Was macht der Film mit der Geschichte?

Zur Eigenart von Spielfilm-Dokumentationen

Geschichte im Film erfährt - bildlich gesprochen - einen Lazarus-Effekt: Sie erlebt scheinbar eine Auferstehung. So nehmen das viele verstört wahr, die der Geschichte zugetan sind, sie aber vor allem aus Büchern oder Historienfilmen kennen. Deshalb müssen einige Irrtümer und Missverständnisse ausgeräumt werden, um nicht immer wieder denselben Vorurteilen zu erliegen. Das soll in zwölf Thesen geschehen.


1. Die Vergangenheit ist tot. Sie lässt sich deshalb nicht wiederbeleben (rekonstruieren, "wie es eigentlich gewesen").


2. Vergangenes lässt sich aber in Geschichte verwandeln. Dieses geschichtliche Wissen existiert jedoch immer nur in unserer ¿Vorstellung', die wir uns von der Vergangenheit machen.


3. Diese 'Vorstellung' wird zu einem Teil unserer Erinnerung. Sie lebt auf vor unserem 'inneren Auge', wenn wir zum Beispiel Geschichtsbücher lesen. Abbildungen helfen dabei dem 'inneren Auge', sich die Geschichte noch lebendiger 'vorzustellen' und 'anschaulich' zu machen. Schon die Sprache verrät, dass das, woran wir uns erinnern, immer Bilder braucht, die wie ein Geländer eine Botschaft tragen, und das sind die Antworten auf die Fragen, die wir an sie stellen.


4. Geschichte im Film verlegt das 'innere Auge' nach außen. Geschichte ist dadurch buchstäblich anzuschauen. Ob Buch oder Film: jedes Medium behandelt Geschichte also als 'Vorstellung', nur erzeugt der Film Details, die beim Buch nicht vorkommen: eine Straße im 18. Jahrhundert darf nicht asphaltiert sein; Kleidung, alle kulturellen Dinge müssen stimmen.


5. Der Film hat seine eigenen Gesetze, die ihn vom Buch unterscheiden. Als bewegtes Medium braucht er Lebendiges. Bilder ohne Bewegung sind untauglich - oder die Kamera erzeugt, wie bei Landschaften oder historischen Gebäuden, die Bewegung durch Kamerafahrt und Zoom. Im Grunde braucht der Film aber Lebewesen und im Falle der Geschichte die Menschen. Das hat nichts mit Trivialisierung oder Vereinfachung zu tun. Personen müssen also zwangsläufig im Mittelpunkt stehen, und dies ist nur sinnvoll, wenn ihre Geschichte sich erzählen lässt und einen Handlungsstrang aufbaut. Das ist jedoch nicht etwas Erfundenes, wie oft behauptet wird, sondern das entspricht der Eigenart der Geschichte: Sie 'läuft ab'.


6. Das alles leistet ein Buch auch; bei ihm, natürlich besonders in Biographien, müssen handelnde Menschen vorkommen, wenn man überhaupt von Verantwortung, Recht, Unrecht und Schuld in der Vergangenheit sprechen will. Aber der Film kann mehr: Durch den fiktiven 'Lazaruseffekt' macht er Vergangenes nacherlebbar. Die Zuschauerin und der Zuschauer sehen nicht nur, sondern sie erleben, wie es sich anfühlt: die große Schlacht, das Massensterben, die großen Gefühle von Gier, Altruismus, Neid, Mut und Zorn, die Situation, wo eine Entscheidung auf des Messers Schneide steht. Es ist ein Irrtum, hierin manipulierende, suggestive Absicht zu unterstellen. Man muss sich endlich auf die Idee einlassen, dass das Medium Film auch hier nichts anderes als 'Vorstellung' herstellt, nur ungleich dichter und bedrängender. Gefühle können ebenso Bestandteil des historischen Erinnerns sein (das ist für Viele ein neuer Gedanke, aber deshalb nicht falsch). Wenn dabei beklagt wird, dass Schlachtenszenen und nicht genug kulturelle Inhalte gezeigt werden, stimmt das nicht, aber andererseits zeigt die Serie auch in durchaus kritischem Sinne, was Staatsbildung 'kostet'; man bleibt kaum unberührt, wenn man erfährt, dass der Siebenjährige Krieg Friedrichs 'des Großen' 400.000 Soldaten ums Leben gebracht hat, und das Sterben zu sehen ist mehr historische Information als die nackte Zahl. Kein Ziel rechtfertigt einen solchen Preis, noch absurder wird aber der Vorgang, wenn am Ende er den Zustand vor Kriegsausbruch festschrieb.


7. Der Film - wie Geschichtsschreibung - ist nicht objektiv: Er hat ein Objektiv, und durch dieses folgt er einer Blickrichtung. Auch hier unterscheidet er sich im Wesen nicht von der Geschichte im Buch: Immer ist das Thema auszuwählen; immer folgt der Blick einer Frage, die nicht anders als aus der Gegenwart kommen kann.


8. Perspektive heißt nicht Manipulation. Die Überreste der Vergangenheit sind Chaos; Sinn erhalten sie erst durch Frage und Auswahl. Das können 'Wendepunkte' der Geschichte sein wie in der vorliegenden Serie. Es ist zulässig, ja notwendig, das 'Interessante' aufzusuchen, was 'uns angeht', das Vertraute ebenso wie das Befremdliche. Da ist es zum Beispiel lehrreich, das vielfach heroisierte Königtum des Mittelalters in seiner Ärmlichkeit und Begrenztheit wahrzunehmen.


9. Wenn der Film als Medium auch Personen benötigt, muss er nicht personenfixiert sein. Die Serie zeigt anschaulich, was dem Blick der Kamera alles zugänglich sein kann: die Kaiserpfalz von Goslar, Schloss Sanssouci, die Frankfurter Paulskirche, und erstmals überhaupt werden durch Computeranimationen auch die Landschaften als historische sichtbar; der Film kann, was kein Buch vermag, die Zuschauer auf eine imaginierte Zeitreise mitnehmen und im besten Falle sogar dazu ermuntern, die historischen Schauplätze heute aufzusuchen. Er macht auch 'das Volk', kulturelles Milieu und Zeitstimmung spürbar und sichtbar, etwa zu Ende des fürchterlichen Dreißigjährigen Krieges.


10. Glaubhaftigkeit (Authentizität) erhält der Film - wie die Informationen in einem Geschichtsbuch - durch die Quellen. Anders als beim Historienfilm existiert für die Dokumentation ein Veto der Quellen. Es ist ein Vorzug der Serie 'Die Deutschen', dass sich die Redakteure aller Folgen das Know how der Wissenschaft zunutze gemacht haben, und zwar nicht nur bei Konzept und Inhalt der Filme, sondern auch bei der Gestaltung von Dialogszenen und der Visualisierung historischer Räume.


11. Das 'Wir' ist auch ein Konstrukt, keine neue Nationalpropaganda, wie teilweise irrtümlich behauptet wird. Mit dem vertrauten Fremdwort nennt man das die 'Identität', das Bewusstsein von unserem Selbst, was uns zur Persönlichkeit macht. Ohne Erinnerung zerfällt die Persönlichkeit. Das beobachten wir im traurigen Fall bei der Demenz unserer Alten. Es gibt auch eine Demenz im kollektiven Gedächtnis. Was Geschichtsvergessenheit bedeutet, erfährt jeder Deutsche im Ausland, der auf Befremden oder Ablehnung stößt, wenn er die Erinnerung der Nachbarn an die Taten der Deutschen missachtet oder nicht kennt.


1
2. Die Serie weckt und belebt die Geschichtserinnerung; für Manche wird Geschichte das erste Mal überhaupt interessant. Wer wachen Auges und Sinnes zuschaut, wird sich im Denken nicht gelenkt fühlen, im Gegenteil: Es ist ein Vorzug, den Gang nach Canossa einmal erzählt und bildhaft gemacht zu sehen und dann vom Fachmann erinnert zu werden, dass Vieles daran auch fraglich und politisch berechnend erscheinen muss. Das 'Deutsche' an der Geschichte wird erfreulich offen und deshalb historisch getreu behandelt. Manche historische Mythen werden auch auf den Prüfstein gestellt: zum Beispiel der große Barbarossa, Luther, das Verhalten des Kaisers im Dreißigjährigen Krieg. Offen ist auch der historische Raum, der im 18. und frühen 19. Jahrhundert noch die Habsburger mit einschließt. Die Behauptungen, es werde alles nur auf die heutige Bundesrepublik hin stilisiert und die Einheitsfrage sei das leitende Dogma, sind mithin falsch. Im Gegenteil werden Fragen an die Geschichte gestellt, die wir in dem Raum Mitteleuropa den 'Deutschen' zurechnen, und die Serie konstruiert dabei keinen festen Inhalt von 'deutsch', macht es eigentlich eher zum Problem. Wer schon dabei Unbehagen empfindet, muss sich fragen lassen, ob nicht alle Geschichtsbücher der deutschen Lehrpläne zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit sinnlos geworden sind, was wohl kaum jemand ernstlich behaupten wollte. Insgesamt erfüllt die Serie auf geradezu vorbildliche Weise den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Lehrerinnen, Lehrer, Studierende, Schülerinnen, Schüler fühlen sich ermuntert: Die Sendung bringt durch ihre Lebendigkeit und mediale Perfektion Geschichte näher, wie es der Schulunterricht in der Regel nicht leisten kann. Manche Schüler, die bisher immer über Geschichte geklagt haben, finden das Fach auf einmal interessant - das ist mir aus eigenem Umfeld anvertraut worden. Geschichte auf unterhaltsame und spannende Weise vorzuführen, sie also offene, diskussionswürdige zu zeigen, und das mit einem beispiellosen Echo bei den Zuschauern: Das ist die eigentliche Sensation.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet