Auf der Suche nach "Mutter Teresa"

Die Autorin über das Casting

Kalkutta, 21. Januar 2010: Ich habe soeben ein SMS an meinen Mann geschickt: "Greetings from hell ¿", denn anders kann man den Zustand hier nicht beschreiben: Lärm, Dreck und Chaos. Wir sind auf Motivbegehung in Kalkutta. Die Stadt gleicht einem Moloch, der jeden Neuankömmling zu verschlingen droht.

Mit Hilfe unseres indischen Aufnahmeleiters Saki versuchen wir uns durch diesen Großstadtdschungel zu kämpfen, auf der Suche nach geeigneten Orten, um Mutter Teresa in Szene zu setzen. Das Problem ist nur, wir haben sie noch nicht, unsere "Mutter Teresa".

Helmut Wimmer, der Kameramann, macht einige Schnappschüsse von Illy Kainz, unserer Produktionsleiterin und meint scherzhaft, mit ein wenig maskentechnischem Aufwand und etwas Phantasie könnte sie als "Mutter" durchgehen. Sie wollen mich aufheitern, die beiden, denn sie spüren meine Nervosität. Wir stehen zwei Wochen vor Drehbeginn und von einer geeigneten Schauspielerin ist weit und breit keine Spur.

Von "Mutter" keine Spur

Am Abend sitze ich mit Illy vor dem Laptop. Ich, die ich kaum Bier trinke, habe bereits die zweite Flasche vor mir stehen. Ein reiner Verzweiflungsakt. Immer wieder schauen wir uns die Setkarten durch, die über E-Mail von den diversen Casting-Agenturen eintreffen, aber in keiner dieser Schauspielerinnen sehe ich Mutter Teresa. Ob ich einen Plan B habe, fragt mich Illy. Natürlich nicht, denn ich weiß, dass der Film, wie ich ihn konzipiert habe, nur mit einer guten Schauspielerin funktioniert.

Sie soll das Innenleben von Mutter Teresa darstellen, ihre Glaubenszweifel wahrhaft verkörpern, ohne dass sie die wirkliche Mutter Teresa, von der wir großartiges Archivmaterial gefunden haben, in den Schatten stellt. Im Idealfall sollen die beiden Figuren miteinander verschmelzen, das heißt es muss natürlich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Schauspielerin und der realen Mutter Teresa gegeben sein. Ich will, dass dem Zuschauer der Konflikt, den diese weltberühmte Nonne durchlebte, genauso unter die Haut geht wie mir, als ich das erste Mal ihre Briefe an ihre Beichtväter gelesen habe. Doch wo ist sie, unsere "Mutter Teresa"?

Eine Frau vom Balkan


Seit zwei Monaten sind wir auf der Suche. Rund 50 Schauspielerinnen wurden in Wien bereits gecastet; außerdem haben wir Agenturen in Sarajewo und in Zagreb beauftragt. Ich habe das Gefühl, dass es eine Frau vom Balkan sein muss, die Mutter Teresa verkörpert, die aus dem heutigen Mazedonien stammte. Illy und ich lassen all die Filme, die wir in letzter Zeit gesehen haben, nochmals vor unserem geistigen Auge ablaufen. Vielleicht ist sie irgendwo dabei, die Frau, die wir suchen?

Plötzlich habe ich die Kirchenszene aus dem neuen Haneke-Film "Das weiße Band" vor mir - ich sehe Frauen, mit markanten, bäuerlichen Gesichtern. Illy weiß natürlich, wer das Casting für diesen Film gemacht hat und ruft sofort die Agentur an. Es ist 2.00 Uhr nachts in Kalkutta.

Nervosität, Schnitzel und Casting

Wien, 28. Januar 2010: Eine Woche später sitze ich mit zwei Frauen aus einem rumänischen Dorf und der Dolmetscherin Raluca Jacono im Cafe Domayer in Wien. Die beiden Frauen wirken müde, denn sie waren die ganze Nacht mit dem Bus unterwegs, um zum Casting nach Wien zu kommen. Beide haben als Laiendarstellerinnern im "Weißen Band" mitgewirkt. Es sind einfache Frauen vom Land, denen man ansieht, dass sie schwer arbeiten müssen. Der Ausflug in die Filmwelt hat beiden anscheinend Spaß gemacht, denn sie schwelgen mit Raluca in gemeinsamen Erinnerungen.

Trotzdem lässt sich nicht verbergen, dass wir alle ein wenig angespannt sind: die beiden Frauen, weil jede natürlich den Job für sich will und ich, weil ich hoffe, dass sich eine der beiden als Darstellerin eignet. Deshalb fahren wir nach dem Verzehr eines klassischen Wiener Schnitzels sofort in die Produktionsfirma zum Casten. Maske und Kostüm sind schon vor Ort und binnen kürzester Zeit habe ich "Mutter Teresa" in zweifacher Ausführung vor mir. Ich erkläre ihnen kurz zwei Szenen, die sie spielen sollen und Helmut dreht sie.

Mehr als eine Rolle

Es ist verblüffend, wie unterschiedlich sich die beiden Frauen vor der Kamera bewegen; die eine bemüht sich, Mutter Teresa zu spielen, während die andere Mutter Teresa ist: hart, nachdenklich, ausdrucksstark und vor allem ihr Gang, unverwechselbar! Ich habe meine "Mutter Teresa" gefunden: Sie heißt Maria Negrea, ist 47 Jahre alt, hat sechs Kinder, ist Landarbeiterin und Kuhmelkerin in einem kleinen Dorf bei Arad; vor allem aber ist sie Kettenraucherin, hat keinen Pass und natürlich auch kein Visum. Aber das ist eine andere Geschichte, um die sich Illy, meine großartige Produktionsleiterin kümmert. Fakt ist, dass wir mit Maria am 10. Februar 2010 in Kalkutta unseren ersten Drehtag hatten.

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