"Wir haben sehr intensive Eindrücke gewinnen können"

Interview mit Filmautor und ZDF-Korrespondent Johannes Hano

Wie vielgestaltig das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde ist, macht die zweiteilige Reisereportage von ZDF-Korrespondent Johannes Hano deutlich: "17.000 Kilometer KANADA" führt an die entlegensten Orte und in die kulturellen Zentren dieses Landes, das viele auf ihrer Suche nach einem besseren Leben anlockt und die Menschen dort vor ganz unterschiedliche Herausforderungen stellt: Kämpfen, Jagen, Überleben, Wölfe, Freiheit, Killerwale – all dies ist in Kanada und in dieser Reportage zu erleben.

ZDF: Auswandern, Work and Travel, Urlaub – dafür ist Kanada aus europäischer Perspektive bekannt. Wie stark lockt das von der Fläche her zweitgrößte Land der Erde aktuell auch die weltweiten Flüchtlingsströme an?

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Blick auf Vancouver - die kanadische Metropole am Pazifik. Quelle: ZDF

Johannes Hano: Wie viele Flüchtlinge nach Kanada kommen wollen – darüber gibt es keine Statistiken. Anders als die Länder Europa ist der nordamerikanische Kontinent durch die zwei großen Ozeane Atlantik und Pazifik für Flüchtlinge nicht direkt zu erreichen. Kanada gehört aber zu den Ländern, die seit Jahrzehnten eine mehr oder weniger gleichbleibende Zahl von Flüchtlingen aus allen Fluchtregionen der Welt aufnehmen. Bislang sind das etwa 25.000 Flüchtlinge pro Jahr. Das sind etwa zehn Prozent der gesamten Einwanderung pro Jahr. Insgesamt legt Kanada bei der Einwanderung besonderen Wert auf die Integrierbarkeit der Einwanderer in die kanadische Gesellschaft. Dabei spielen weder Religion noch Herkunft eine Rolle, sondern vielmehr Sprachkenntnisse und familiäre Bindungen. Und vor allem ist bei der Einwanderung die Einsetzbarkeit auf dem Arbeitsmarkt ein entscheidendes Kriterium. Flüchtlinge werden aus humanitären Gründen aufgenommen: In der aktuellen Debatte um Flüchtlinge aus Syrien will Kanada 25.000 zusätzliche Flüchtlinge aufnehmen. Geplant ist aber, dass es sich dabei hauptsächlich um Frauen, Kinder, Familien und ältere Menschen handeln soll.

ZDF: Haben Sie in den sechs Drehwochen im vergangenen Sommer und über die dabei zurückgelegten 17.000 Flugkilometer Kanada nun wirklich kennengelernt? Oder sagen Sie: Das war ein intensiver Eindruck, aber es gibt noch so viel dort zu entdecken?

Es gibt immer etwas Neues zu entdecken

Johannes Hano: Es ist in einem Menschenleben wahrscheinlich nicht möglich, dieses riesige Land vollständig kennenzulernen – es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Aber wir haben sicher mehr von Kanada gesehen und entdeckt, als es die meisten Kanadier jemals selbst schaffen werden. Überall, wo wir hinkamen und von unserem Projekt erzählt haben, waren die Leute begeistert und haben uns gebeten eine DVD oder einen Link zu schicken, denn so etwas hätten sie im Fernsehen über ihr Land noch nicht gesehen. Viele Kanadier kommen aus ihrer Provinz nicht heraus – teilweise sind diese ja auch vier bis fünfmal größer als Deutschland. Mein Gefühl ist, dass wir einen recht intensiven Eindruck gewonnen haben, der sich auch in unseren beiden Filmen widerspiegelt. Natürlich kann man auch in 90 Minuten ein Land nicht vollständig erklären, aber das wollen wir auch nicht. Wir wollen es durch seine unterschiedlichen Menschen, Geschichten, Landschaften und Herausforderungen für den Zuschauer erlebbar machen und diesem die Möglichkeit geben, selbst zu spüren, wie sich dieses Land anfühlt.

ZDF: Wie sieht man denn von Kanada aus die Welt? Verführt die Größe des Landes dazu, dass der Blick auf Nordamerika konzentriert bleibt?

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17.000 Flugkilometer hat das ZDF-Team auf seiner Reise zurückgelegt. Quelle: ZDF

Johannes Hano: Die Sicht auf die Welt verändert sich mit den Perspektiven: Im Osten, Montreal, sieht man mehr nach Europa, im Westen, Vancouver, mehr nach Asien, was auch mit den Einwandererwellen zu tun hat. Der Osten ist geprägt von Einwanderern aus Europa, der Westen von Einwanderern aus Asien, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr geworden sind. Im Norden hingegen, bei den Ureinwohnern, sieht man Europa aus ganz praktischen Gründen eher kritisch, vor allem die EU mit ihren Verboten im Fellhandel. Auf eines aber sind wir überall gestoßen: auf die klare Aussage, dass man nicht so sein oder werden wolle wie die USA mit all ihren Verboten und Sicherheitsbestimmungen. Man hat Respekt vor den USA und sieht sich als enger Verbündeter, aber zugleich sind die Kanadier sehr stolz auf ihre Liberalität und – wenn man so will – auf ihre Lockerheit. Wir sind zum Beispiel beim Bürgermeister von Toronto einfach ins Büro marschiert – ohne Sicherheitskontrollen und Background-Checks. In New York wäre das völlig ausgeschlossen. Kanada versteht sich als weltoffenes Land, das in alle Richtungen blickt. Ökonomisch aber geht das Interesse klar in Richtung China und USA, wo die großen Abnehmer für kanadische Rohstoffe sitzen.

ZDF: Welche der Gebiete Kanadas, die Sie für die Reportage bereisten, haben Sie besonders beeindruckt?

Johannes Hano: Für mich, der in München, Hamburg, Berlin, Peking, Tokio und New York lebt oder gelebt hat, ist das gar keine Frage: Das sind die schier unendlichen Weiten der Arktis, die raue Einsamkeit und Ruhe, die man sonst wohl nur noch am Südpol findet. Es ist die Unberührtheit der Natur an der Küste British Columbia mit all dem Wildlife, das man sonst nur aus Filmen oder aus dem Zoo kennt. Einfach fantastisch! Aber das sind vor allem einzigartige Naturerlebnisse. Was mich aber am stärksten beeindruckt hat: die ungeheure Freundlichkeit, Offenheit und Lockerheit, mit der die Menschen uns begegnet sind, seien es die Fischer in Neufundland, die Inuit in der Arktis, die Jäger im Yukon oder der Bürgermeister von Toronto. Ich bin viel herumgekommen in der Welt – aber das ist einzigartig!

ZDF: Und was war die größte Strapaze auf dieser Drehreise?

Johannes Hano: Das, was wir als Strapaze bezeichnen würden, ist für sehr viele Kanadier Alltag. Das sind die langen Wege in oft recht unbequemen Fortbewegungsmitteln oder das permanente Licht im Norden, das einem das Zeitgefühl raubt: Irgendwann weiß man nicht mehr, ob es ein Uhr nachts oder ein Uhr mittags ist. Fahrstrecken von 300 bis 400 Kilometern auf dem Fluss im offenen Boot mit 50 Stundenkilometern, bei Regen Wind und Wellengang, sind völlig normal und gehören eher zu den Kurzstrecken. Die Inuit fahren auch schon mal gerne 800 Kilometer mit dem Hundeschlitten oder dem Ski-Doo auf Familienbesuch über das Eis. Das ist ein Leben, wie wir es uns in Deutschland überhaupt nicht vorstellen können. Die Fahrt den Athabasca River hinauf war für uns neben den langen Strecken in der Arktis die größte Strapaze. Da hatten wir manchmal das Gefühl, dass am Ende kein Knochen mehr da sitzt, wo er sitzen sollte. Besonders nervend waren die Mücken im Yukon: Niemand, der dort lebt, vergisst Mückenspray und Gewehr. Denn Mücken und Grizzlys können einem das Leben schon recht schwer machen.

Mit Johannes Hano sprach Thomas Hagedorn.

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