Vision oder Wahn?

Umstritten ist, woher die Eingebungen von Hildegard von Bingen stammen

Was es mit den Visionen von Hildegard von Bingen auf sich hatte, ist seit Langem Gegenstand von Spekulationen und Forschung. War Hildegard eine Hellseherin, wie viele moderne Schwärmer vermuten? Eine Art weiblicher Nostradamus, in dessen Schriften heute noch Botschaften über künftige Ereignisse versteckt sind?

Hildegard von Bingen sieht einem Lichtstrahl entgegen (Spielszene)
Hildegard von Bingen sieht einem Lichtstrahl entgegen (Spielszene). Quelle: ZDF

Tatsächlich finden sich in ihren Schriften Stellen, die zu einer solchen Interpretation einladen. So warnte die Nonne vor mehr als 800 Jahren vor einem Eingreifen des Menschen in die Natur. Diese werde mit einem "wilden Schrei" antworten: "Wir können nicht mehr laufen und unsere natürliche Bahn vollenden. Denn die Menschen kehren uns wie eine Mühle um, von unterst zuoberst! Wir, die Elemente - die Lüfte, die Wasser -, wir stinken schon wie die Pest." Und weiter: "Alle Winde sind voll Moder, und die Luft speit so viel Schmutz aus, dass die Menschen kaum noch wagen, ihren Mund aufzumachen."

Weitsicht und gute Beobachtungsgabe

Hildegard als Kind, angestrahlt von einem Licht (Spielszene)
Hildegard - Vision als Kind Quelle: ZDF

Doch das Bild einer Wahrsagerin, die durch eine Glaskugel in die Zukunft blickte oder gar die Wahrheit von einem himmlischen Fernsehschirm abliest, wie man bei modernen Bewunderern vermeint, ist bei Hildegard von Bingen komplett verfehlt. Die zitierte Stelle beweist nichts anderes als eine besondere Weitsicht und die kluge Beobachtung der Zusammenhänge ihrer Umgebung.

Qua definitionem ist eine Vision eine "religiöse Erscheinung", wie es sie in der Kirchengeschichte häufiger gibt. Die wohl bekanntesten Visionen hatten die drei Hirtenmädchen in Fátima, denen 1917 die Jungfrau Maria erschien, oder das Mädchen Bernadette, das die Gottesmutter 1858 in Lourdes sah. Im Falle Hildegards zogen sich die religiösen Erscheinungen durch ihr gesamtes Leben.

Bewusstseinserweiterndes Kraut?

Immer wieder, so schreibt sie, stellten sich Bilder vor ihrem geistigen Auge ein, "nicht im Traum, sondern wachen Geistes", wie sie betont. Bis ins hohe Alter sprach das "lebendige Licht" immer wieder zu ihr und offenbarte die Auslegung der Schriften und die Erklärung kosmologischer Zusammenhänge. Ihre Visionen fasste sie in eindrucksvolle Bilder: ein eisenfarbener Berg, ein Weltenei, der Mensch, der in den Kosmos ragt.

Woher diese Bilder kamen, ist für Gläubige keine Frage. Sie akzeptieren die himmlische Herkunft so, wie sie von Hildegard beschrieben wurde. Historiker, Mediziner und andere kritische Geister bringen auch weitere Möglichkeiten ins Spiel. Liegt es nicht nahe bei einer Frau, die um die bewusstseinserweiternde Wirkung manchen Krautes wusste, dass sie diese auch eingesetzt hat?

Migräne und seltene Lichteffekte?

Die Alraune beispielsweise, eine seit der Antike mit dem Nimbus magischer Kräfte geadelte Wurzel, hat stark halluzinogene Wirkung. Sind die Visionen also möglicherweise nur eine Art Drogenrausch oder Trip? Auch naturwissenschaftliche Erklärungsansätze wurden gesucht. So beschreiben Migränekranke, ähnliche Bilder wie die von Hildegard geschilderten gesehen zu haben. Andere Visionen wiederum erinnern an sogenannte "Halos", seltene Lichteffekte in der Natur, die sich durch Brechung des Lichts an Eiskristallen in der Atmosphäre ergeben. Für aufgeklärte, moderne Menschen ist eine faire Herangehensweise an die Visionen der Hildegard kaum möglich. In einer Zeit aber, in der Glaube und Aberglaube, Irdisches und Übersinnliches Teil des Alltags waren und real empfunden wurden, differenzierten die Menschen nicht nach der Herkunft der Visionen.

Innerkirchlicher Sprengstoff

Ein Halo, ein seltener Lichteffekt, ergibt sich durch Brechung des Lichts an Eiskristallen in der Atmosphäre.
Halo, Lichteffekt in der Natur Quelle: ZDF

Wesentlich war nur die Frage: Sprach dort Gott, oder sprach dort der Teufel? Hildegard scheint niemals wirklich in den Ruf gekommen zu sein, als Sprachrohr des Leibhaftigen zu fungieren. Die Rechtgläubigkeit ihrer Aussagen wurde weder vom Abt des Disibodenbergs noch vom Mainzer Erzbischof in Frage gestellt. Das war wichtig, denn beide hätten ihr problemlos den Mund verbieten können. Dem Abt, der den Fall sicherlich eingehend geprüft hatte, konnte eine berühmte Seherin in den eigenen Reihen nur recht sein. Sie steigerte die Bekanntheit des Klosters und damit die Anziehungskraft auf potenzielle Novizen. Auch der Mainzer Erzbischof sah offenbar keine Veranlassung, eine Gefahr in Hildegards Verkündigungen zu vermuten.

Und dennoch boten sie innerkirchlichen Sprengstoff. Denn in ihrem "Scivias" erhob Hildegard einen weitreichenden Anspruch, nämlich dass sie als Frau die Fähigkeit und die Berechtigung hatte, die heiligen Schriften auszulegen. Sie begnügte sich nicht mit schönen Bildern und frommen Sprüchen, sondern interpretierte die heiligen Schriften teilweise auf eine ganz eigene Art.

Fürsprecherin der paradiesischen Eva

So bewertete sie beispielsweise die Rolle der Eva beim paradiesischen Sündenfall völlig neu. Die Urmutter aller Sünderinnen ist bei Hildegard eine liebenswert unschuldige Seele, die der Boshaftigkeit des Teufels erliegt. Bis dahin wurde Eva stets als die Verführerin Adams, des Mannes, dargestellt, mit fatalen Folgen für die Stellung der Frau in der Geschichte.

Die Akzeptanz, die Hildegard bei ihren Kirchenoberen fand, war eine Grundvoraussetzung dafür, dass sie mit ihrer Arbeit in der von ihr gewünschten Form weitermachen konnte. Aber sie wusste, dass sich das Blatt jederzeit gegen sie wenden konnte.

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