"Abrahamisches Wurzelwerk"

Theologe Karl-Josef Kuschel im Interview

Karl-Josef Kuschel ist Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und lehrt dort Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs. Im Interview erklärt er, was für ihn abrahamisches Gottvertrauen ist.

Abraham als junger Mann
Abraham als junger Mann Quelle: ZDF,Feldmann


ZDF: Welche Bedeutung hat Abraham im Islam?

Karl-Josef Kuschel
Karl-Josef Kuschel Quelle: ZDF



Kuschel: Man sieht in ihm nicht eine beliebige Figur - Abraham ist eine Gründergestalt des Islam. Der Islam versteht sich als die "Religion Abrahams". Für Juden und Christen ist das etwas Ungeheuerliches: Dass eine Religion sich direkt auf Abraham beruft und den Glauben Abrahams an den einen Gott wieder neu zum Leuchten bringen will.

Das ist eine große Herausforderung für die anderen beiden Religionen, die sich ja ebenfalls auf Abraham berufen. Von daher entsteht so etwas wie ein trialogisches Miteinander von Juden, Christen und Muslimen. "Miteinander" heißt nicht von vornherein Harmonie, sondern zunächst einmal: Wir sind auf dieses Erbe verpflichtet. Wir haben ein gemeinsames abrahamisches Wurzelwerk. Und nun ist unsere Aufgabe, damit etwas Konstruktives zu erarbeiten.


ZDF: In der Praxis werden diese gemeinsamen Wurzeln von Juden, Christen und Muslimen kaum sichtbar - gibt es nicht sehr unterschiedliche Sichten auf Abraham?


Kuschel
: Es gibt Streit um Abraham - das ist nicht zu leugnen. Jede Tradition vertritt ihre eigenen Interessen. Für Juden ist ganz entscheidend, dass Gott mit Abraham einen Bund geschlossen hat. Damit wird das Volk Israel zum auserwählten Volk. Für Christen ist ganz entscheidend, dass man sich mit einem "gesetzesfreien Glauben" auf Abraham berufen kann, denn Abraham glaubt an Gott, ohne sich an die jüdische Tora halten zu müssen, die Tora gab es nämlich noch gar nicht. Der Islam sieht Abraham als den ersten, der den Weg zu dem einen wahren Gott fand. Abraham war weder Jude noch Christ, so die Muslime, sondern ein tief an den einen Schöpfergott Glaubender.

Das zeigt, dass wir es hier mit einer Schnittmenge zu tun haben, ich nenne das "abrahamische Spiritualität". Was Juden, Christen und Muslime verbindet, ist zutiefst der Glaube daran, dass der Mensch sein Leben Gott überantworten soll.


ZDF: Abraham soll die fremden Götter seiner Umgebung zerschlagen haben - was bedeutet das?



Kuschel: Abraham ist der Götzenbekämpfer in allen drei Traditionen, weil er an den einen wahren Schöpfergott geglaubt hat. Abraham ist der Götzenbildzertrümmerer - und alle drei Religionen sind auf dieses Erbe verpflichtet. Dass bedeutet: Überall, wo irdische Dinge vergötzt werden, sei es eine Kirche, sei es eine Synagoge, eine Umma, sei es ein Staat, eine Partei, eine Rasse oder eine Klasse - da sollten Juden, Christen und Muslime Götzenzertrümmerer sein, weil Abraham am Ursprung stand und die Menschen verweist auf den wahren Gott.


ZDF: War Abraham eine historische Person?


Kuschel: Was an Abraham historisch ist, können wir nicht beweisen. Wir haben keine Quellen, die uns den historischen Abraham belegen. Was wir jedoch haben, ist eine historische Abraham-Überlieferung. Das Milieu, in dem diese Überlieferung spielt, ist das der Nicht-Sesshaftigkeit, wir befinden uns in einer Hirtensituation, einem Milieu, das in der Vorkönigszeit Israels spielt. Aber selbst, wenn wir die Existenz Abrahams archäologisch nachweisen könnten, heißt das ja noch lange nicht, dass wir die Botschaft der Abraham-Geschichten begriffen haben.

Abraham auf Klippe vor Wolken
Abraham auf Klippe vor Wolken Quelle: ZDF


ZDF: Was ist die Botschaft der Abraham-Geschichten?


Kuschel: Es geht um radikales Gottvertrauen. Das hört sich vielleicht fromm an, aber es geht darum, seinen Weg zu gehen, trotz aller Skepsis, trotz aller gegenteiligen Wirklichkeitserfahrung, trotz aller Zerschlagung von Hoffnung. Auf dem Weg zu sein vor Gott heißt: keine Sicherheiten festhalten, unter Umständen auch alles preisgeben, loslassen, eine Heimat loslassen, Freunde und Familie. Das bedeutet auch: bereit sein, aufzubrechen ins Ungewisse, ins Riskante.

Das kommt uns aus den Abraham-Geschichten entgegen. Er glaubte an Gott und ging damit ein Lebensrisiko ein. Und wenn sich Juden, Christen und Muslime darauf besinnen - wenn man sich darauf besinnt, in diesem Sinne ein riskantes Leben zu führen, zu wissen, dass man nichts festhalten kann, dass man immer wieder Aufbrüche praktizieren muss, dann hat man zutiefst verstanden, was abrahamisches Gottvertrauen meint.


ZDF: Juden und Muslime streiten um den Urvater und gedenken seiner getrennt von einander. Hat die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern die gemeinsamen religiösen Wurzeln verschüttet?



Kuschel
: Wir müssen begreifen, dass die Abraham-Energien die Herzen und Gewissen umwandeln könnten, wenn man sie hinein ließe. Wer Religion zur Stabilisierung seiner eigenen Ideologie, Gewaltideologie, Feindbildideologie missbraucht, missbraucht die Überlieferungen von Abraham.

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