Aus der Sicht des Kameramanns

ZDF-Kameramann Claus Köppinger über seine Erfahrungen mit dem ersten 3D-Projekt

Ein erster professioneller Kontakt mit dem Thema S3D ergab sich für mich im August letzten Jahres. Während der in Hannover stattfindenden Veranstaltung "Hands on HD" hatte ich Gelegenheit, an einem S3D-Workshop teilzunehmen. Anfangs war ich sehr skeptisch. 3D im Fernsehen? Ist ein solcher Aufwand überhaupt zu bewältigen? Und lohnen die Ergebnisse diesen Aufwand?

Kameramann Claus-Dieter Köppinger mit 3D-Kamera
Kameramann Claus-Dieter Köppinger mit 3D-Kamera Quelle: ZDF,Peter Borig

Der fünf Tage dauernde Workshop unter der Leitung von Alaric Hamacher von Virtual Experience belehrte mich eines Besseren. Meine Skepsis wich von Tag zu Tag und ich erlag immer mehr der Faszination des dreidimensionalen Bildes. Dass sich für mich mit dem ZDF-Projekt "Die Huberbuam" bald ein konkretes dreidimensionales Drehvorhaben ergeben würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen. Für mich als Kameramann hieß dies: interessante Menschen, traumhafte Landschaften, spannende Bilder. Und eine Art der Fortbewegung, die ich überhaupt nicht beherrsche: Klettern ...
Und dabei auch noch drehen!

Anforderungen an das Kamerasystem

Einige Workshops, viele Gespräche und sehr viele Mails später konkretisierte sich für mich eine Art Grundgerüst der Anforderungen an das benötigte Equipment. Das Kamerasystem musste klein, leicht, 3D-fähig, das heißt Genlock synchronisierbar sein und unseren Ansprüchen an Belichtungsspielraum und Schärfe genügen. Ich begann, mir in Zusammenarbeit mit unseren Stereographen Alaric Hamacher und Max Laufer sowie Peter Borig, dem Kollegen aus dem Produktionsmanagement, unsere Ausrüstung zusammenzustellen.

Auf der Suche nach einem Kamerasystem stellten wir fest, dass die technischen Lösungen für eine S3D-Produktion nicht ohne Weiteres in den Regalen der unzähligen Verleiher zu finden sind. Verschiedene Anbieter kleinerer Kamerasysteme, die ihre Produkte im Internet anpriesen, mussten auf Nachfrage zurückrudern, die Systeme seien noch nicht soweit, die beschriebenen Leistungen seien ein Ziel und so weiter. Die von uns getesteten Systeme waren entweder für den Betrieb in einem Übertragungswagen ausgelegt oder konnten uns in Bezug auf Schärfe und Dynamik nicht überzeugen.

Kameramann Claus Köppinger dreht am Steilhang
Kameramann Claus Köppinger dreht am Steilhang Quelle: ZDF,Peter Borig

Entwicklung der Bildideen

Bis zur Vorbesichtigung der Drehorte Anfang Mai hatten wir immer noch keine überzeugende Lösung gefunden. Wir fuhren nach Berchtesgaden, um uns ein Bild von den Motiven und den sich uns bietenden Möglichkeiten zu machen. Regisseur Jens Monath hatte ein Drehbuch geschrieben, das uns jetzt durch die verschiedenen Drehorte führte. Eng an der Geschichte entwickelten wir unsere Bildideen, ohne jemals unsere 2D-Sendefassung aus dem Blick zu verlieren. Allen im Team war klar, dass die 2D-Fassung sich in der Gestaltung des Bildes und der Montage von der 3D-Fassung unterscheiden würde.

Während wir in der 2D-Fassung zum Beispiel die Dynamik der sportlichen Leistung der Huberbuam in einer spannenden Montage eindrucksvoller Großaufnahmen im Wechsel mit Totalen aus der Wand darstellen wollten, würden wir in der 3D-Fassung den Zuschauer eher durch die förmlich physische Wirkung der dritten Dimension in längeren, totaleren Einstellungen mit in die Wand nehmen. Hier sollten uns zwei kletternde Kameramänner, Franz Hinterbrandner und Max Reichel, helfen. Beide hatten bereits einige Projekte der Hubers begleitet, unter anderem auch die Dreharbeiten zu "Am Limit" von Pepe Danquart. Gemeinsam mit Alaric Hamacher und Max Laufer besprachen wir quasi jede Einstellung im Vorfeld und legten die daraus resultierenden Parameter fest. Ich verließ mich in der Gestaltung hier auf meine Erfahrungen, zweidimensionalen Bildern Tiefe zu verleihen, und versuchte diese Bilder dann um die dritte Dimension zu erweitern. Hierbei legte ich großen Wert darauf, 3D nicht als reinen Effekt zu nutzen, sondern vielmehr durch das neue Gestaltungsmittel die Geschichte des Films zu unterstützen.

Stereographische Parameter

Unsere Motive reichten vom Makrobereich bis zur Supertotalen. Entsprechend wählten wir auch unser Equipment. Zum Einsatz kamen unter anderem neben einem Standard Rig und einem Freestyle Rig der Firma P+S Technik, bei denen die Kameras über beziehungsweise durch einen halbdurchlässigen Spiegel fotografieren, auch zwei Side-by-Side Rigs unterschiedlicher Größe.

Diese Systeme ermöglichten es uns, in den unterschiedlichsten Aufnahmesituationen jeweils durch Verändern des "Augenabstandes" und des Winkels der Kameras zueinander, der sogenannten Angulation, den jeweils optimalen dreidimensionalen Eindruck zu erzielen.

Eine neue Kamera wird entwickelt

Nun hatten wir zwar unsere stereographischen Parameter festgelegt, das Problem des Kamerasystems war jedoch noch nicht gelöst. Mir wurde langsam etwas mulmig zumute, zumal uns nur noch etwa vier Wochen bis zum Drehbeginn blieben. Eine letzte Möglichkeit bot sich noch im direkten Anschluss an unsere Vorbesichtigung in München. Hier konnte ich noch ein System besichtigen, das sich noch im Stadium eines Prototyps befand. Zwar lieferte einer der Kameraköpfe ein fehlerhaftes Bild, das des zweiten Kopfes war dafür umso besser.

Im Test konnte ich einen Belichtungsspielraum von guten elf Blenden feststellen, die Farbwiedergabe war überragend und der Schärfeneindruck mehr als zufriedenstellend. André Salvagnac, einer der Entwickler der sinaCAM, sicherte mir zu, die Kinderkrankheiten der Kamera in den noch verbleibenden vier Wochen in den Griff zu bekommen. Es entwickelte sich eine äußerst konstruktive Zusammenarbeit. Es galt, Lösungen für die Steuerung von Schärfe und Blende der sehr kleinen C-Mount-Objektive zu finden, die Kameraköpfe mussten an die vorhandenen S3D-Rigs adaptiert werden, selbst eine eigene Gammakurve wurde speziell für unsere Belange entwickelt. Pünktlich zu Beginn unserer Produktion standen uns dann mehrere Systeme der sinaCAM zur Verfügung.

Extremkameramann Max Reichel dreht in der Steilwand
Extremkameramann Franz Hinterbrandner in der Steilwand Quelle: ZDF

Der Dreh beginnt

Am 6. Juni war es dann endlich soweit: In Berchtesgaden traf das komplette Team zum ersten Mal zusammen, insgesamt zwölf Kollegen, mit den unterschiedlichsten Aufgaben betraut und hoch motiviert. Nach einer Nacht, in der wir den Dreh des nächsten Tages vorbereitet hatten, begannen wir am Morgen unsere Dreharbeiten am Königssee. Entsprechend müde, aber bester Laune wurden ein erstes Mal Kran und S3D-Rig aufgebaut. Jetzt wurde es richtig spannend. Für uns vom ZDF war dies schließlich der erste Dreh in der neuen Dimension. Ich rechnete durchaus mit Verzögerungen, schließlich war dies das erste Mal, dass unser Equipment in dieser Kombination zum Einsatz kam. Getestet werden konnten im Vorfeld nur einzelne Komponenten, nie aber der komplette Produktionsstrang.

So hatten die Kollegen von Virtual Experience zum Beispiel eine Möglichkeit entwickelt, mittels Laptopsteuerung unser Bild auf zwei AJA KiPro-Recorder in 10bit Farbtiefe aufzuzeichnen und dieses dann synchron wiederzugeben, eine zwingende Voraussetzung zur Beurteilung des 3D-Eindrucks der Aufzeichnung. Dieses Setup konnte jedoch bislang nur unter Laborbedingungen getestet werden. Dank der sehr professionellen Arbeit aller Kollegen verlief unser Start absolut reibungslos. Unsere ersten dreidimensionalen Bilder waren im Zeitplan abgedreht und übertrafen sogar unsere Vorstellungen.

Zusammenarbeit mit Stereographen

Für mich als Kameramann war auch die Zusammenarbeit mit dem Stereographen während des Drehs ein Novum. Inwieweit würde dies meine Freiheiten in der Bildgestaltung beeinflussen? Wie würde sich die Aufgabenverteilung gestalten? Wie die Zusammenarbeit mit dem Regisseur? Hier zahlte sich die intensive Auseinandersetzung mit der Materie im Vorfeld aus.


Ich konnte meine Ideen in vollem Umfang realisieren, ohne jemals durch die Gesetzmäßigkeiten, die ein dreidimensionales Bild bestimmen, eingeschränkt zu werden. Alaric Hamacher und Max Laufer brachten sich mit ihren Vorschlägen ein und nahmen so an dem kreativen Prozess teil. Es entwickelte sich schnell ein gut funktionierendes Zusammenwirken aller Beteiligten, das in höchstem Maße kreativ war.

Beeindruckende Bilder

Mehr und mehr entwickelten wir ein Gefühl für Tiefenbudgets, negative und positive Parallaxen, Scheinfensterverletzungen und all die anderen Geheimnisse, die 3D zu bieten hat. Der Zeitplan war eng. Wir hatten eine Fülle an Motiven zu bespielen, die mit zeitaufwendigen Ortswechseln verbunden waren. Naturgemäß ließen sich die einzelnen Drehorte auch nicht immer direkt anfahren, was zur Folge hatte, dass wir mehr als einmal, bepackt wie die Mulis, steile Berge hinaufkeuchten, während einheimische Hilfskräfte leichtfüßig an uns vorbeizogen. So fanden wir uns des Öfteren gefährlich dicht am Rand steil abfallender Felskanten wieder, die uns einen atemberaubenden Blick auf die verschiedenen Kletterrouten der Hubers ermöglichten. Eine wirklich intensive Therapie gegen Höhenangst!

Mit solchen Problemen hatten unsere Extremkameramänner nicht zu kämpfen. Geradezu akrobatisch bewegten sie sich an ihren Seilen, die mir angesichts der Höhe eher wie Spinnweben vorkamen, in den Wänden und lieferten uns beeindruckende Bilder der Huberbrüder während ihrer Vorbereitungen auf ihr großes Projekt, die Route "Karma". Während sie in schwindelerregender Höhe agierten, führten wir vom Boden aus per drahtloser Fernsteuerung die 3D-Einstellungen des Rigs nach. So behielten wir jederzeit die Kontrolle über den optimalen 3D-Eindruck unserer Bilder.

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