Nackt dem nackten Christus folgen

Mittelalterliche Klöster zwischen Armutsideal und Machtanspruch

Sie wollten eine Gegenwelt nach dem Beispiel Christi errichten, doch die Orden scheiterten am Erfolg ihrer Ideale. Der enorme Zulauf und ihr intellektuelles Potenzial machten die Klöster reich und mächtig, so wurden sie Teil der weltlichen Herrschaftsstrukturen. In den Reformbewegungen des späten Mittelalters und der Gründung der Bettelorden suchte man wieder Anschluss an die ursprünglichen Ideen zu finden. "Nackt dem nackten Christus folgen", lautete der Leitspruch.

Die Ursprünge des Mönchtums lassen sich in den Orient zurück verfolgen, wo sich im 3. Jahrhundert weltflüchtige Asketen in der Einsamkeit oder als lockerere Eremitengemeinschaft in Tugend und Verzicht übten. Bald bildeten sich auch im weströmischen Reich die ersten klösterlichen Gemeinschaften, die nach den Idealen des Urchristentums leben wollten.

Regula Benedicti

Verbindliche Regeln und eine Konkretisierung der von den Mönchen zu erlernenden Grundhaltung wurden durch Benedikt von Nursia geprägt. Der Spross einer vornehmen italienischen Adelsfamilie gründete im Jahr 529 ein eigenes Kloster und schrieb ein komplexes Regelwerk. In 73 Kapiteln legte er die hierarchische Ordnung, Kleidung der Mönche, Aufnahmeverfahren und Besitzlosigkeit fest, vor allem aber definierte er den mönchischen Tagesablauf als einen Wechsel von Arbeit, Gebet und Studium heiliger Schriften. Bis ins 11. Jahrhundert galten sie als der Standard monastischer Lebensregeln.

Die Forderung Benedikts nach regelmäßiger Lektüre der heiligen Schrift setzte Lese- und Schreibfähigkeiten voraus und machte die Mönche zur geistigen Elite ihrer Zeit. Sie bewahrten und kopierten Handschriften und Bücher und retteten so das antike Wissen vor dem Vergessen. Ob Geschichtsschreibung oder medizinisches Know-how, die schriftlichen Zeugnisse jener Zeit gehen auf die Aufzeichnungen der Mönche zurück. Kloster- und Domschulen waren bis zur Entstehung der Universitäten im 12./ 13. Jahrhundert die einzigen Bildungseinrichtungen und prägten eine kirchlich-theologische Schriftkultur und Denkweise.

Reiche Diplomaten des Himmels

Als Mittler zwischen himmlischer und irdischer Welt kamen in der religiös geprägten Welt des Mittelalters den Mönchen eine besondere Bedeutung zu, die ihre Macht weiter etablierte. Regelmäßige Fürbitten, Totengedenken und klösterliche Grabplätze wurden durch großzügige Schenkungen und Stiftungen erkauft. Diese waren auch notwendig, wenn es galt, seine Kinder im Kloster unterzubringen. Nachgeborene Söhne oder Töchter aus adeligem Haus ohne eigenen Erbanspruch waren auf diese Weise versorgt und ermöglichten gleichzeitig eine enge Bindung der Familie zur himmlischen Macht.

Die Klöster entwickelten sich auf diese Weise zu reichen Grundherrschaften mit engen Beziehungsgeflechten bis in höchste Herrscherkreise, wodurch sie sich immer weiter von den ursprünglichen Idealen der weltabgewandten und asketischen Lebensweise entfernten. So ist das Hochmittelalter geprägt von immer wieder neuen Reformbestrebungen, Ordensgründungen und dem theologischen Streit um das Ideal der Armut. Das brachte viele religiöse Idealisten in Konflikt mit der Kirche, fand aber die Unterstützung der weltlichen Herrscher, die viele der Argumente für den Machtkampf mit dem Papst aufgegriffen.

Am Tisch des Herrn

Einer der bekanntesten Reformer war Bernhard von Clairvaux, Leitfigur des Zisterzienserordens. Die Gemeinschaft war um 1100 mit dem Anspruch gegründet worden, körperlicher Arbeit und Gebetsleistung einen gleichen Stellenwert einzuräumen, um zu verhindern, dass das Kloster reich und die Mönche träge würden. Doch bereits wenige Generationen nach ihrer Gründung korrumpierten erfolgreiches Wirtschaften und großzügige Schenkungen der von der Aufbruchstimmung Begeisterten auch hier die Ideen der Armut. Zisterzienser-Äbte wurden Ratgeber von Fürsten, Königen und Kaisern.

Weit radikaler in ihrem Armutsgebot waren die Bettelorden, wie die der Franziskaner und Dominikaner. Barfuß wandernd, ohne feste Bleibe, zogen Franz von Assisi und seine Anhänger von Stadt zu Stadt. Öffentliche Predigt in der Sprache des Volkes und soziale Arbeit - das traf in den sich entwickelnden Städten des 13. Jahrhunderts den Nerv der Zeit. Als "Arme unter Armen" standen ihre Klöster auch den unteren Schichten offen und sie bestritten ihren Unterhalt durch Bettelei - "an den Tisch des Herrn setzen" wurde das genannt. Und der wurde bereitwillig gedeckt. Die Begeisterung bei Arm und Reich - letztere wohl wegen ihres schlechten Gewissens - ließ auch diese Orden langfristig zu finanzkräftigen und einflussreichen Organisationen heranwachsen und brachte sie so in Widerspruch zu den hehren Zielen ihrer Gründer.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet