boten Nährboden für Luthers Denken und Handeln

Eigentlich wollte der Mönch und gelehrte Theologe Martin Luther zunächst nur Missstände in der Kirche anprangern und keine Politik betreiben. Dass sein Wirken dazu beitrug, Deutschland, Europa und in gewisser Weise auch die Welt zu revolutionieren, konnte er nicht voraussehen. Bei allem Personenkult, der schon zu seinen Lebzeiten um ihn betrieben wurde, war doch gerade er getragen von einer Epoche, die von gesellschaftlichen Umbrüchen gekennzeichnet war. Sie waren die Voraussetzung, dass Luthers Denken und Handeln eine solche Wirkung entfalten konnten.

Martin Luther als Junker Jörg Quelle: ZDF

Der Ruf nach Reform der Kirche "an Haupt und Gliedern" war schon im 15. Jahrhundert laut geworden. Manche Bischöfe, Geistliche, Theologen an den Universitäten beklagten längst die unhaltbare Zustände. Geistliche Fürsten waren auch Inhaber weltlicher Gewalt, oft gaben sie sich eher als Herrscher denn als Hirten. Das Papsttum mischte sich in das Schicksal von Dynastien und Völkern ein. Vielerorts in Europa regte sich Widerstand gegen die kuriale Bevormundung, das Finanzgebaren, den Pomp und den Ämterkauf; Bischofssitze gingen oft an Meistbietende. Vor allem die Renaissancepäpste entwickelten eine abschreckende Geldgier, schwelgten in Luxus, bereicherten aber andererseits die Weltkultur um prächtige Bauten und Kunstwerke - als spendable Mäzene.

Kritik an der Kirche

Für Abgaben und Steuern habe die Kirche tief in die Taschen vor allem der deutschen Untertanen gegriffen, so lautete jedenfalls der Vorwurf damals (heute ist bekannt, dass andere Nationen mehr zahlten). Mehr und mehr wurde das päpstliche Regiment auf den Reichsversammlungen kritisiert. Auch die deutschen Fürsten bezogen Position. Schon 1456 hatten sie alle Kritikpunkte in den "Gravamina (= Beschwernissen) der deutschen Nation" niedergeschrieben: die große Verschwendung, die Vetternwirtschaft, die Fremdbestimmung.

Drucktechnik beflügelte Gedanken

Die gläubigen Untertanen sehnten sich nach einer Rückführung des Kirchlichen auf den religiösen Kern und die Seelsorge. So war die Zeit offenbar reif für einen Mann wie Luther. Auch sonst standen die Zeichen der Zeit auf Wandel. Wenngleich vor allem in Deutschland Wissenschaft und Bildung nach wie vor kirchlich gebunden waren, begannen viele Gelehrte die geistliche Bevormundung infrage zu stellen, fochten Werte, Dogmen, Wahrheiten, die als absolut galten, an. Der "Humanismus" entdeckte den Menschen neu, setzte mehr Vertrauen in die sittlichen und geistigen Fähigkeiten des Individuums, das sich aus eigener Kraft vervollkommnen könne.

Auch der Kosmos wurde neu definiert, die kopernikanische Wende stand bevor, die Erde wich der Sonne als Zentrum des Universums. Die Erschließung der Kontinente in Übersee öffnete den Horizont der Europäer, leitete die Epoche der Weltgeschichte ein, die unter der Führung der seefahrenden europäischen Nationen stand. Mächtige Territorialstaaten bildeten sich heraus, die sich von fremder Bestimmung lösen wollten, vor allem von der römischen Kirche.

Die Epoche nationaler Eigenwege zeichnete sich ab. Frankreich, England, Spanien schritten besonders entschlossen voran, ihr Kirchenwesen suchten sie so weit wie möglich als National- oder Territorialkirche unter dem Dach der römischen Universalkirche zu gestalten. Gebildete räsonierten über die Legitimität der bestehenden gesellschaftlichen und sozialen Ordnung. Für eine schnelle Verbreitung der neuen Ideen sorgte nicht nur die höhere Mobilität, sondern auch eine technische Erfindung: das Drucken von Büchern und Schriften mit beweglichen und wiederverwendbaren Lettern.

Aufstieg des Bürgertums

Internationaler Handel beflügelte die Wirtschaft. Kaufleute konnten ungeheure Vermögen anhäufen. Mit dem Aufstieg des Bürgertums begann auch die Blüte der Städte, die für freiheitliche Reformen besonders aufgeschlossen waren. Gleichzeitig gab es eine große Zahl von "Habenichtsen", drohte breiten Schichten die Verarmung. Und dann kam Luther, der die Missstände in der Kirche beseitigen wollte, tatsächlich aber eine Lawine ins Rollen brachte.

Seine Lehre beeindruckte Mächtige und Ohnmächtige gleichermaßen. Ob Fürsten, Ritter, Bürger oder Bauern, für sie ging es in der Zeit der Reformation nicht nur um Glauben, sondern auch um die Zukunft ihres Standes in einer sich verändernden Welt.

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