Vom Panzerreiter zum Kavalier

Das Rittertum wird zur höfischen Lebensform

Die Faszination, welche die Ritter bis heute noch ausüben, erklärt sich nicht nur durch das Bild tapferer Reiter in glänzenden Rüstungen allein, sondern vor allem durch die Idealisierung eines ganzen Standes, den dieser zum Ende des Mittelalters hin erfuhr.

Die Realität des einfachen Ritterdaseins bot zunächst wenig Anlass zur Verklärung. Lesen oder schreiben konnte der einfache Lehnsmann nicht. Wenn er nicht zum Kriegesdienst unterwegs war, kümmerte er sich um die Verwaltung seiner Güter, er hauste in zugigen Burgen oder wenig komfortablen Wohnsitzen und lebte von sparsamer Kost.

Alltäglicher Kleinkrieg

Der Kampf in großen Schlachten um Ruhm und Ehre war selten, häufiger zog der Ritter gegen den Nachbarn zu Felde. Was heute die typischen Nachbarschaftszwiste um Gartenzwerg und Laubfall sind, war dem damaligen Ritter die Fehde. Streit um Wegenutzung oder Abgaben, Ehrverlust, Frauengeschichten und Territorialkonflikte waren die üblichen Anlässe. Verwüstete Felder, abgebrannte Dörfer und Burgbelagerung die Folge. Auch Kidnapping und Viehdiebstahl waren üblich, der Tod des Gegners dagegen war nicht das Ziel.

Das klingt nicht gerade ritterlich, war nach dem damaligen Rechtsverständnis aber legal - wenn die Fehde rechtzeitig bekannt gemacht wurde. Mündlich mit gezogenem Schwert oder per Fehdebrief wurde der Streit angekündigt und damit legalisiert. Erst Kaiser Maximilian I. hat mit der Proklamation des ewigen Landfriedens 1494 das Fehdewesen drastisch reduziert.

Miles Christi - Streiter Gottes

Zahlreiche Fehden und politische Machtkämpfe führten im 10. und 11. Jahrhundert zu einer instabilen Lage, in der sich die Kirche zunehmend Einfluss auf den Adel verschaffte. Sie rief die Gottesfriedensbewegung aus und stellte den Ritterstand in den Dienst der Kirche. Verteidigung des Glaubens, der Schutz von Schwachen - Witwen, Waisen und der Kirche - galten nun als ritterliche Ziele. Den endgültigen Durchbruch schaffte Papst Urban II. mit seiner Kreuzzugsidee. Das Grab Christi im fernen Jerusalem galt es gegen die Ungläubigen zu verteidigen. Wer im Namen Gottes kämpfte, erwarb sich Ruhm und Ehre über den Tod hinaus, auch das ewige Leben wurde zugesichtert. So war ein gemeinsames Ideal für Könige, Fürsten und Adel gefunden, welches die große Gemeinschaft des Ritterstandes zusammen hielt.

Ritterliche Tugenden

Die kirchlichen Wertvorstellungen verschmolzen bald mit weltlichen Idealen, die vor allem von den Dichtern und Minnesängern des späten Mittelalters formuliert wurden. Das Rittertum wurde zu einer überhöhten Daseinsform, der sich auch Fürsten und Könige verpflichtet fühlten. Demut und Barmherzigkeit, Selbstdisziplin und persönliche Beständigkeit, vor allem aber Mäßigung gehörten zum Tugendkatalog des Ritterstandes. Ritterlich zeigte sich, wer die Schwachen schützte und tolerant gegenüber seinen Feinden war. Auch "der Dienst an der Frau" (Minne) - die Verehrung der höhergestellten Dame war Bestandteil des ritterlichen Ideals. Feine Umgangsformen, Beherrschung der Etikette und Anstandsregeln wurden wichtige Elementel der höfischen Lebensweise.

Die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit war sicherlich groß, langfristig aber hat dieser Wertekanon zu einer Verfeinerung der Sitten geführt und sich bis in unsere heutige Zeit erhalten. Begriffe, wie "ritterlich" oder "höflich" (von "hövischkeit"), "Gentleman" und "Kavalier" lassen sich in diese Zeit zurückverfolgen.

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