Reichsgründung in Versailles

Krieg der Völker reißt tiefe Gräben zwischen Franzosen und Deutschen

Mit der Gefangennahme Napoleons III. war der Deutsch-Französische Krieg von 1870 nicht beendet. Ende September schlossen die Deutschen Paris ein, ab Dezember lag die Stadt unter dem Dauerbeschuss deutscher Kanonen. Schon Anfang Oktober war das deutsche Hauptquartier nach Versailles verlegt worden, der einstigen Residenz der französischen Könige.

Reichsgründung und Kaiserkrönung in Versailles

ÜbersichtMit seinem engsten Stab richtete sich Bismarck im Palais einer Madame Jessé ein, der Witwe eines reichen Tuchfabrikanten, die später behauptete, die Deutschen hätten ihr Silberzeug und ihre Tischwäsche mitgenommen. Von hier aus zog er die Fäden, um die mit wachsendem Unbehagen nach Paris schauenden Großmächte von einer Intervention abzuhalten und zugleich den Anschluss der süddeutschen Staaten an den Norddeutschen Bund vorzubereiten.

Zögerlicher Süden

Während Baden und Hessen-Darmstadt sich kurz nach Sedan bereit erklärten, sich dem Bund ohne Weiteres einzufügen, waren Württemberg und vor allem Bayern zögerlicher. Erst nach erheblichen Zugeständnissen und unter dem Druck der öffentlichen Stimmung in ihren Ländern fanden sich die Regierungen in Stuttgart und München zu einem Beitritt bereit.

Schloss Neuschwanstein Quelle: ZDF

Ende November 1870 waren die Verträge unter Dach und Fach. Was zu tun blieb, war ein möglichst symbolträchtiger Gründungakt des neuen kleindeutschen Nationalstaats, der in Beschwörung alter Zeiten den Namen "Deutsches Reich" tragen sollte. Hierfür setzte Bismarck auf den bayerischen König Ludwig II. Den Widerwillen des exzentrischen Monarchen gegen die Einigung überwand er durch eine heimliche Finanzspritze in dessen Privatschatulle, in der aufgrund der Errichtung exotischer Märchenschlösser chronische Ebbe herrschte. Dafür war Ludwig II. bereit, einen von Bismarck entworfenen Brief zu schreiben, in dem er im Namen der deutschen Fürsten dem preußischen König Wilhelm I. die Würde eines "Deutschen Kaisers" anbot. Die Ausrufung des Kaisers sollte der symbolische Gründungakt des kleindeutschen Nationalstaats sein.

"Kaiser von Deutschland"

Mit Bedacht wurde als Datum der 18. Januar 1871 festgelegt. 170 Jahre zuvor, am 18. Januar 1701, hatte sich Kurfürst Friedrich von Brandenburg zum "König in Preußen" gekrönt. Nun sollte einer seiner Nachfolger Kaiser werden. Wie einst in Nikolsburg stieß Bismarck jetzt, da seine Pläne aufzugehen schienen, auf den Widerstand seines Monarchen. Die Aussicht auf die Kaiserwürde reizte den König nicht. Wilhelm I. sah ein "großes Unglück" darin, in seinem 74. Lebensjahr "die glänzende preußische Krone mit dieser Schmutzkrone vertauschen" zu müssen. Wenn schon, dann wollte er nicht "Deutscher Kaiser", sondern "Kaiser von Deutschland" heißen, erklärte er Bismarck am Tag vor der Proklamation, woraufhin dieser entschiedenen Widerspruch einlegte.

Wilhelm und Bismarck im Streit um den Kaisertitel

Der Titel "Kaiser von Deutschland" beinhalte einen landesherrschaftlichen Anspruch auf die nichtpreußischen Gebiete, den die deutschen Fürsten ablehnten. Im Übrigen sei der Titel "Deutscher Kaiser" bereits durch Beschluss des Reichstags des Norddeutschen Bundes in die geänderte Verfassung für das künftige, um die süddeutschen Staaten vergrößerte "Deutsche Reich" aufgenommen worden. Seine Argumentation vermochte den Monarchen nicht umzustimmen, er bestand darauf, zum "Kaiser von Deutschland" proklamiert zu werden.

Feierlicher Akt im Spiegelsaal

Am Morgen des nächsten Tages - die Zeremonie war für zwölf Uhr im Versailler Schloss anberaumt worden - eilte Bismarck zu Großherzog Friedrich von Baden, der als Ranghöchster unter den anwesenden Fürsten das Hoch auf den Kaiser anstimmen würde. Er schilderte ihm seine Bedenken, Wilhelm I. als "Kaiser von Deutschland" zu huldigen, danach begab er sich ins Versailler Schloss. Dort war im berühmten Spiegelsaal der französischen Könige alles für den feierlichen Akt gerichtet.

Zustimmung des deutschen Volkes

Spiegelsaal in Versailles Quelle: ZDF


Längs der Fensterseite standen rund 150 Soldaten, die für ihre Tapferkeit das Eiserne Kreuz erhalten hatten. An der Spiegelseite, ihnen gegenüber, hatten sich Offiziere aus allen deutschen Landen aufgestellt, deren Regimenter in Frankreich kämpften. Unter den Versammelten, insgesamt mehreren hundert, war auch eine kleine Abordnung des Reichstags, deren Zivilkleidung sich unter den vielen Uniformen fast verlor - ein scharfer Kontrast zur tatsächlichen Bedeutung ihrer Anwesenheit.Auch wenn das deutsche Kaiserreich nach Bismarcks Willen bewusst als Bund der Fürsten gegründet wurde, so war die Reichsgründung doch nicht von oben diktiert, sondern von der Zustimmung der breiten Mehrheit des deutschen Volkes getragen und nur durch sie ermöglicht. Nach einem kurzen Gottesdienst versammelten sich die anwesenden Fürsten auf einem Podest an der Schmalseite des Spiegelsaals, dessen Hintergrund Regimentsfahnen einnahmen.

Während Bismarck die Proklamation verlas, wuchs in ihm die Spannung, wie der Großherzog von Baden dem neuen Kaiser huldigen würde: als "Deutschem Kaiser" oder "Kaiser von Deutschland"? Mit dem Ruf "Es lebe Seine Majestät, der Kaiser Wilhelm!" wand sich der Großherzog geschickt aus der Bredouille. Unter den Hochrufen der Versammelten ging der leidige Titelstreit für immer unter.

Groll des Kaisers

Wie oft zuvor und danach gab Wilhelm I. Bismarck am Ende nach und akzeptierte den Titel "Deutscher Kaiser". Dennoch nahm der frisch gekürte Kaiser die Sache so übel, dass er, wie Bismarck sich erinnerte, "beim Herabtreten von dem erhöhten Stande der Fürsten mich, der ich allein auf dem freien Platze davor stand, ignorierte, an mir vorüberging, um den hinter mir stehenden Generalen die Hand zu bieten". Der Groll des Kaisers währte allerdings nicht lange. Zwei Monate später, am 21. März 1871, erhob er Bismarck in den erblichen Fürstenstand.

Die Stunde der deutschen Einigung war für Frankreich die Stunde der bitteren Niederlage. Wenige Tage nach der Reichsgründung signalisierte die provisorische Regierung im hungernden Paris Friedensbereitschaft. Am 28. Januar wurde ein Waffenstillstand, am 26. Februar ein Vorfriede vereinbart. Bevor die deutschen Truppen sich von Paris zurückzogen, marschierten sie durch den Triumphbogen, wie einst Napoleon I. durch das Brandenburger Tor Berlins gezogen war. Der endgültige Friede wurde am 10. Mai 1871 in Frankfurt am Main geschlossen. Frankreich musste das Elsass und einen Teil Lothringens mit der Festung Metz abtreten, dazu eine Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Goldfranken zahlen - eine schwere Hypothek für die künftigen Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten.

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