Viele deutsche Wege

Identitätssuche begleitet die deutsche Geschichte

"Uuana pistdu?", "Uuerpistdu?" - "Von wo bist du?", "Wer bist du?" Diese Sätze zählen zu den ältesten überlieferten der deutschen Sprache. Sie sind bezeichnend. Denn Fragen wie "Wer sind die Deutschen? Woher kommen sie? Wohin führt ihr Weg?" waren ständige Begleiter unserer wechselvollen Geschichte. Sie stehen für die Suche nach sich selbst, für leuchtende Epochen und schlimmste Irrwege, für lange unerfüllte Hoffnungen: Einheit, Freiheit und Frieden. Sie spiegeln aber auch die Sorgen und Erwartungen der Nachbarn. Ihnen konnte nie egal sein, wie es um die Machtverhältnisse in der Mitte Europas bestellt war, was die Deutschen aus ihrer Lage zwischen Nord und Süd, Ost und West machen.

Deutschland Karte Quelle: ZDF
Reichskrone Quelle: ZDF

Bei Fragen wie "Wer sind wir?", "Woher kommen wir?" geht es auch um die Gemeinsamkeit, um die bindenden Erfahrungen einer Nation, die immer wieder gespalten war. Die Deutschen müssen sich nach mehr als vier Jahrzehnten Zweistaatlichkeit einer gemeinsamen und einer geteilten Vergangenheit stellen. Dass dies nach den fürchterlichen Abgründen im 20. Jahrhundert - Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust - und nach Jahrzehnten der Teilung in der bipolaren Welt in einem friedlich geeinten, freien Land geschehen kann, ist ein historischer Glücksfall.

Neuer Patriotismus?

Set Krönung Aachen Quelle: ZDF

Der Befund ist scheinbar paradox. Den Klagen über schwindendes Geschichtsbewusstsein und Mängel an historischer Bildung steht eine Konjunktur des Historischen gegenüber. Nicht nur die Vielzahl aufwändiger Ausstellungen, Bestseller, Bildbände zur Geschichte überrascht. Gedenktage und Mahnmale beschäftigen die Öffentlichkeit, beleben den aktuellen Diskurs. Während der Fußball-WM 2006 hat sich das Deutschlandbild überaus erfrischend präsentiert, nach innen und nach außen. Da ist auch die Rede von neuem Patriotismus, da geht es um Geschichtsbilder und Symbole wie Fahne und Hymne.

Und daneben die latenten Kontroversen: "Leitkultur" oder "Multikulti", Europa und Globalisierung, Bürger und Staat, Bund und Länder. Kaum, so scheint es, hat die "Nation" ihren Rahmen gefunden, befindet sich alles wieder im Fluss: Was ist denn heute "deutsch" zwischen Europa, globaler Herausforderung und World Wide Web? Was bleibt von der Identität in einem allmählich schwindenden Nationalstaat?

ZDF-Reihe "Die Deutschen"

Landschaft Caspar David Friedrich

In diesem Kontext ganz unterschiedlicher Wahrnehmungen steht die zehnteilige ZDF-Reihe "Die Deutschen". Es sind historische Dokumentarfilme, die einen Bogen über zehn wechselvolle Epochen unserer Geschichte spannen, von den Anfängen unter Otto dem Großen im 10. Jahrhundert bis zur Ausrufung der ersten deutschen Republik durch Philipp Scheidemann im November 1918. Es sind tausend Jahre deutscher Vergangenheit, deren Spuren bis in unsere Gegenwart reichen. Die Filme können, wo Bedarf nach historischer Orientierung und Verortung herrscht, wesentliche Anhaltspunkte geben.

Wo aber beginnt eigentlich deutsche Geschichte? Immer wieder haben sich die Deutschen mit anderen europäischen Völkern verglichen, die ihren Nationalstaat schon früher erlangten, so war in der historischen Rückschau oft von der "verspäteten Nation" die Rede. Es gibt plausible Gründe, im 10. Jahrhundert anzusetzen. Den "Startpunkt" bei den "alten Germanen" zu markieren, etwa bei dem Hermann dem Cherusker (alias Arminius), der den Römern eine empfindliche Schlappe bescherte, war einst populär - ist aber auch äußerst abenteuerlich.

Ein Land der Stämme und Regionen

Set Reichsgründung Quelle: ZDF

Deutsche Geschichte in engerer Auslegung beginnt mit der Ära der deutschen Könige und Kaiser. Seit dem frühen 10. Jahrhundert ist in den Annalen schon vereinzelt von einem Königreich der Deutschen die Rede. In den darauf folgenden Epochen bildete sich vor allem über die Sprache das Fundament künftiger Identität. Immer wieder drehten sich Machtkämpfe auf dem mitteleuropäischen Boden um die Frage von Einheit oder Teilung, Vereinheitlichung oder Vielfalt. Mal gab es Kräfte, die spalteten, mal solche, die zur Einigung drängten. Mal wuchsen Territorien zusammen, mal wurden sie wieder getrennt. Mal gelang es, ein Machtzentrum zu bilden, dann wurde es wieder geschwächt. Immer wieder galt es, Gegensätze unter ein Dach zu bringen, dynastische, machtpolitische, religiöse. Starke föderale Traditionen prägten die deutsche Geschichte. Von Anfang an war Deutschland ein Land der Stämme und Regionen, die auf ihre Eigenständigkeit achteten - denken wir nur an die Bayern! Die Vielfalt machte aber auch stets den kulturellen Reichtum Deutschlands aus.

In der Tat gelang es den Deutschen - anders als den Briten, Franzosen und Spaniern - nicht, bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem geeinten Staat zu leben. Das hatte auch lange Zeit niemanden gestört, bis die Epoche kam, in der sich die Menschen auf ihre gemeinsame Sprache und Kultur besannen und meinten, sie gehörten unbedingt geeint - und nicht mehr geteilt durch Kleinstaaterei, wie es im Mittelalter und in der frühen Neuzeit der Fall war. Dies traf zusammen mit den Herausforderungen der Moderne, sich politisch und wirtschaftlich neu zu organisieren. Die Bürger forderten von den Monarchen mehr Freiheit, Mitbestimmung und Mobilität, Handel und Industrie drängten in größere Räume, um sich besser entfalten zu können. Und es galt, sich militärisch zu behaupten gegen mächtige Gegner - wie etwa gegen das napoleonische Frankreich.

Der deutsche Nationalstaat

Klappe Die Deutschen Quelle: ZDF

So wurde der Nationalstaat auch für die Deutschen Leitmuster innerer und äußerer Selbstbestimmung. Das Modell ist im Prinzip bis heute gültig - auch wenn die Globalisierung darüber hinweggeht und die Einigung Europas voranschreitet. Nachdem der deutsche Nationalstaat 1871 von "oben" gegründet und von "unten" weithin bejubelt worden war, setzten ihn kaiserliche Eliten schon nach wenigen Jahrzehnten wieder aufs Spiel. Die Weimarer Republik wollte an die demokratischen Traditionen anknüpfen, die es immer gab, aber sie hatte an den Bürden der Vergangenheit schwer zu tragen und zerbrach letztlich auch daran.

In den zehn Folgen der Reihe stehen historische Persönlichkeiten im Vordergrund, deren Namen sich mit zentralen Ereignissen aus mehr als 1000 Jahren deutscher Geschichte verbinden. Doch handelt es sich nicht um biografische Porträts, sondern um einen personalisierten Zugang, der Zutritt zu den einzelnen Epochen verschaffen soll. Doch geht es in der Darstellung nicht nur um Menschen, die Geschichte machten, sondern auch darum, was Geschichte mit den Menschen machte, um das Volk, das sich im Lauf der Jahrhunderte mehr und mehr als "deutsch" verstand. Dem "Oben" wird das "Unten" gegenübergestellt, die jeweilige politische, kulturelle und gesellschaftliche Lebenswelt gespiegelt.

Viele deutsche Wege, Teil 2.

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