Kolonien für den Kaiser

Afrika wird zum Rohstofflieferant

In der Nähe von Hamburg wird heftig diskutiert: Auf Bismarcks Schloss Friedrichsruh kommt es zu direkten Gesprächen zwischen Woermann und dem Kanzler. Jede aufstrebende Nation brauche Kolonien, drängt Woermann Bismarck.

Der Reeder argumentiert, dass Kolonien das Land mit dringend benötigten Rohstoffen versorgen würden und einen Markt für deutsche Warenexporte schaffen. Außerdem könnte verhindert werden, dass deutsche Auswanderer in ein "Konkurrenzland", wie etwa Nordamerika, gehen, wenn es deutschen Siedlungsraum gäbe. Auf diese Weise blieben auch die tüchtigen jungen Arbeitskräfte im "eigenen Land".

Kolonien zum Stimmenfang

Doch die anderen imperialistischen Mächte haben die Welt längst aufgeteilt. Nord- und Südamerika sind weitgehend unabhängig. Der Rest, weiße Flecken auf der Landkarte, sind Wüsten, Urwälder. Die Einwohner gelten nur als kulturlose Wilde, denen man die "Segnungen der Zivilisation" bringen muss. Nach langen Gesprächen in Bismarcks Arbeitszimmer ändert der eiserne Kanzler seine Meinung. Doch woher kommt der plötzliche Sinneswandel?


Bismarck wollte sein eigenes politisches Überleben sichern, denn die Reichtagswahlen standen kurz bevor. Auch um die Wähler-Stimmen der Kolonialbegeisterten zu gewinnen, lässt er die "Lüderitzbucht" an der namibischen Westküste durch Kaiser
Wilhelm I. unter Reichsschutz stellen. Das Kaiserreich ist zur Kolonialmacht geworden. 1884 kommen die ersten "Schutztruppler" nach Afrika. Bismarck vermeidet bewusst den Begriff Kolonien. Mit der Bezeichnung "Schutzgebiete" will er schönreden, dass er eigentlich Menschen aus ihrem Land vertreibt und ausbeutet.

Ein Entdecker wird zum Eroberer


Kurze Zeit später wird der Forscher Gustav Nachtigal zum Reichskommissar ernannt und bricht mit dem Kanonenboot "Möwe" nach Westafrika auf. Doch auch die Engländer sind schon unterwegs. Der Wettlauf beginnt: Wer als erster seine Fahne hisst, dem gehören Land und Menschen. Um den deutschen Handel zu sichern, stellt Nachtigal das Togogebiet unter kaiserlichen Schutz. Die nächste Annexion folgt keine zehn Tage später: Kamerun.



Nur wenige Stunden vor den Engländern erreicht Nachtigal die Küste. Als der britische Konsul Hewitt eintrifft, wird die deutsche Herrschaft über Kamerun bereits gefeiert. Die englische Presse spottet über den "too late consul". Woermanns Agenten vor Ort haben für den Reichskommissar Nachtigal die Verträge schon vorbereitet. Mit dem Kriegsschiff im Rücken werden die Vereinbarungen durchgesetzt. Auch im Pazifik hissen Kommandanten die Reichs-Flagge. Der deutsche Forschungsreisende Dr. Otto Finsch annektiert im Auftrag der Reichsregierung eine Inselgruppe vor Borneo, das "Bismarck Archipel". Wenig später werden auch die weit im Pazifik gelegenen Marshall-Inseln in Besitz genommen.

Die Hansestadt boomt

Dank der Kolonien und mit Bismarcks Hilfe steigt Hamburg zum größten Überseehafen Europas auf. Waren aus den Kolonien werden von hier aus ins ganze Reich verteilt. Kaffee, Bananen, Ananas und Orangen sind die Früchte einer neuen deutschen Waren-Welt. Besonders für die Besitzer von Kolonialwarenläden bedeutet das einen gewaltigen Umsatz.


Nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Rohstoffen wie Kautschuk, machen die Überseekaufleute gute Geschäfte. Die neue Auto- und Elektroindustrie floriert, deshalb entsteht in diesen Bereichen ein erhöhter Bedarf an Kautschuk. Die große Nachfrage nach dem Rohstoff verhilft Adolph Woermann zum Ausbau seines Reederei- und Handels-Imperiums. Ein regelrechter Gummiboom wird ausgelöst.

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