"Gott mit uns"

Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg

Tagebuchnotizen und Briefe von engsten Vertrauten des Kaisers erlauben einen unverstellten Blick auf einen Monarchen, der sich langweilte und auf die Jagd ging, während seine Untertanen in den Schützengräben verheizt wurden.

Kaiser Wilhelm II. Gemälde um 1917 Quelle: Mehrl

Wilhelm verstehe es, so berichtete 1916 einer seiner Adjutanten, "durch 28-jährige Übung meisterhaft, sich zu drücken um alles Unangenehme, wozu bei ihm unter anderem auch Verantwortung und Arbeit gehören."

Im Krieg nur ein "Schattenkaiser"?

"Auf zu den Waffen", hatte Wilhelm II. seinen Untertanen zugerufen, als Europa Anfang August 1914 in den Krieg zog, und viele Soldaten folgten ihrem Kaiser begeistert ins Feld. "Seine Majestät" waren offenbar vom Gang der Ereignisse verstört. "Nimm Dir nicht alles so zu Herzen", beruhigte Kaiserin Auguste Viktoria ihren Gatten: "Du stehst so klar und gerecht vor der Welt."


Formell oberster Befehlshaber aller Streitkräfte, hatte Wilhelm II. im Krieg militärisch wenig zu sagen. "Wenn man sich in Deutschland einbildet, dass ich das Heer führe, so irrt man sich sehr. Ich trinke Tee und säge Holz", beschwerte er sich bereits drei Monate nach Kriegsausbruch. Längst hatten ihm die Generäle das Zepter aus der Hand genommen. Doch war der Kaiser während des Krieges nur ein "Schattenkaiser", wie selbst sein Biograf John Röhl meint? Tatsächlich oblag ihm bis Kriegsende die letzte Entscheidung in wichtigen militärischen und vor allem in Personalfragen. Hat er aber diese Macht zu nutzen versucht?

In sicherem Abstand zur Front

Der Krieg, 1914 allerorten so enthusiastisch begrüßt, fuhr sich schnell fest im blutigen Stellungskampf. Des Kaisers geliebte Hochseeflotte dümpelte in ihren Heimathäfen vor sich hin, während der Oberste Kriegsherr Orden an verdiente Soldaten verteilte. Immer in der Nähe des Großen Hauptquartiers, in sicherem Abstand zur Front, war er bis zuletzt blind für die sinnlosen Opfer seines Volkes. In den blutigen Schlachten im Westen, bei Verdun und an der Somme, wurden Hunderttausende sinnlos geopfert. An den Kriegsschauplätzen zum erstenmal dabei waren die Filmkameras der Propagandakompanien. Dramatische Filmszenen brachten in das noch junge Kino die Wirklichkeit des Krieges, die weit entfernt war vom heroischen Sterben fürs Vaterland.

Verdun - zerstört im Ersten Weltkrieg Quelle: dpa

Launenhaft und großspurig

Auch im Krieg pflegte der letzte deutsche Kaiser seine berüchtigte Sprunghaftigkeit. Launenhaft mit aufbrausendem Temperament brüskierte er seine Umgebung mit maßloser Egozentrik. Nach der siegreichen Schlacht von Tannenberg wollte er 90.000 russische Gefangene dem Hungertod preisgeben, dann wieder beklagte er den Tod ertrunkener Frauen und Kinder im uneingeschränkten U-Boot-Krieg als "Barbarei ohne Gleichen". Erst ging für ihn der Krieg nie zu Ende, dann wieder verkündete er großspurig, er sei stahlhart und alle müssten vor ihm auf die Knie.

Flucht nach Holland

Der Friedensschluss mit dem revolutionären Russland konnte die deutsche Niederlage nicht aufhalten. Das Kriegsglück wendete sich endgültig, als die USA in den Krieg eintraten. Am 9. November 1918 verkündete Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers, tags darauf floh Wilhelm nach Holland. Nicht die für den Krieg Verantwortlichen, sondern die demokratische Regierung von Weimar musste die harten Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles akzeptieren. Im Exil im holländischen Doorn sann der Kaiser auf Rache. Die wahren Hintergründe der Revolution hat er nie akzeptiert. Für ihn war alles ein Machwerk der Juden, ein "Verrat des von dem Judengesindel getäuschten belogenen deutschen Volkes gegen Herrscherhaus und Heer."

Glückwünsche an Hitler

Die Nationalsozialisten verachtete er, ihre Vertreter empfing er: Hermann Göring war zweimal Gast des Ex-Kaisers. Mit dem Glückwunschtelegramm an Hitler 1940 zur Einnahme von Paris sollte der Ex-Kaiser seine letzte Chance vertun, sich als christlich geprägter Herrscher gegen ein Terrorregime zu stellen. Er bewunderte die Erfolge Hitlers.

In einem bislang unbekannten Brief an den Journalisten Otto Mossdorf schwärmte 1939 Kaiserin Hermine, die zweite Frau Wilhelms: "Den Kaiser in Gegensatz zur deutschen Regierung bringen zu wollen, ist eine Infamie. Man sollte ihn hören, wie er über all das Große, was der Führer geschaffen hat, spricht, und wie er alles anerkennt und sich darüber freut ... Immer war es sein Wunsch, Versailles zu zerschlagen. Der Führer hat schon so viel davon erreicht, möge ihm auch das Letzte gelingen."

Kaiser Wilhelm II. - Büste vor dem Haus Doorn Quelle: dpa

Zwei Jahre später starb der letzte deutsche Kaiser vereinsamt und verbittert in Doorn, ohne noch einmal nach Deutschland zurückzukehren. Der "Führer" schickte einen Kranz.

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