"Herrliche Zeiten"

Wilhelm II. im Zenit der Popularität

So hätte es für ihn immer weitergehen können: Paraden, Manöver, Empfänge, eine Admiralsuniform für den Besuch des "Fliegenden Holländers" und eine eigene Flotte, gleichsam als Spielzeug. "Herrliche Zeiten" hatte Wilhelm II. den Deutschen versprochen und es schien lange so, als würde er sein Volk nicht enttäuschen.

Zum silbernen Thronjubiläum am 17. Juni 1913 stand der Kaiser im Zenit seiner Popularität. Schon frühmorgens brachten 7000 Berliner Schulkinder "Seiner Majestät" ein Ständchen.

Erster deutscher Medienstar

Bei sprichwörtlichem "Kaiserwetter" pilgerten Hunderttausende ins festlich geschmückte Zentrum der Reichshauptstadt, wo Wilhelm II. vom Balkon des Berliner Schlosses seinen Untertanen zuwinkte. Ein Tag, ganz nach dem Geschmack des letzten deutschen Monarchen. "Er wäre ein fabelhafter Televisionskaiser geworden. Wenn er gekonnt hätte, hätte er jeden Abend im Fernsehen eine Pressekonferenz gegeben", sagt der Historiker Michael Stürmer über Wilhelm II., den ersten deutschen Medienstar. Kein Zweifel, der Kaiser war populär. Als "Friedenskaiser", so dachten viele, würde er in die Annalen der Geschichte eingehen. Doch es sollte anders kommen.

Brandreden und Narzissmus

Der letzte Preußenkönig war ein Mann der Gegensätze. Dem technischen Fortschritt zugewandt, förderte er die Wissenschaften und wusste sich als einer der ersten der neuen Cinematographie zu bedienen.
Doch "Seine Majestät" gab sich mitunter der Illusion hin, ein Herrscher von "Gottes Gnaden" zu sein. Seine unüberlegten Brandreden, sein Narzissmus, sein Hang zur Selbststilisierung machten ihn gelegentlich zur "tickenden Zeitbombe" auf dem Parkett der europäischen Diplomatie.

Bei der Geburt beinahe gestorben

Viele seiner Taten erklären sich auch aus einer problematischen Kindheit und einem Geburtstrauma, das Wilhelm II. wohl Zeit seines Lebens verfolgte. Am 27. Januar 1859 schenkte Kronprinzessin Victoria, Princess Royal of England und Ehefrau des deutschen Thronfolgers Friedrich Wilhelm von Preußen, einem Knaben das Leben. Das Kind wäre bei der Geburt beinahe gestorben. Eine Verletzung des linken Arms blieb tagelang unbemerkt.

Trotz schmerzhafter Behandlungsmethoden blieb der Arm zeitlebens gelähmt und verkürzt. Ein schlechtes Omen für den zukünftigen König von Preußen und deutschen Kaiser, das die Beziehung zu seiner Mutter schwer belastete. "Sein Arm verbitterte mir das Leben", klagte Prinzessin Victoria.

Fataler Rüstungswettlauf

Liebevolle Aufnahme fand Prinz Wilhelm bei seiner englischen Großmutter, der legendären Queen Victoria. Auf ihrem Feriensitz Osborne House auf der Isle of Wight verbrachte der deutsche Prinz glückliche Tage. Beeindruckt von der mächtigen britischen Flotte erwachte hier sein Wunsch, "auch einmal eine so schöne Flotte wie die englische zu besitzen."

Aus dem Jugendtraum wurde ein fataler Rüstungswettlauf, der Kaiser-Deutschland immer mehr isolierte. "Ein tödliches Spiel. Das fatalste Spiel, das Wilhelm II. und die Deutschen je gespielt haben", so Michael Stürmer.

"Gefangene werden nicht gemacht"

Kaum eine Gelegenheit ließ Wilhelm II. aus, um seinem ungebremsten Rededrang zu frönen. "Meine Nachfolger sollen einmal wissen, dass ich forsch war", deklamierte er. Die "Hunnenrede" wurde berühmt: "Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht", forderte der Kaiser die Teilnehmer des Expeditionskorps auf, das nach China aufbrach, um die Ermordung des deutschen Gesandten Freiherr von Ketteler zu rächen. Die Soldaten sollten ihren Kaiser beim Wort nehmen.
Er war kein Kriegsverbrecher, aber auch kein Friedensfürst. Er hatte die Macht, doch er hat sie nicht genutzt. Nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 unterstützte er Österreichs harten Kurs gegen Serbien. Den großen Weltenbrand hat er freilich nicht gewollt. Bis zum Schluss glaubte er, aufgrund enger Beziehungen zu seinem Cousin Zar Nikolaus II. den Krieg verhindern zu können. Doch es war zu spät.

"Kleine Persönlichkeit"

"Hier ist ein Mann, der sicherlich zu den Hauptverantwortlichen der großen 'Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts' gehört. Ihm ist die Größe des Desasters und das Ausmaß an Verantwortung, die ihm, aber auch seinen Mitmonarchen zukommt, nicht klar geworden. Er war eine viel zu kleine Persönlichkeit vor einer viel zu großen Maschine", sagt der Historiker Michael Stürmer.

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