Philipp Scheidemann

Er rief die Republik aus und lehnte den Versailler Vertrag ab

"Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!" Mit diesen Worten hat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 in Berlin die Republik ausgerufen. Der Sozialdemokrat galt fortan als eine der Symbolfiguren der "Weimarer Republik", deren Anhänger bisweilen "Scheidemänner" genannt wurden.

Karriere bei der SPD

9.11.1918: Scheidemann ruft die Republik aus Quelle: dpa

Wie die Republik selbst sah auch Scheidemann sich schweren Anfeindungen von Rechts- und Linksextremisten ausgesetzt. Ein Mordanschlag 1922 misslang. Geboren wurde Philipp Scheidemann am 26. Juli 1865 im hessischen Kassel als Sohn eines Tapezier- und Polsterermeisters. Nach seiner Ausbildung zum Schriftsetzer trat er der unter Bismarck verbotenen SPD bei, gründete eine sozialdemokratische Zeitung und warb mit Artikeln, Flugblättern und auf Versammlungen für seine Partei. Bald erwarb er sich den Ruf eines hervorragenden Redners und bildete sich autodidaktisch fort. Ab 1895 arbeitete er als Journalist für sozialdemokratische Zeitungen in Gießen, Nürnberg, Offenbach und Kassel.

Hass von links und von rechts

Über die SPD machte Philipp Scheidemann rasch politisch Karriere. 1903 wurde er für den Wahlkreis Düsseldorf-Solingen in den Reichstag gewählt, von 1908 bis 1911 war er zudem Stadtverordneter in seiner Heimatstadt Kassel. 1911 wurde er Mitglied des SPD-Parteivorstandes und zog in die Hauptstadt Berlin um. 1912 wurde er zum Vizepräsidenten des Reichstags gewählt - als erster Sozialdemokrat. Dabei bewies er schon eine Unbeugsamkeit, die sich noch öfter zeigen sollte: Er verweigerte den obligatorischen Antrittsbesuch beim Kaiser und konnte sein Amt deswegen bis 1918 nicht ausüben. Ab 1913 war Scheidemann einer von zwei Fraktionsvorsitzenden der SPD im Reichstag. Dabei zog er sich den Hass der politischen Linken rund um Karl Liebknecht zu, weil er für die Bewilligung der Kriegskredite eintrat und sich zur Vaterlandsliebe bekannte. Der politischen Rechten allerdings blieb er als "Hochverräter" suspekt, weil er früh ein Konzept für einen Verständigungsfrieden vorlegte ("Scheidemann-Plan") und deutsche Annexionen ablehnte.

1917 wurde Scheidemann - gemeinsam mit Friedrich Ebert - zum SPD-Vorsitzenden gewählt. Im Herbst 1918 trat Scheidemann auf Druck der Partei kurzzeitig als Staatssekretär in die kaiserliche Regierung des Kanzlers Max von Baden ein. Doch für eine Umgestaltung des Reichs in eine parlamentarische Monarchie war es zu spät, die revolutionären Unruhen nahmen zu. Um einer linksextremistischen Revolution zuvorzukommen, setzte Philipp Scheidemann sich am 9. November erfolgreich an die Spitze der Bewegung und rief vom Fenster des Reichstags aus die Republik aus. Das geschah gegen den Willen Friedrich Eberts, der "vor Zorn dunkelrot" anlief, wie sich Scheidemann erinnerte: Ebert selber war inzwischen zum neuen Reichskanzler ernannt worden, daher seine Erregung. Doch Scheidemann hatte die Lage richtig eingeschätzt: Wenige Stunden nach ihm versuchte auch Karl Liebknecht, eine sozialistische Republik nach sowjetischem Vorbild auszurufen - nunmehr allerdings erfolglos.

Erster Regierungschef der Republik

Philipp Scheidemann wurde auch Mitglied der Nationalversammlung, die in Weimar die Verfassung für die neue Republik formulierte. Bei der Wahl des Reichspräsidenten kandidierte er kurioserweise gegen seinen Parteifreund Friedrich Ebert, unterlag aber - und wurde stattdessen am 13. Februar 1919 als "Reichsministerpräsident" der erste Regierungschef der Weimarer Republik.

Scheidemann und seine SPD regierten in einer Großen Koalition mit dem konservativen Zentrum und der liberalen DDP. Als vornehmste Aufgabe seiner neuen Regierung betrachtete er, innenpolitisch für Stabilität zu sorgen. Gegen linksextremistische Revolutionäre wurde mit Waffengewalt vorgegangen, was Scheidemann den nachhaltigen Hass der Linken eintrug. Außenpolitisch musste Scheidemann zum repressiven Versailler Friedensvertrag Stellung nehmen: Er lehnte die Unterzeichnung rundweg ab: "Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns diese Fessel legt?" Da die Alternative zur Unterzeichnung des von den Siegern vorgelegten Vertrages nur die Besetzung Deutschlands durch alliierte Truppen sein konnte, trat Scheidemann im Juni als Regierungschef zurück.

Oberbürgermeister in Kassel

Seine politische Karriere war damit nicht beendet. Er blieb Reichstagsabgeordneter und hielt auch weiterhin mit seiner kritischen Meinung zur Regierungspolitik der SPD nicht zurück. In seiner Heimatstadt Kassel ließ er sich noch 1919 zum Oberbürgermeister wählen. Seine Amtsführung geriet in die Kritik. 1924 verlor die SPD die Mehrheit in der Stadt, es kam zum Misstrauensantrag gegen OB Scheidemann. Nach weiteren politischen und juristischen Auseinandersetzungen schied er im Oktober 1925 aus dem Amt.

Nach der Machtübernahme Hitlers musste Scheidemann ins Exil flüchten. Fast genau 20 Jahre, nachdem er die erste deutsche Republik ausgerufen hatte, starb Philipp Scheidemann am 29. November 1939 in Kopenhagen.

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