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Auf der Suche nach dem Unterschied

Ehemalige Grenzstädte im Ost-West-Vergleich

Jahrelang haben sie dicht beieinander am äußersten Rande von West- und Ostdeutschland gelegen, jede auf ihrer Seite: Die Städte an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Doch wie sieht es heute - 20 Jahre nach der Wiedervereinigung - aus? Gibt es noch Unterschiede zwischen den West- und Oststädten?

Sie wohnten am Todesstreifen, an meterhohen Grenzzäunen, streng bewacht - die Einwohner der Städte an der ehemaligen Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Das niedersächsische Helmstedt und die Stadt Haldensleben in Sachsen-Anhalt sind zum Beispiel nur etwa 30 Kilometer voneinander entfernt, Eschwege in Hessen und Mühlhausen in Thüringen liegen ähnlich weit auseinander, ebenso das bayerische Hof und die sächsische Nachbarstadt Plauen.

Nahe beieinander und doch über Jahrzehnte hinweg getrennt - so haben sich die Orte westlich und östlich der Grenze bis zur Wende 1989/1990 unterschiedlich entwickelt.

Einwohnerschwund in Ost und West

20 Jahre nach der Wiedervereinigung scheinen diese Unterschiede zwischen den Städten links und rechts der ehemaligen Grenze jedoch geringer zu werden. Durch den Aufbau Ost floss viel Geld in die Sanierung der Oststädte, das Stadtbild der Ost- und Weststädte gleicht sich mehr und mehr an. Es gibt ähnliche Geschäfte in den Fußgängerzonen, kleine touristische Stadtattraktionen ziehen hüben wie drüben Besucher an. Auch die Probleme sind ähnlich: Die ostdeutschen Grenzstädte leiden an Einwohnerschwund, die westdeutschen Grenzstädte auch. So hat Mühlhausen seit der Maueröffnung 1989 fast 10.000 Einwohner verloren. Doch damit steht die thüringische Stadt nicht alleine da: Auch die im ehemaligen Grenzgebiet gelegenen Städte Eschwege, Hof, Plauen, Helmstedt oder Haldensleben verbuchen seit Jahren kontinuierlich sinkende Einwohnerzahlen.

Der Einwohnerschwund hat einerseits demografische Gründe. Aber es gibt auch wirtschaftliche Motive: Die Deutschen wandern ab in die Großstädte, in die wirtschaftlichen Ballungszentren. Strukturschwächere Regionen wie die im ehemaligen Grenzgürtel gelegenen Städte bleiben von der dynamischen Wirtschaft abgekoppelt, das ist im Westen und im Osten so.

Mehr Arbeitslose im Osten

Während sich in den Weststädten jedoch die Arbeitslosenquote in den 20 Jahren nach der Wiedervereinigung stabilisiert hat, sind die Zahlen im Osten höher als in den westlichen Nachbarstädten. In Haldensleben, Mühlhausen und Plauen ist die Arbeitslosenquote seit 1990 gestiegen, in den westlichen Nachbarstädten Helmstedt, Eschwege und Hof ist die Zahl der Arbeitslosen wieder auf das Niveau der Wendezeit gesunken.

Ein weiterer Unterschied: Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung wird im Westen noch immer mehr verdient als im Osten - allerdings nicht in allen Berufen. Während die Verdienste von Ärzten und Lehrern zum Beispiel mehr und mehr angeglichen wurden, weichen die Gehälter von Handwerkern stark ab: So verdient ein Frisör in Plauen durchschnittlich 755 Euro brutto im Monat, ein Frisör im gegenüberliegenden Hof bekommt hingegen 1360 Euro. Ein deutlicher Unterschied auch bei den beiden Nachbarstädten Eschwege und Mühlhausen: Während ein Frisör im hessischen Eschwege rund 1350 Euro erhält, verdient sein Kollege in Thüringen lediglich 936 Euro im Durchschnitt.

Vorbild Ost bei der Kinderbetreuung

Kinder spielen in einer Kita
Kindertagesstätte Quelle: dpa

Beim Thema Kinderbetreuung hingegen haben die Oststädte wieder die Nase vorn: Haldensleben in Sachsen-Anhalt und Mühlhausen in Thüringen bieten allen Kindern von der Geburt bis zur Schuleintritt einen Betreuungsplatz an, im sächsischen Plauen bekommen immerhin noch fast die Hälfte (44 Prozent) der unter 3-Jährigen einen Betreuungsplatz. In den Weststädten sind die Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren spärlicher: Im niedersächsischen Helmstedt liegt die Betreuungsquote bei 20,7 Prozent, im hessischen Eschwege bei 24 Prozent und im bayerischen Hof bei 31,5 Prozent.

Doch das Vorbild Ost macht Schule, die westlichen Städte ziehen nach. So will die hessische Stadt Eschwege ihr Krippenangebot für Kinder unter drei Jahren erweitern, weitere Ausbaustufen sind teilweise auch in den anderen Städten geplant.

Gleiche Probleme, gleiche Herausforderungen, ähnliche Entwicklungen - im ehemaligen Grenzgebiet werden die Unterschiede zwischen den Ost- und Westnachbarn geringer. Experten schätzen, dass es noch zwei Generationen dauern wird, bis das auch in den Köpfen der Menschen ankommt.

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