Heinrich IV.

Streitbarer Kaiser

Schon mit sechs Jahren war er König, 50 Jahre später später drängte ihn der eigene Sohn zur Abdankung: Kaiser Heinrich IV. (1050 - 1106) erlebte Höhen und Tiefen eines mittelalterlichen Herrschers. Zeitlebens kämpfte er um die Macht im Reich - mit den deutschen Fürsten, mit dem Papst. Sein heute noch berühmter "Gang nach Canossa" markierte den Höhepunkt des "Investiturstreits" zwischen Papst und Kaiser.

Kaiser Heinrich IV.

Heinrich IV. wurde am 11.11.1050 als lang erwarteter Thronfolger von Kaiser Heinrich III. in der Pfalz Goslar geboren. Sein Vater setzte durch, dass Heinrich schon im Alter von knapp vier Jahren zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Tatsächlich starb der Kaiser wenig später: Mit sechs wurde Heinrich IV. König.

Endloser Reiseweg

Seine Mutter mühte sich, die Regentschaft auszuüben, doch die Fürsten trauten dies einer Frau nicht zu: 1062 ließ der Erzbischof von Köln den jungen Kaiser aus der Pfalz Kaiserswerth bei Düsseldorf entführen - eine Aktion, bei der Heinrich beinahe ums Leben gekommen wäre. Die Entführung prägte Heinrich: Nie wieder in seinem Leben vertraute er den Fürsten.

Als er 1065 anlässlich seiner "Schwertleite" für mündig erklärt wurde, konnte er nur mühsam davon abgebracht werden, den Kölner Erzbischof zu töten. Für Heinrich begann nun der endlose Reiseweg eines mittelalterlichen Königs. Sein Reich kannte weder Hauptstadt noch eine zentrale Verwaltung. Regierungsgewalt konnte er nur ausüben, wenn er vor Ort war: So zog er mit seinem kaiserlichen Troß durch das Reich, oftmals in Zeltlagern übernachtend.

Verhasste Braut

Die Dynastie der Salier brauchte Nachwuchs, um Kontinuität zu gewährleisten. Schon im Alter von fünf Jahren wurde Heinrich seiner Cousine Berta von Turin "anverlobt": ein politisches Heiratsversprechen, denn Berta war mit den mächtigen Grafen von Savoyen verwandt. Sie wuchs am kaiserlichen Hofe auf, um auf ihre Rolle als Königin vorbereitet zu werden. Die Hochzeit erfolgte 1068. Doch der Bräutigam war nicht begeistert. "Sie war ihm so verhasst, dass er sie nach der Hochzeit freiwillig nie mehr sah", schreibt der Chronist Bruno.

Die Strategen bei Hof hatten die Willenskraft des Kaisers unterschätzt. 1069 rief er die Fürsten zusammen und verkündete, er wolle sich scheiden lassen. Damals ein ungeheuerlicher Vorgang. Ebenso wie Heinrichs Begründung: Er habe die Gemahlin nie angerührt, ihre Jungfräulichkeit sei erhalten, die Ehe also nie vollzogen worden. Die Fürsten überließen dem Papst die Entscheidung. Der lehnte die Scheidung ab.

Ausschweifender Lebensstil

Der Kaiser fügte sich dem päpstlichen Willen. In den Folgejahren brachte das Kaiserpaar sogar mehrere Kinder zur Welt, darunter den späteren Thronfolger Heinrich V.. Wie sich noch zeigen sollte, war das Vater-Sohn-Verhältnis jedoch denkbar schlecht.

Heinrich IV. pflegte seinen Ruf als ein Mensch, der konsequent Traditionen bricht. Er verkehrte offenbar mit zahlreichen Konkubinen, umgab sich mit nicht-standesgemäßen Ministerialen und misstraute den deutschen Fürsten. Nur mit Glück ging er aus einem Streit mit den Fürsten in Sachsen und Thüringen, den Chronisten schon als "Bürgerkrieg" bezeichneten, als Sieger hervor.

Streitbarer Gegner

Nun aber stand eine Auseinandersetzung an, die die Welt des Mittelalters erschüttern würde und als "Investiturstreit" in die Geschichtsbücher einging: Nach dem Tod von Papst Alexander II. im Jahr 1073 wurde Gregor VII. neuer Pontifex in Rom - ein ähnlich streitbarer Charakter wie der Herrscher selbst. Beide glaubten, ihr Amt und ihre Macht allein Gott zu verdanken. Der neue Papst beanspruchte schließlich für sich das Recht, jederzeit Bischöfe ab- und wieder einsetzen zu können. Darüber hinaus verkündete der Papst, es sei ihm erlaubt, sogar Kaiser abzusetzen.

Für Heinrich IV. waren das unannehmbare Positionen. Die Ernennung eines neuen Mailänder Erzbischofs durch den Kaiser 1075 ließ den Streit eskalieren. 1076 erklärte der Papst den Kaiser für abgesetzt und verhängte den "Kirchenbann": Heinrich IV. war aus der Kirche ausgeschlossen.

Bußgang über die Alpen

Die deutschen Fürsten trafen sich in Trebur am Rhein und setzten dem König ein Ultimatum: Sollte er sich nicht binnen eines Jahres vom Bann befreien, werde er die Königskrone verlieren. Den Papst luden sie bereits für Februar 1077 zu einer Versammlung nach Deutschland ein. Eine knappe Frist für damalige Reiseverhältnisse: Heinrich IV. sah sich gezwungen, im Winter die Alpen zu überqueren, um den Papst noch treffen zu können, der bereits von Rom in Richtung Deutschland aufgebrochen war. So kam es zur geschichtsträchtigen Begegnung auf der Burg Canossa in Norditalien, wo der Monarch durch unterwürfige Gesten den Papst dazu veranlasste, den Kirchenbann aufzuheben.

Heinrichs Herrschaft war damit keineswegs unangefochten. Obwohl der Kirchenbann aufgehoben war, wählten die deutschen Fürsten einen neuen König: Rudolf von Schwaben. Auch der Papst schlug sich auf dessen Seite und sprach 1080 erneut den Bann über Heinrich aus. In einer Schlacht der beiden königlichen Heere wurde Rudolf schwer verletzt - unter anderem an der rechten Hand. Für die Zeitgenossen ein Zeichen Gottes: Die Hand, mit der er dem König Heinrich Treue geschworen hatte, wurde ihm im Kampf abgetrennt. Rudolf erlag sogar seinen Verletzungen.

Dramatisches Ende

Heinrich war als der "wahre König" anerkannt. Was ihm jedoch noch zur Vollendung seiner Herrschaft fehlte, war die Krönung zum Kaiser. So zog Heinrich 1081 nach Rom. Sein Gegenspieler, Papst Gregor VII., zog sich in die Engelsburg zurück und dachte gar nicht daran, Heinrich zu krönen. Heinrich ließ einen neuen Papst ernennen - Clemens III. - , der ihn zu Ostern 1084 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches krönte.

Wie der Beginn, so gehörte auch das Ende von Heinrichs Herrschaft zu den großen Dramen des Mittelalters. Sein Sohn Heinrich V. erhob sich gegen den Vater, ließ ihn 1105 festnehmen und auf der Burg Ingelheim einsperren. Heinrich IV. war gezwungen, abzudanken und dem Sohn die Reichsinsignien aushändigen. Die Fürsten wählten Heinrich V. zum König, jubelnd in der Gewissheit, den gehassten Vorgänger losgeworden zu sein. Heinrich gelang jedoch die Flucht aus Ingelheim. Er stellte bereits ein neues Heer auf, als er 1106 in Lüttich starb. Die Legende erzählt, die Kirchenglocken des Doms zu Speyer hätten zu läuten begonnen, als der streitbare Kaiser seine Augen schloss.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet