Begegnungen in Laos

Minensucher, Minenopfer und Bierbrauer

Für ZDF-Kameramann Bert Schönborn stand nach der Drehreise durch Laos fest: "Hier werde ich bald wieder sein, ganz privat. Für mich ist es das schönste Land der Region." Schönheit ist Laos großer Trumpf. Noch. Manche der wunderbaren Landschaften sind in dem rohstoffreichen Land von gigantischen Minenprojekten bedroht. Oder vom Wunsch der laotischen Regierung, dass Laos zur "Batterie Asiens" wird, zum großen Stromlieferanten für seine Nachbarländer. Viele liebliche Flusstäler werden unter den riesigen, angestauten Wasserflächen der geplanten Hydro-Dammprojekte verschwinden.

Laos
Laos Quelle: ZDF/Tobias Kavelar

Auch viele der Dörfer, die durch ihre genügsam wirkende Einfachheit und Sauberkeit auffallen. Es liegt nicht wie überall sonst in Asien Plastikabfall herum, wohl auch deswegen, weil der bescheidene, neue Wohlstand zur Wegwerfgesellschaft doch noch nicht reicht. Laos ist arm, aber fühlt sich nicht so an. Oder: Es fühlt sich selbst schlicht nicht so. Materielle Dinge sind für viele Laoten zweitrangig, Buddhas Erkenntnis sitzt sehr tief. Wie allerdings auch die Kriegserfahrung: "Wir wollen vor allem leben", sagt die Minenräumerin Sengavan auf dem bombenverseuchten Plateau von Xieng Khoung. "In Frieden!"

Sengavan, die Minensucherin

Sengavan schlägt morgens um sechs ihre Decke zusammen. In der kleinen Hütte schlafen noch acht andere Frauen aus ihrem Team. Sengavan ist Minenräumerin im Auftrag eines internationalen Zusammenschlusses von Gebern, die helfen wollen, dass Laos die hässlichste und gefährlichste Altlast der Indochinakriege los wird: All die nicht explodierten Bomben und Munition, die über das Land verteilt liegen. Streubomben aus amerikanischer Produktion vor allem, die sie hier "Bombis" nennen.

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Laos 5 Quelle: ZDF/Guilad Kahn




"Bombis" sind kleine, harmlos aussehende Kugeln mit vernichtender Energie, wenn man sie - auch 36 Jahre nach Kriegsende - ahnungslos vom Boden aufnimmt. Sengavan sucht jeden Tag jeweils acht Stunden lang mit ihrem Detektor nach Metallteilen, schreitet festgelegte Planquadrate Meter für Meter ab. Alle drei Monate hat sie zwei Wochen frei. Ihr Frauenteam säubert auf Antrag der Bauern einzelne Grundstücke, damit sie dort wieder anpflanzen können.

Jeden Tag finden Sengavan und ihre Kolleginnen Explosivstoffe, die kontrolliert gesprengt werden. Selbst bei größter Anstrengung würde es mehr als 100 Jahre dauern, bevor Laos von der Gefahr im Boden endlich befreit wäre.

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Laos 4 Quelle: ZDF/Guilad Kahn




Bevor sie morgens die Hütte verlässt, stillt Sengavan noch ihren drei Monate alten Sohn. Er wird über Tag im Bauernhaus neben der Räumstelle betreut. "Wir Laoten helfen uns gegenseitig", erklärt Sengavan. "Mein Mann war nicht glücklich, dass ich diese Arbeit angenommen habe. Aber hier verdiene ich wenigstens vernünftig". 150 Euro im Monat sind in Laos gutes Geld.

Kaffeeanbau für eine stabile Zukunft

Sinouk heißt der Kaffee, und Sinouk heißt auch sein Produzent. Sinouks Vater hatte im Königreich Laos die erste Mercedes-Vertretung übernommen, war dann bei der kommunistischen Machtübernahme nach Frankreich geflüchtet. Den Spross Sinouk hatte die Familie schon vorher, mit acht Jahren, auf ein französisches Internat geschickt, für alle Fälle. Anfang der 90er Jahre, mit der wirtschaftlichen Öffnung, ging erst der Vater zurück nach Laos, dann auch Sinouk, der Sohn. Auf dem reizvollen Bolaven-Plateau im Süden des Landes unterhält er eine Kaffeeplantage und versucht auch als Präsident der laotischen Kaffeeproduzentenvereinigung für den dort angebauten, qualitativ hochwertigen Arabica-Kaffee einen ihm gemäßen Platz im internationalen Kaffeegeschäft zu etablieren.

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Laos 11 Quelle: ZDF/Tobias Kavelar




Die steigenden Kaffeepreise haben Geld auf das Bolaven-Plateau gebracht, und Sinouk zweifelt nicht daran, dass das weitgehend landwirtschaftlich strukturierte Laos mit seinen idealen Anbaumöglichkeiten eine stabile Zukunft hat. "Vor 15 Jahren hatten die Bauern hier nichts, nur dreckige Kleidung, vielleicht ein Fahrrad. Holprige Wege führten zu ihrem Dorf. Wo Sie jetzt mit mir stehen, hatten die Kinder noch nie ein Auto gesehen, als ich damals das erste Mal herkam. Und jetzt? Sie haben selbst einen Wagen oder ein Moped vor der Tür, eine Satellitenantenne auf dem Dach, Strom und eine richtige Straße. Das ist Fortschritt." Zum Fortschritt gehört, dass die einst vertriebenen Kapitalisten und die regierenden Kommunisten sich dafür wieder die Hand reichen.

Bierbraukunst auf laotisch

Sithixay steht mit uns auf dem Laufgitter rund um die stahlblanken Türme der Beer Lao-Brauerei in der Hauptstadt Vientiane. "Wenn die Flugzeuge auf dem internationalen Airport hier landen wollen, dann müssen sie vorher über der Brauerei eindrehen. Und jeder sieht in der Kurve von oben die meterhoch gestapelten Bierkisten. So soll das sein. Beer Lao ist der beste Botschafter des Landes." Bier Lao ist nicht sehr stark, ein wenig süßlich und hat in Asien bereits Kultstatus. Während wir mit Produktionsleiter Sithixay durch den größten Industriebetrieb des kleinen Landes schlendern, packen in einer Ecke Frauen das Bier aus den Kästen wieder aus und verstauen es in Kartons. Warum? "Weil wir dieses Bier für den Export vorbereiten. Es wird nach Deutschland geliefert."

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Laos 8 Quelle: ZDf/Guilad Kahn




Es sind noch kleine Mengen, die in Berlin ankommen, aber das Fenster zur Welt ist geöffnet. Eine Flasche Bier als beste Werbebotschaft. Die staatliche Marke Beer Lao sponsert die meisten Großveranstaltungen in Laos, und selbst Funktionäre tragen dann die gelben Käppis mit dem Beer Lao-Tigerlogo. Sithixay, der Diplom-Braumeister, absolviert die Führung durch das Unternehmen übrigens in fließendem deutsch. Vor dem Mauerfall hat er in der DDR studiert und ist danach noch mal in das vereinigte Deutschland zurückgegangen, um in Berlin sein Handwerk zu komplettieren. "Deutschland hat mich geprägt. Was ich kann, habe ich da gelernt. Vor allem, hohe Ansprüche auch umzusetzen."

Handstand ohne Hände

Peter Kim ist ein Künstlername. Aber Peter Kim ist kein Künstler. Er will sich nur selbst neu erfinden, weg von seiner alten Identität. Peter Kim trägt ein T-Shirt mit seinem Foto darauf und dem neuen Namen darunter. Allerdings wird er es nie sehen können. Peter Kim ist blind. Peter Kim hat keine Hände mehr. Und Peter Kim tanzt Hiphop. Ohne Hände in den Handstand, Drehung, Sprung aus der Rückenlage zum Stand auf beide Füße. Peter Kim wird heute Abend seinen ersten großen Auftritt vor geladenem Publikum haben. In der Kulturhalle von Vientiane treffen wir ihn zur Generalprobe. Nervös ist er, anfangs kaum ansprechbar. Peter Kim durchlebt ohnehin wechselhafte Stimmungen. Er hat sich immer noch nicht mit seinem Schicksal abfinden können.

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Laos 12 Quelle: ZDF/Tobias Kavelar




Peter Kim hat vor drei Jahren auf dem Weg zur Schule und zur Zeugnisvergabe ein "Bombi" gefunden, eins der bösen Dinger aus Metall, für die so ein niedlicher Name gefunden wurde. Das "Bombi" stammt aus dem Indochinakrieg. Es explodierte in Peters Händen. Und es war vorbei mit der Schule und den guten Noten. Peter Kim war 16, als die Streubombe sein Leben für immer veränderte. Das war 2008.

Jetzt, drei Jahre später, ist er abhängig von den Almosen der Hilfsorganisationen, die sich in Laos um Minen- und Bombenopfer kümmern. Peters Familie wollte nichts mehr von dem verstümmelten Sohn wissen. Aus Scham haben sie ihn gemieden und ausgegrenzt. Deshalb hat Peter sich einen neuen Namen gesucht. Eine andere Bleibe. Lernt englisch. Und lernt tanzen. Hiphop ist sein Weg zurück in die Welt.

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