Napoleon und die Deutschen

Zwischen Freiheit und Repression

Ausgerechnet ein fremder Kaiser, Frankreichs Jahrhundertherrscher Napoleon, katapultiert die Deutschen durch Eroberungen und Reformen in ihr nationales Zeitalter. Kein anderer hat mehr dazu beigetragen, dass die Deutschen zueinander finden - auch wenn dies geschieht, um Napoleon los zu werden. Was ihm gelang, hat niemand zuvor erreicht ein historisches Paradoxon: die politische Erweckung der "deutschen Nation".

Napoleons Armee marschiert. Quelle: ZDF
Napoleon Quelle: ZDF

Am Anfang stand der Untergang. Das alte römisch-deutsche Reich war nach dem Siebenjährigen Krieg durch die Machterweiterung der Einzelstaaten weithin ausgehöhlt. Deutschland war ein kultureller, ein geografischer, aber kaum mehr ein politischer Begriff. Dann kam die Zeitenwende: die Revolution in Frankreich 1789 und schließlich Napoleon. Der Eroberer wühlt ganz Europa auf, verändert die Landkarte, erzwingt die Abdankung des Habsburgers Franz II. als römisch-deutschen Kaiser und gibt dem alten Reich den Todesstoß.

Bonaparte sorgt - im Verbund mit deutschen Fürsten, die er für sich gewinnen kann - für eine gründliche Flurbereinigung auf deutschem Boden. Unter seinem Druck werden aus vielen Teilstaaten wenige. Er schafft sich 1806 mit dem so genannten "Rheinbund" ein deutsches Protektorat - unter Ausschluss Preußens und Österreichs.

Napoleon Sturm Quelle: ZDF

Geburtshelfer der Deutschen Nation

In den deutschen Staaten finden grundlegende Reformen statt - mit und gegen Napoleon: Nur wenn das Volk sich mit dem Staat identifiziere, sei dieser in der Lage, sich - auch militärisch - zu behaupten, so denken Männer wie Freiherr vom Stein, einer der prominentesten "preußischen Reformer" und der Antagonist Napoleons auf deutschem Boden. Stein und andere wollen durch mehr Freiheit und Mitbestimmung Kräfte wecken, aus Untertanen patriotische Bürger machen, aus Berufssoldaten eine Volksarmee, die Bonaparte die Stirn bieten sollte. Der Korse selbst hat den Deutschen vor Augen geführt, was ein Staat bewirken kann, wenn das Volk hinter ihm steht. Der Freiherr vom Stein ist ein entscheidender Gegenspieler Napoleons und wird als solcher erstmals in einem Film dargestellt.

Napoleon Schuss Quelle: ZDF

Seine große Stunde schlägt, als sich Bonaparte im Juni 1812 in sein größtes militärisches Abenteuer stürzt. Der französische Kaiser marschiert mit 600.000 Soldaten in Russland ein. Mehr als ein Drittel seiner Truppen sind Deutsche. Doch führt der Drang zur Weltmacht in die militärische Katastrophe. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon entsteht auf deutschem Boden ein neues "Wir-Gefühl". Immer mehr Deutsche entdecken sich als eine durch Kultur, Sprache und Geschichte verbundene Nation, die künftig unter ein Dach gehöre. Demütigungen durch Napoleon haben eine nationale Stimmung provoziert, die mancherorts auch in derbe nationalistische Agitation umschlägt.

Französischer Einfluss bis heute

Die "Völkerschlacht" bei Leipzig 1813 ist der Anfang vom Ende. Mit "Waterloo" ist Napoleons Schicksal besiegelt. Auf dem Wiener Kongress wird über die Zukunft Deutschlands und Europas entschieden. Träumten manche deutsche Bürger seit den Befreiungskriegen von der nationalen Einheit, kommt es nun lediglich zu einem lockeren Zusammenschluss von 35 souveränen Fürsten und vier freien Städten. Die Monarchen haben das Sagen im so genannten "Deutschen Bund" von 1815.

Doch ist es möglich, das Rad der Geschichte anzuhalten? Dafür hat sich zu viel in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert: Besonders das deutsche Staatensystem geht aus der Napoleonzeit verjüngt und modernisiert hervor. Deutschland hat nun einen festeren Zusammenhalt in den vergrößerten Einzelstaaten. Die Grundlagen des modernen Staats als Rechtsstaat sind vielfältig - vor allem unter französischem Einfluss - geschaffen worden. Alle Kräfte, die die weitere Entwicklung in Deutschland beeinflussen sollen, nationale und liberale, sind in Bewegung geraten: Ihr Ziel heißt Freiheit und Einheit.

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