Wilhelm und die Welt

Zwischen Größenwahn und Depression

"Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch entgegen", verkündet der junge Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II. 1892 - zu Beginn der Epoche, die später nach ihm benannt wird. Er entpuppt sich als prunksüchtiger Monarch, selbstverliebt und betont forsch. Für die Mehrheit des deutschen Bürgertums aber wird er zum Sinnbild eigenen Strebens nach Glanz und Größe.

Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor Quelle: ,ZDF
Teil 10: Wilhelm II. Quelle: ZDF

Der Liberale Friedrich Naumann meint gar: "Dieser Kaiser, über den ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild!" Die Fassade von Pickelhauben und Paraden ist symptomatisch für die "verspätete Nation". Der Pomp überspielt vieles. Die "innere" Einigung Deutschlands ist ins Stocken geraten, der junge Staat bleibt in sich gespalten. Alte territoriale wie konfessionelle Gegensätze bieten Konfliktstoff, im industriellen Aufschwung tuen sich tiefe soziale Gräben auf. Der Reichstag, allen voran die stark anwachsende Sozialdemokratie, fordert mit der Zeit ein Ende des "persönlichen Regiments" Wilhelms II.

Der Kaiser beschimpft die Partei der Linken als "Vaterlandslose Gesellen". SPD-Abgeordnete wie Philipp Scheidemann reklamieren das deutsche Vaterland allerdings auch für sich: Durch die Politik des Monarchen sei der Bestand, die Einheit und der Frieden des Reiches gefährdet, sagt er. In dem Werdegang des prominenten Sozialdemokraten und des letzten deutschen Kaisers spiegelt sich vieles, was die Deutschen damals einte und trennte. Erstmals werden die gegensätzlichen Rollen und Charaktere, die Wilhelms II. und Scheidemanns, in einem Film dargestellt.

Das Deutsche Reich als Weltmacht

Teil 10: Am Krankenbett

Wilhelm II. verfolgt andere Visionen als der Gründungskanzler Bismarck. Dieser hat der Welt vor Augen führen wollen, dass sich der neu gegründete Staat friedlich in das Konzert der Mächte einfügen kann. Der junge Hohenzoller aber will Kaiser einer Weltmacht sein, die mit den anderen Großmächten mithalten kann. Am deutschen Wesen, heißt es in nationalistischen Kreisen, solle die Welt genesen, notfalls unter militärischen Druck. So bildet sich ein internationales Bündnis gegen Wilhelms Reich. Deutschland fühlt sich von seinen Nachbarn eingekreist. Tatsächlich kreist es sich allmählich aus. Die Mächte in Europa rechnen mit dem großen Schlagabtausch, und sie verhindern ihn nicht, als der Kontinent der Katastrophe entgegentaumelt. Der Kaiser und die Opposition schließen im Angesicht des Krieges "Burgfrieden" - vorläufig.

Teil 10: Scheidemann in Verhandlung Quelle: ZDF

Der Erste Weltkrieg wird zum ersten industriellen Vernichtungskrieg, zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Der mörderische Grabenkampf, vor allem an der Westfront, übertrifft an Grausamkeit, an menschlicher Verrohung selbst die schlimmsten Ahnungen. Hier wächst die Saat für eine Zeit, in der der Mensch nur noch als Material gilt. 1918 ist das deutsche Heer am Ende, und selbst die Generäle haben das begriffen. Eingestehen wollen sie es freilich nicht - zumindest nicht vor der Nation.

Abdankung auf Druck der Straße


Wilhelm II. weigert sich abzudanken. Erst der Druck der Straße vermag das Kaisertum zu beseitigen. "Das deutsche Volk hat auf der ganzen Line gesiegt. Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!", ruft am 9. November 1918 der SPD-Fraktionsvorsitzende Philipp Scheidemann aus. Die erste Demokratie auf deutschem Boden entsteht - doch die Bürden der Vergangenheit wiegen schwer.

Nach dem Krieg drängen einige Nachbarn auf eine Niederhaltung Deutschlands, es wird mit seinen Verbündeten zum Kriegsschuldigen erklärt. Nicht der deutsche Kaiser und seine Militärs, die den Krieg geführt haben, sondern Vertreter der jungen Weimarer Demokratie sind gezwungen, den Versailler Vertrag zu unterschreiben. Das diskreditierte die gerade erst gegründete deutsche Republik in den Augen vieler. Deutschland soll nach dem Krieg aber für 70 Jahre nicht zur Ruhe kommen.

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