Abschied von Marcel Reich-Ranicki

Jahrhundertzeuge und Literaturlegende

Marcel Reich-Ranicki

Dokumentation | Dokumentation - Abschied von Marcel Reich-Ranicki

Ein kurzer Zusammenschnitt aus dem bewegten Leben des Marcel Reich-Ranicki kann nie vollständig sein - aber mindestens unterhaltsam.

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Was für ein Leben! Welch abenteuerlich verschlungener Weg vom jungen Marceli Reich, dem die Nationalsozialisten den Tod verordnet hatten, bis zu Prof. Dr. h.c. mult. Marcel Reich-Ranicki, dem bedeutendsten Literaturkritiker der Nachkriegszeit, dem vielbewunderten und heißumstrittenen Medienstar unserer Tage. Marcel Reich-Ranicki: eine deutsche, eine polnische, eine jüdische Biografie, die sich unvergleichlich mit der Kulturgeschichte unseres Landes verbindet. Eine Persönlichkeit, die zu einer zentralen Instanz der Bücherwelt geworden ist und die gleichermaßen Zeugnis ablegte für die Höhepunkte und Abgründe des 20. Jahrhunderts.

Marcel Reich-Ranickis Lebensweg ist beendet. Vermutlich sehr zu seinem Leidwesen, wie er noch im hohen Alter bekundete: „Ich fürchte die Nichtexistenz. Wenn das Leben weitergeht – und man erfährt nichts mehr, man ist nicht mehr da.“ Doch wie wir ihn kennen, wird er auch noch im Jenseits das Geschehen verfolgen, über jedes aufregende Detail der Kulturwelt informiert sein und treffsicher kommentieren.

Verfolgter und Regent

1920 ist Marceli Reich im polnischen Städtchen Woclawek geboren, 1929 von seiner deutschen Mutter und seinem polnischen Vater nach Berlin geschickt worden. Ein Erweckungserlebnis. Der Musterschüler entdeckte den Reichtum der Theaterkunst in der späten Weimarer Republik und die großen Schriftsteller von Johann Wolfgang Goethe bis Thomas Mann, Kurt Tucholsky bis Friedrich Schiller. 1938 durfte er noch sein Abitur machen, ein Studium an der heutigen Humboldt-Universität in Berlin wurde ihm als Juden verwehrt. Schließlich wurde er nach Warschau deportiert, lebte ab 1940 im Ghetto, wo er unter dramatischen Umständen seine Frau Teofila kennen lernte und heiratete. Das junge Paar überlebte im Versteck, die meisten Familienangehörigen wurden Opfer des Holocaust.

1945 bis 1949 war er im Dienst des polnischen Außenministeriums und des Geheimdienstes beschäftigt, wurde aus der polnischen KP ausgeschlossen und machte sich daran, seinen Landsleuten deutsche Schriftsteller näher zu bringen. Reich-Ranicki floh jedoch 1958 mit Frau und Sohn Andrew nach Deutschland, wirkte als Literaturkritiker von 1960 bis 1973 bei der Hamburger „Zeit“, um dann von 1973 bis 1988 als Literaturchef bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Literaturszene zu regieren. Längst hatte sich Reich-Ranicki einen Namen gemacht, in der legendären Gruppe 47 und beim Ingeborg-Bachmann-Preis den Ton angegeben. Schriftstellern wie Wolfgang Koeppen und Siegfried Lenz hielt er sein Leben lang wortmächtig die Treue, Stars wie Peter Handke oder Martin Walser dagegen, wurden ebenso wortmächtig aber robust so manchem harschen Verriss unterzogen. Getreu des Literaturpapstes Motto: „Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker.“

Vom Kritiker zum Medienstar

Als Marcel Reich-Ranicki das Pensionsalter erreicht hatte, kam nun der Durchstart zur multimedialen Berühmtheit. Im ZDF hob er das „Literarische Quartett“ aus der Taufe. Am 25. März 1988 trafen sich Reich-Ranicki, Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek und Jürgen Busche das erste Mal – zunächst ohne Publikum in einer minimalistischen Dekoration. Am 14. Dezember 2001, 13 Jahre, 77 Sendungen und etwa 400 Buchbesprechungen später dann das vorläufige Finale beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue in Berlin. Längst waren Reich-Ranicki und Co. Teil der Fernsehgeschichte geworden.

Das „Literarische Quartett“: Deutschlands erfolgreichste, meist diskutierte Büchersendung war längst zum Kult geworden. Das Quartett ist bis heute die Idealkonstellation für eine Talkshow: drei Teilnehmer stehen fest, der donnernde, fuchtelnde Gottvater Reich-Ranicki, der amüsante Filou Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, die Unbestechliche, Kritische, Ironische. Dazu ein Gast, dem man alle Daumen drückte, in dieser Runde nicht unterzugehen. Die Gruppendynamik machte den Erfolg aus, dominiert vom markanten Sound Reich-Ranickis. Keine andere Kultursendung wurde so oft beschrieben, gelobt, zerrissen, karikiert und imitiert.

Erster Geiger im Quartett

Das Quartett wurde zum wichtigsten Marktfaktor des Bücherbusiness. Über Nacht sind Autoren wie Cees Nooteboom, Ruth Klüger oder Javier Marias mit ihren gewiss nicht leicht konsumierbaren Büchern zu Bestsellerstars geworden. Da mussten sich Reich-Ranicki und seine Mitstreiter nur einig sein – schon schnellten die Auflagen in die Höhe. Prickelnd und spannend wurde es immer besonders dann, wenn die Großen der Zunft auf dem Prüfstand kamen: Martin Walser, Günter Grass, Peter Handke. Handfeste Kräche waren vorprogrammiert.

Selbst das Wetter spielte mit. Als einmal in Salzburg ein neuer Titel von Walser diskutiert wurde, erschütterte ein Donnerschlag das Studio, ein Sommergewitter. Daraufhin hob Reich-Ranicki seine Hände gen Himmel und rief schlagfertig aus: „Man wird ja wohl noch Walser kritisieren dürfen!“ Der bekam dann auch harte Worte zu hören, was den Auflagen seiner Bücher keinesfalls geschadet hat. Auch Günter Grass und sein Roman „Ein weites Feld“ löste 1995 eine republikweite Diskussion aus, in deren Mittelpunkt Marcel Reich-Ranicki stand. Über 200 Artikel debattierten das zerstörte Verhältnis zwischen Literaturpapst und Großschriftsteller. „Niedriger können wir es nicht hängen“, merkte Reich-Ranicki zum neuen Grass an und spaltete wieder einmal die lesende Nation.


Schließlich kam es sogar zur Spaltung innerhalb des Literarischen Quartetts. Sigrid Löffler verriss am 30. Juni 2000 auf der Expo in Hannover das sexlastige Buch von Haruki Murakami, um sich daraufhin sehr persönlich von Reich-Ranicki angegriffen zu sehen. Der Bruch war unvermeidlich und ist über Wochen in aller Öffentlichkeit ausgetragen worden. Iris Radisch wurde die Nachfolgerin der österreichischen Kritikerin. Rund 600.000 Zuschauer hielten dem Quartett in jeder Ausgabe über 13 Jahre lang die Treue, genossen Streitkultur auf hohem Niveau, die von den Quartett-Stars mit höchstem persönlichen Einsatz ausgetragen wurde. Da war der Ruf dieser Ausnahmesendung aber schon längst über den engen Kreis der Kulturkonsumenten hinausgegangen.

Zur Legende geworden, heute verklärt und vermisst und lange Zeit geradezu eine bedrohliche Herausforderung für jedes Nachfolge-Format. Reich-Ranickis Liebe zu den alten und modernen Klassikern führte dann auch noch zur temporären Wiedergeburt des Quartetts: Schiller, Mann, Heine und Brecht zu Ehren. Unvergessen, wie Marcel Reich-Ranicki in klassischer Serienmanier jede Folge mit ein- und demselben Brechtzitat beendete: „Wir sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Frage offen“.

Lehrmeister der Nation

Als Schulmeister und Entertainer in einer Person bezeichnete sich Reich-Ranicki häufig nicht ungern, seine Leser und Zuschauer stets im Blick. Mit seiner unnachahmlichen Rhetorik, seinem stupenden Wissen und seiner Meinungsfreudigkeit wusste der Literaturkritiker spielend die Grenzen seines Metiers zu überwinden. Entscheidende Gründe für seine Popularität. Die wichtigste Zutat zu seinem Erfolg jedoch ist mit einem einzigen Wort zu beschreiben: Glaubwürdigkeit.

Im Jahr 1999 konnten die Deutschen einen ganz anderen Marcel Reich-Ranicki kennen lernen. In seinen Memoiren „Mein Leben“ schlug der Meister der deutlichen Worte leise, verhaltene Töne an. Unsentimental und daher umso ergreifender schildert Reich-Ranicki die grausame Geschichte einer Ausgrenzung und Verfolgung in jungen Jahren. Zugleich sind seine Memoiren eine unvergleichliche Liebeserklärung an seine Frau, die er liebevoll Tosia nannte. Zeitlebens sah er sich als Außenseiter, der in einem Land lebte, das ihn einmal vernichten wollte und dem er zugleich sein Lebens- und Überlebensthema verdankte: die deutsche Literatur. Rasch wurden die Lebenserinnerungen zu einem überwältigend erfolgreichen Bestseller, was Reich-Ranicki mit Blick auf die niedrigeren Verkaufszahlen eines Martin Walser mit sichtbarer Zufriedenheit erfüllte.

Von der Zentralinstanz der Literatur ist Marcel Reich-Ranicki zu einer der prägendsten und hochgeehrtesten Persönlichkeiten der Bundesrepublik geworden. Neun Ehrendoktorate wurden ihm verliehen, darunter ein Dr. h.c. von der Humboldt-Universität, jener Hochschule, die ihm das Studium einst verweigerte. Die Universität Tel Aviv hat ihm gar einen Lehrstuhl mit seinem Namen gewidmet. Zahlreiche Preise konnte Reich-Ranicki entgegen nehmen, darunter den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, der Stadt, in der er bis zuletzt gelebt hat. Ein Preis allerdings hat er in aller Öffentlichkeit und vor laufenden Kameras dramatisch abgelehnt: den Deutschen Fernsehpreis 2008. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar 2012 dann der Auftritt des Hochbetagten im Deutschen Bundestag vor den Spitzen des Staates. Mit leiser und eindringlicher Stimme erzählt er aus dem Warschauer Ghetto, als einer der letzten lebenden Zeugen einer mörderischen Zeit.

Monumental und epochal

Besonders stolz war Reich-Ranicki auf zwei große publizistische Vorhaben, die nun als Monumente seiner epochalen Leseleidenschaft überdauern werden: die vielbändige „Frankfurter Anthologie. Gedichte und Interpretationen“, die größte Lyriksammlung der Welt, und die fünfteilige Ausgabe „Der Kanon. Die deutsche Literatur“. Ein Großwerk in Kilo schweren Cassetten, das, wie Reich-Ranicki einmal mit 85 Jahren sagte, 70 Jahre seines Lebens vorbereitet wurde.

Die Stimme von Marcel Reich-Ranicki ist nun verstummt. Doch mit seinen Büchern, seinen unvergesslichen Fernsehauftritten wird er weiter zu uns sprechen. Die ihn persönlich kannten, werden seine immer wiederkehrende, herausfordernde Frage am Anfang eines Gesprächs schmerzlich vermissen: „Lieber, was gibt’s Neues?“. Reich-Ranicki stellte hohe Ansprüche, zuerst an sich selbst, aber ebenso auch an seine Umwelt. Liebenswürdig und hochfahrend zugleich, ein genauer Zuhörer und begnadeter Unterhalter. Marcel Reich-Ranicki: ein ganzer Kerl, wie er einmal über Friedrich Schiller voller Anerkennung sagte, der Begleiter und Interpret eines Jahrhunderts, der letzte große Augenzeuge der goldenen Jahre der Weimarer Republik, aber auch des Holocaust, bis zuletzt unermüdlich Zeugnis darüber ablegend.

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