Zwischen Krieg und Frieden

Turnierwesen im Mittelalter

Wehende Fahnen, glänzende Rüstungen und zwei tollkühne Ritter, die mit ihren Lanzen aufeinander zu reiten. Jeder kennt diese Bilder aus dem Film. Doch mittelalterliche Turniere waren weit mehr als der ritterliche Zweikampf mit Pferd und Lanze. Vom Volk geliebt und von der Kirche verabscheut durchlief das mittelalterliche Turnierwesen viele verschiedene Entwicklungsphasen.

Frankreich gilt als Geburtsort des Turnierwesens, welches sich aus militärischen Manövern zu dem höfischen Großereignis des Hoch- und Spätmittelalters entwickelte. Der Begriff "Turnier" leitet sich aus dem lateinischen "tornare" (drehen, wenden) ab und charakterisiert die Wendebewegung der Reiter nach ihrem Aufeinandertreffen auf den Gegner.

Ruhm und klingende Münze

Ein Turnier diente mehreren Zwecken. Zum einen konnten die Ritter auf diese Weise ihre Kampffähigkeiten trainieren. Doch mit Ausprägung der ritterlichen Ideale traten der Erwerb von Ruhm und Ehre in den Vordergrund. So hatte Wilhelm der Marschall zwar 1180 die Gunst des Hauses Anjou verloren, doch aufgrund seiner Popularität und seines Erfolges bei Turnieren versuchten der Graf von Flandern und der Herzog von Burgund sich sogleich seiner Dienste zu versichern.

Ein weiterer Faktor war die Tatsache, dass ein guter Turnierkämpfer wahre Reichtümer anhäufen konnte. Denn neben den Siegprämien konnte man bei manchen Turniervarianten Lösegelder für geschlagene und gefangene Gegner einfordern. Auch hier war Wilhelm der Marschall nicht tatenlos. Er tat sich 1177 mit seinem Gefährten Roger de Gaugie zu einem Zweckbündnis zusammen, um den Gewinn bei Turnieren zu teilen: in zehn Monaten erhoben sie Lösegelder von über 100 geschlagenen Rittern.

Tödliche Manöver

Das ritterliche Turnier bestand aus drei verschiedenen Kampfspielen: Turnei, Buhurt und Tjost. Das Turnei war die erste und lange Zeit bedeutendste Variante. Hierbei handelte es sich um ein Verbandsgefecht zwischen zwei meist sehr großen Gruppen, die in der Regel beritten waren. Bei diesem Kampfspektakel konnte aus Spaß leicht Ernst werden, Todesfälle waren dabei nicht selten. Bei einem Turnier in Neuss sollen über 80 Ritter ums Leben gekommen sein, darunter viele, die vor lauter Hitze und Staub in ihren Rüstungen erstickten.

Auch politische Konflikte konnten bei Turnieren entstehen oder bei den Kämpfen "gelöst" werden. Bei dem Turnier von Chalons 1274 kam es zum Streit zwischen Engländern aus dem Gefolge von Edward I. und Gefolgsleuten des Grafen von Chalons und aus dem Turnier wurde ein blutiger Kampf mit vielen Toten. Dies war wohl auch ein Auslöser dafür, dass man in späterer Zeit immer öfter stumpfe Waffen benutzte,die solche Ausschreitungen verhindern sollten.

Riskante Reiterspiele

Der "Buhurt" war ein weniger blutiges Reiterspiel, bei dem das Geschick im Umgang mit dem Pferd im Vordergrund stand. Auch hier kämpften zwei Gruppen, doch es wurden in der Regel hölzerne Stäbe anstatt scharfer Waffen eingesetzt. Daher durften sogar die Tempelritter am Buhurt teilnehmen, denen die Turniere normalerweise versagt waren

Der "Tjost" ist die Turniervariante, die aus Film, Fernsehen und Literatur am besten bekannt ist. Zwei berittene Kämpfer versuchen sich auf einer abgesteckten Bahn mithilfe ihrer Lanzen gegenseitig aus dem Sattel zu werfen. Je nach Spielregeln konnte der Tjost nach Verbrauchen der Lanzen auch mit dem Schwert und zu Fuß ausgetragen werden. Beim "Tjostieren" können zwei Varianten unterschieden werden: das Rennen und das Stechen.

Das Rennen wurde mit scharfen Lanzen ausgefochten und hatte das Ziel, den Gegner aus dem Sattel zu werfen. Im ausgehenden Hochmittelalter und während des Spätmittelalters wurde das so genannte "Stechen" populärer. Hierbei kämpfte man mit stumpfen Waffen und musste die Lanzen möglichst kunstvoll am Gegner zersplittern lassen. Dass auch dies mit Gefahren verbunden war, zeigt der Tod König Heinrichs II. von Frankreich im Jahr 1559: während des Stechens drang ein Lanzensplitter durch sein Helmvisier ins Gehirn und tötete ihn auf der Stelle.

Letzes Refugium des Rittertums

Doch trotz oder gerade wegen der Popularität der Turniere verurteilte die Kirche die Massenspektakel immer wieder. Kirchliche Verbote sind zahlreich überliefert, man drohte mit Exkommunikation und der Verweigerung eines christlichen Begräbnisses. Zur Begründung verwies der Klerus auf das Argument, dass die Turniere zur Ausübung aller sieben Todsünden - Hochmut, Neid, Zorn, Faulheit, Habgier, Völlerei und Wollust - verleiten würden. Doch geholfen hat es nichts.

Turniere verknüpften zwei klassische Aspekte des Mittelalters: Rittertum und Minne. Die Ritterspiele waren oft der Höhepunkt großer Feste und boten beste Gelegenheit, die anwesenden Damen zu beeindrucken. So folgte die Preisverleihung am Ende dieser Spektakel auch immer aus der Hand einer Edelfrau. Mit dem Niedergang der klassischen mittelalterlichen Kriegsführung und den gesellschaftlichen Umwälzungen im Spätmittelalter wurden Turniere zum letzten Zufluchtsort des Rittertums. Der Adel versuchte durch strikte Beschränkung der Teilnehmer und Stammbaumnachweisen mittels Wappenrollen dieses letzte Refugium ausschließlich seinem Stand vorzubehalten.

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