Wiener Kongress und "Deutscher Bund"

Grundlagen für einen deutschen Rechtsstaat

Im September 1814 begann in Wien ein Kongress, der in seiner Dimension und Bedeutung nur mit den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden von 1648 vergleichbar war. Diesmal ging es um eine dauerhafte innere und äußere Ordnung auf dem Kontinent nach 20 Jahren Krieg. Und einmal mehr sollte sich zeigen, dass die deutsche auch eine europäische Frage war.

Diplomatentreffen beim Wiener Kongress Quelle: ZDF

Unter dem Vorsitz "Seiner Majestät Staats-, Konferenz- und die auswärtigen Angelegenheiten dirigierender Minister" begann die Arbeit an der Nachkriegsarchitektur. Neben Fürst von Metternich waren die Hauptakteure der russische Zar, der britische Außenminister Castlereagh, der preußische Staatskanzler Fürst von Hardenberg und der von Napoleon wegen verräterischer Umtriebe geschasste Exaußenminister Talleyrand. Ihm gelang es mit Geschick, das besiegte Frankreich in eine nahezu gleichberechtigte Position zu manövrieren.

Erhobenen Hauptes im Walzertakt

"Der Kongress tanzt", hieß ein geflügeltes Wort. Zeitgenossen zählten 250 Bälle in nur wenigen Wochen. Und auch andere Bonmots machten die Runde: "Der König von Württemberg frisst für alle, der von Bayern säuft für alle, und Zar Alexander liebt für alle..." Die Rheinbund-Fürsten, die sich spät, aber offenbar rechtzeitig von ihrem französischen Protektor gelöst hatten, drehten erhobenen Hauptes ihre Runden im Walzertakt, sie durften behalten, was Napoleon ihnen gegeben hatte. Als warnendes Beispiel galt der König von Sachsen, der zu spät - erst nach der Völkerschlacht - die Seiten wechselte und nun die Hälfte seines Territoriums verlor.

Ball-Saal mit tanzenden Menschen Quelle: ZDF

Der Freiherr vom Stein wollte offenbar nicht wahrhaben, dass mit den reformierten Rheinbund-Staaten respektable Mächte entstanden waren, die eher eine föderale Zukunftslösung nahelegten. Auch dürften die Menschen in Bayern, Baden und Württemberg doch eher landespatriotisch empfunden haben als gesamtnational. Und auch der Preußenkönig wollte jetzt von der Einheit der Nation nichts mehr hören und ebenfalls nichts von einer Verfassung, die er seinen Untertanen versprochen hatte.

Selbstbestimmung als Schreckgespenst

Stein, beschränkt auf die Rolle eines Beraters und Beobachters und nur im offiziellen Auftrag des Zaren vor Ort, reichte immer wieder neue Vorschläge nach. Doch Wien war nicht sein Parkett; seine Forderungen verhallten in den Wandelgängen der Konferenz. Mehr Freiheit für die Bürger und nationale Selbstbestimmung für das Volk - das galt im Kreis der Adligen Europas als Schreckgespenst. Ein Vielvölkergebilde wie Österreich konnte durch Einigungsbewegungen ebenso aus den Fugen geraten wie das kontinentale Gleichgewicht.

So fiel der Diplomatenschacher auf dem Spielfeld Europa eher nüchtern aus. Man wollte Deutschland nicht zu sehr stärken, Frankreich nicht zu sehr schwächen. Folglich wurde für die deutsche Mitte Europas ein eher loser Bund favorisiert, der alte Dualismus Preußen-Österreich sollte zur Balance beitragen, das neue Gebilde einen Puffer darstellen zwischen der Zarenherrschaft im Osten und dem französischen Nationalstaat und der englischen Monarchie im Westen.

Verbitterter Reformer

Statue Freiherr von Stein Quelle: ZDF

Die Vorstellungen eines Freiherrn vom Stein oder eines Ernst Moritz Arndt prallten an der Wirklichkeit ab: Die gewonnene Eigenständigkeit der deutschen Länder und das europäische Kräftespiel duldeten damals weder einen Bundesstaat noch ein nationales Reich in der Mitte des Kontinents. "Alles, was ich gehofft habe, hat sich zerschlagen. Die Fürsten haben triumphiert über das Volk", resümierte der Reformer am Ende verbittert. Vom Stein hatte zwar geholfen, Napoleon zu bezwingen, aber Metternich war es, der über beide triumphierte. Dies war zu viel für den alten Freiherrn, er kehrte Wien im Zorn den Rücken. Als Gutsherr im westfälischen Cappenberg widmete er sich künftig vor allem Forschungen zur Geschichte, begann zu sammeln, zu studieren und zu dokumentieren, was den Weg der Deutschen als Deutsche ausmacht.

Das Ergebnis der Wiener Konferenz war die Gründung des "Deutschen Bundes", eines Staatenvereins auf völkerrechtlicher Grundlage mit Österreich als Führungsmacht. Ihm gehörten 35 Königreiche, Fürsten- und Herzogtümer sowie vier Freie Städte an. Das Motto der Stunde aber lautete: "Restauration". Buchstabengetreu konnte diese freilich nicht erfolgen. Durch Revolution und Okkupation hatte sich die Mitte Europas unumkehrbar verändert. Besonders das deutsche Staatensystem ging nach dieser Generalbereinigung verjüngt und modernisiert hervor. Das Staatenpuzzle war verschwunden, die Fürstentümer und Monarchien gestärkt. Es gab nun einen festeren Zusammenhalt in den vergrößerten Ländern.

Grundlagen für einen Rechtsstaat

Die Grundlagen für einen Rechtsstaat waren vielfältig - insbesondere unter französischem Einfluss - geschaffen worden. Durch Reformen und Unterdrückung, Umverteilung und Besatzung, Bereicherung und Ausbeutung, Krieg und Neuordnung hatte Napoleon für Fakten gesorgt und eine nationale und freiheitliche Bewegung in Gang gesetzt, die zwar zu diesem Zeitpunkt bei Weitem noch nicht so homogen und geschlossen war, wie später oft behauptet wurde, doch in den kommenden Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewinnen sollte.

Wer war also nun der "Nationbuilder" der Deutschen? Der Sozialist Kurt Eisner schrieb hundert Jahre nach der napoleonischen Ära: "die Französische Revolution und Bonaparte". Preußische Historiker hingegen betonten die besondere Rolle des Hohenzollernstaats. Seine Erneuerung - aus sich selbst heraus - habe den entscheidenden gesamtnationalen Impuls gegeben, der in die deutsche Einheit 1871 mündete. Diese Lesart klammert allerdings aus, dass sich das moderne Preußen ohne Napoleons "Nachhilfe" wohl kaum hätte bilden können. Auch wird darüber hinweggetäuscht, dass der preußische Monarch die nationale Karte nur so lange spielte, wie es ihm opportun erschien. Dennoch wurde an der Legende von Preußens "deutscher Mission" gestrickt. Was weiter westlich geschah, wurde hingegen schlechtgeredet: Allzu lange habe man im Rheinbund mit dem Tyrannen paktiert und in "undeutscher" Manier dem Vorbild Frankreich nachgeeifert.

Noch ein weiter Weg

Tatsächlich aber war manches, was links und rechts des Rheins während der napoleonischen Ära geschah, im Sinne moderner Nationalstaatsbildung weitaus fortschrittlicher als in den preußischen Landen, erst recht, wenn man von Prinzipien spricht, die auf eine freiheitliche Verfassungsentwicklung hindeuten, an die später das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland anknüpfen konnte. Bis dorthin war es allerdings noch ein weiter Weg.

Napoleon am Strand von Sankt Helena Quelle: ZDF

Überschätzte sich der gestrauchelte Bonaparte also nicht, als er im Exil auf Sankt Helena nicht ohne Erbitterung sinnierte: "Hätte der Himmel gewollt, dass ich als deutscher Fürst geboren würde, so hätte ich durch all die vielen Wechselfälle unserer Tage hindurch die dreißig Millionen vereinigter Deutscher regiert, und soweit ich sie zu kennen glaube, scheint mir noch heute, dass, wenn sie mich einmal zu ihrem Kaiser gewählt und ausgerufen hätten, sie nie von mir abgefallen wären und ich jetzt nicht hier sitzen müsste."?

Die Saat der Freiheit niedergetrampelt

Zunächst hätte Napoleon dafür vielleicht nicht einmal deutscher Fürst sein müssen, sondern nur ein anderer, weniger von Größenwahn und Machtgier befallener Herrscher. Vielleicht hätte ihm Deutschland zu Füßen gelegen, wenn er mit seinen Militärstiefeln nicht die Saat der Freiheit niedergetrampelt hätte, die er den Menschen ursprünglich verhieß. Deutsche Zeitgenossen wie der Aachener Landgerichtsdirektor Freiherr von Führt verstanden nach Jahren die Spreu vom Weizen zu trennen, nachdem die ersten Wellen der Entnapoleonisierung infolge von Wiener Kongress und Restauration verebbt waren. Führt schrieb 1827: "Mag der gewesene Kaiser Napoleon als Welterschütterer einem Dschingis Khan ... oder Attila zur Seite stehen", als Gesetzgeber aber dürfe er "immer mit den größten Männern verglichen werden".

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet