Mit letzter Kraft

Stresemann starb zu früh, um den Zerfall der Republik aufhalten zu können

Gustav Stresemann war in einer Zeit Reichskanzler, als von links kommunistische Aufstände drohten und die radikale Rechte eine nationale Diktatur forderte. Bis zuletzt versuchte er als Außenminister die Demokratie zu retten. Doch durch seine ständige körperliche und geistige Überanstrengung, ein Herzleiden und eine chronischen Stoffwechselkrankheit, lebte er nicht lang genug, um einen erneuten Weltkrieg abwenden zu können.

Brennender Reichstag
Brennender Reichstag Quelle: dpa-bildfunk

Der Young-Plan legte 1929 erstmals die Summe der Kriegsentschädigungen endgültig fest: 112 Milliarden Reichsmark - und auch die Höhe der Raten: Statt 2,5 Milliarden Reichsmark, wie in der alten Regelung vorgesehen, sollte Deutschland fortan "nur" 2 Milliarden pro Jahr zahlen, ein Entgegenkommen also. Und dennoch brach bei der fanatischen Rechten ein Sturm der Entrüstung los. Nicht die Erleichterung der Jahresbeiträge zählte, die bloße Endsumme genügte Stresemanns Gegnern, ihre Hetze gegen den angeblichen Erfüllungspolitiker weiter zu forcieren.

Republikfeinde machen mobil

Plakat mit Aufschrift "Bis in die dritte Generation"
Plakat: Hetzkampagne gegen Stresemann Quelle: ZDF

"Stresemann, verwese man!", lautete ein verächtliches Wortspiel der Rechtsextremen schon seit Locarno - sie sahen ihn als Landesverräter und "nationalen Schädling". Die Republikfeinde riefen einen "Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren" ins Leben, um die Annahme des Young-Plans per Plebiszit zu verhindern. Die Propagandamühlen liefen auf Hochtouren.

Kopf dieses selbst ernannten Ausschusses war Alfred Hugenberg, mittlerweile Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei und Inhaber eines weit verzweigten Medienimperiums. Der Kampf gegen den Young-Plan war für den Parteichef ein Mittel, die zersplitterte Rechte gegen die Republik zu mobilisieren.

Politische Grabenkämpfe

Adolf Hitler und andere Rechtsextremisten
Adolf Hitler, rechtsextreme Gegner Stresemanns Quelle: ZDF

Mit von der Partie waren auch Franz Seldte, Vorsitzender des so genannten "Stahlhelms", einer Organisation ehemaliger Frontsoldaten, und als Juniorpartner jener gescheiterte Putschist von 1923, der seine Parteiorganisation inzwischen neu belebt und organisiert hatte, mit Verbündeten in der Wirtschaft, beim Militär und im Beamtentum: Adolf Hitler. Zwölf Abgeordnete der nach der Landsberger Haft neu gegründeten NSDAP saßen seit 1928 im Reichstag.

So geriet Stresemann einmal mehr in politische Grabenkämpfe, zwang sich immer wieder aus dem Krankenbett, um die endgültige Lösung der Reparationsfrage voranzutreiben und den früheren Abzug der Besatzer aus dem Rheinland zu erreichen. Er brauchte unbedingt einen vorzeigbaren Erfolg, um seinen Gegnern Paroli bieten zu können. In einer dramatischen Note an Briand flehte er um die Zusage für ein verbindliches Datum des Rückzugs vom Rhein - sein politisches Schicksal hänge davon ab.

Wiedererstarken Deutschlands befürchtet

Briand persönlich wäre ihm gern unverzüglich entgegenkommen, doch auch er hatte Rücksicht zu nehmen auf nationalistische Stimmungen in Frankreich. Viele seiner Landsleute fürchteten ein allzu rasches Wiedererstarken Deutschlands, denn selbst unter den Bedingungen des Versailler Vertrags erwies sich längst schon wieder das enorme wirtschaftliche Potenzial des Nachbarn.

Hetzkampagnen und rechte Presse

Schließlich erreichte Stresemann die erlösende Botschaft Briands. Das Vertrauen hatte sich ausgezahlt: Bis zum 30. Juni 1930 sollte die Räumung des gesamten Rheinlands vollzogen sein, fünf Jahre vor der im Versailler Vertrag festgelegten Frist. Würde das der radikalen Rechten im Reich den Wind aus den Segeln nehmen?
Hugenberg ignorierte Stresemanns Erfolg ganz bewusst. Er und sein Günstling Hitler konnten nur profitieren, wenn die Drohkulissen erhalten blieben, wenn die Menschen glaubten, dass die Deutschen zu ewiger Knechtschaft verdammt waren. Stresemann wusste, gegen die rechte Presse war schwer anzukommen. Auch körperlich geschwächt, kämpfte er immer wieder gegen Gefühle von Resignation an, wollte er die Menschen vor den Rattenfängern warnen: "Ich müsste jetzt in jede Schule, in jede Universität gehen, um die jungen Menschen zurückzuhalten vor diesen Verführern, aber ich habe nicht mehr die Kraft."

Die Hetzkampagnen und zähen Verhandlungen hatten ihre Spuren hinterlassen, immer öfter machten ihm seine Herzprobleme zu schaffen. Anfang September 1929 nahm Stresemann nochmals unter Mobilisierung aller Kräfte an einer Völkerbundversammlung teil. Wie andere nutzte auch er die Zusammenkünfte im Genfer Palais Wilson als Forum für europäische Zukunftsvisionen. Stresemann forderte Schritte zur wirtschaftlichen Einigung: "Wo bleibt in Europa die europäische Münze, die europäische Briefmarke?" Briand trug in einer engagierten Rede den Plan zur Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa - einer Zoll- und Wirtschaftsunion - vor.

Fataler Schlaganfall

Trauerzug vor dem Brandenburger Tor
Begräbnis Gustav Stresemanns Quelle: ZDF

Dass solchen Gedanken Jahrzehnte später einmal Taten folgen würden, sollte Stresemann nicht mehr erleben. Dazu bedurfte es offenbar noch einmal der Erfahrung eines furchtbaren Weltkriegs, musste erst halb Europa in Trümmern liegen. Der Staatsmann hatte unbedingt verhindern wollen, dass es noch einmal zu einer solchen Katastrophe kam, doch dafür schied er zu früh aus dem Leben. In den frühen Morgenstunden des 3. Oktober 1929 starb er an den Folgen eines Schlaganfalls, nur 51 Jahre alt.

Wer sich die Filmaufnahmen von den Trauerfeierlichkeiten vor Augen führt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bedeutung Stresemanns von der Mitwelt erst nach seinem Tod wirklich begriffen wurde. Die Beileidsbekundungen aus dem In- und Ausland waren Ausdruck tiefster Bewegung, ja Erschütterung. In aller Welt wurden die Verdienste Stresemanns zum Teil überschwänglich gewürdigt, er war international der am meisten geachtete deutsche Politiker.

"Mehr als ein Verlust: ein Unglück"

Träger mit dem Sarg Gustav Stresemanns
Begräbnis Gustav Stresemanns Quelle: ZDF

Seine Beisetzung war weit mehr als ein angeordneter Staatsakt, sie kam einem Volksbegräbnis gleich. Nur die Hetze der radikalen Rechten verstummte auch in diesen Tagen nicht: "Stresemann, verwese man!", lautete immer noch die menschenverachtende Parole aus ihren Reihen.

In Berlin versammelten sich führende Politiker Deutschlands und Europas anlässlich seines Begräbnisses. Im Reichstag, am Platz Präsidenten, wurde der Leichnam feierlich aufgebahrt, ein schwarzer Baldachin mit dem Reichsadler überdachte den Sarg. Viele empfanden so, wie ein Journalist, der Stresemann nahestand, es zum Ausdruck brachte: Es sei "mehr als ein Verlust: ein Unglück".

Bewegende Beisetzung

Die Bilder vom Tag des letzten Geleits sind noch immer bewegend: Vor dem Reichstag, auf dem Platz der Republik, hatten sich zigtausende Menschen eingefunden, weitere Tausende säumten den Weg zur letzten Ruhestätte auf dem Luisenstädtischen Friedhof. Dort erklang das Lied "Am Brunnen vor dem Tore", wie es sich Stresemann gewünscht hatte - und ein von ihm selbst gedichteter Vers wurde vorgetragen:

"Und wenn ich einstens sterben werde / Ihr lieben Brüder, seid mir hold / Gebt mir in die dunkle Erde / Mein Band, das hehre, schwarz-rotgold ". Unter den Tönen des Deutschlandlieds wurde der Sarg in das Grab hinabgelassen. Es war einer der denkwürdigsten Momente der Weimarer Republik. Mit ihm hatte sie eine ihrer tragenden Gestalten verloren.

Anfang vom Ende?

Schwarzer Freitag an der New Yorker Börse 1929 Quelle: ap

Markierte sein Tod den Anfang vom Ende? Nur knapp drei Wochen nach Stresemanns Begräbnis, am 25. Oktober 1929, dem "Schwarzen Freitag", stürzte der katastrophale Börsencrash in New York die Welt in ihre bis dahin schwerste Wirtschaftskrise. Sie traf Deutschland mit besonderer Härte. Weitere Millionen von Menschen wurden binnen kurzer Zeit arbeitslos.

Nur wenige Jahre nach der Inflation musste wieder ein erheblicher Teil der Bevölkerung um seine wirtschaftliche Existenz bangen. Wieder wollte eine Große Koalition die Lage meistern, wieder einmal sollte sie scheitern. Es begann die Zeit steter Notverordnungen und sogenannter Präsidialkabinette und damit die Erosion der Demokratie. Das Parlament, in seiner Zerstrittenheit zwischen den politischen Lagern, manövrierte sich selbst ins Abseits.

Demokratie hatte eine Chance

Es fehlten Brückenbauer und Krisenmanager wie Gustav Stresemann. Sein Werdegang, sein Lebenslauf, seine Entwicklung geben ein Beispiel, dass die erste Demokratie auf deutschem Boden eine Chance hatte. In Stresemann verbanden sich Vergangenheit und Zukunft, das Heimweh nach der alten Zeit und doch auch die Vernunft, die der neuen politischen Epoche Rechnung trug.

Hätte er Hitler verhindern können?

Widersprüchliche Gefühle, die vielleicht Millionen mit ihm teilten, brachte er in Einklang miteinander. Er wandelte sich vom Monarchisten zum Vernunftrepublikaner, vom Kriegstreiber zu einem Protagonisten europäischer Verständigung. Er führte vor Augen, dass Vernunft und nicht Verbitterung Deutschlands Stellung in der Welt bestimmen musste, überforderte sich selbst, trieb Raubbau an seinem Körper, bis zur völligen Erschöpfung.
Hätte der erfolgreichste Politiker der Weimarer Republik Hitler verhindern können? Dies zu bejahen, wäre wohl vermessen. Doch hätte er sicher alles in seiner Macht Stehende getan, um die Demokratie nicht kampflos preiszugeben. Es war bezeichnend, dass die DVP bei der Reichstagswahl 1930 sein Konterfei auf ihr Wahlplakat setzte - darüber stand in roten Lettern der Appell: "Wählt meine Partei."
Es war vergebens: Die NSDAP fuhr einen Erdrutschsieg ein, erreichte 18,2 Prozent der Stimmen, legte um 15,7 Prozent zu, die Partei des verstorbenen Außenministers verlor mehr als die Hälfte ihres Anteils, ihr blieben 7 Prozent. Stresemann, einer der großen deutschen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, starb zu früh, um den Zerfall der Republik aufhalten zu können.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet