Begegnungen in Vietnam

Mathematiker, Künstler und ein bayrischer Vietnamese

Vietnam wird mir immer mehr als nur eine Reise wert bleiben. In einer Welt, wo sich ferne Plätze immer ähnlicher sehen, weil dieselben Kaufhäuser und Café-Ketten das Straßenbild prägen, weil die Architektur sich annähert, egal ob von arm oder reich gebaut - in dieser Welt bewahrt Vietnam in wunderbarer Weise seinen Eigensinn. Sichtbar. Die schnell wachsenden vietnamesischen Städte sind geprägt von "Spargelbauten", schmalen mehrstöckigen Gebäuden, in die pro Stockwerk oft nur ein Zimmer passt.

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Vietnam Quelle: ZDF/Tobias Kavelar

Stolz, Zähigkeit und Originalität

Ursprünglich zu Sparzwecken so errichtet, weil die Grundsteuer pro Straßenmeter gezahlt werden musste, haben die Vietnamesen dafür ihren eigenen Stil entwickelt.
Architektonische Elemente aus der französischen Kolonialzeit werden auf kleinstem Raum mit prächtigen Säulen verbunden, spitzgiebelige Dächer draufgesetzt und grelle Farben verwendet. Das oberste Stockwerk ist meist für den Familienaltar und die Buddhastatue reserviert. Darin wohnen Menschen mit den Eigenschaften, die das 88-Millionen-Volk prägen, die vielen ethnischen Minderheiten im Land eingeschlossen: Stolz, Zähigkeit, Originalität. Viele solcher Charaktere haben wir auf unserer Reise kennengelernt.

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Vietnam 8 Quelle: ,ZDF/Roxana Isabel Duerr


Dr. Mai Huy Tan hat seine Liebe zu Deutschland aus der DDR mitgebracht, wo er einst Mathematik studierte. In Vietnams Hauptstadt Hanoi sitzt er oft im Turmzimmer seines Häuschens am Westsee, wo die neue Elite wohnt, und hört die Musik geliebter deutscher klassischer Komponisten. Die Fassade des Verwaltungsgebäudes der Fabrik, in der er Thüringer Bratwürste produzieren lässt, erinnert an das Charlottenburger Schloss. Tan träumt von der grünen Energiewende in Vietnam unter Einsatz von Reisstroh, übersetzt nebenbei deutsche Volkslieder ins Vietnamesische - und hat mehr Projekte in Bearbeitung als der Tag Stunden. "Mich hinsetzen und einfach nichts tun, das wäre für mich wie Sterben", sagt er.

Trauer um eine verlorene Welt

Boi Tran empfängt in ihrem kleinen Paradies oberhalb der alten Kaiserstadt Hue. Ihre Familie stammt aus dem höfischen Umfeld, aber nachdem das kommunistische Regime Krone und Adel abgeschafft hat, ist sie auch heute noch vorsichtig mit dem, was sie sagt. Vietnam hat sich wirtschaftlich und auch gesellschaftlich geöffnet. Es bleibt dennoch ein Staat, in dem die Einheitspartei die Sicht vieler Dinge vorgibt. Boi Tran ist eine vor allem außerhalb Vietnams bekannte Künstlerin, die im Stil der französischen Indochina-Klassik malt.

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Vietnam 11 Quelle: ZDF/Uwe Dörgeloh

Heimspiel für den Münchner in Saigon

Frauen mit Blumen in der Hand und gekleidet in schönen Ao Dai-Gewändern. Boi Tran kocht nach Rezepten der alten kaiserlichen Küche und trauert dabei um die verlorene Welt des gepflegten Stils: "Wie kann es sein, dass junge Mädchen in Vietnam heute allein ausgehen und auch beruflich machen dürfen, was sie wollen? In diesem Land war der Platz einer Frau immer zuhause, bei der Familie, da findet sie Erfüllung."
Hai Nguyen ist ein bayrischer Vietnamese - oder ein vietnamesischer Bayer. Jedenfalls ist er in Deutschland aufgewachsen und lebt nun wieder in Vietnam. Seine Familie floh nach Ende des Vietnamkrieges aus dem Land und kam über die Philippinen nach Deutschland. "Franz Josef Strauss hat uns nach Deutschland geholt", lacht Hai, der bei Mercedes Automechaniker gelernt hat. Vor acht Jahren hat er entschieden, an Vietnams aktuellem Wirtschaftswunder teilzunehmen, ist nach Ho Chi Minh City gegangen und hat 2500 alte Vespa-Rahmen aufgekauft. Heute produziert Hai getunte Replicas des Kultmotorrollers und exportiert sie nach Bremen. Bis zu 35 PS haben seine "Monstermotorräder", wie er sie selber nennt - dazu gedacht, beim Spurt an der Ampel ausgewachsene Motorräder zu erschrecken.

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Vietnam 5 Quelle: ,ZDF/Tobias Kavelar


"Vieles ist einfacher hier in Vietnam, wenn man Ideen hat und gut verdienen will", sagt Hai. Weil für viele Dinge klare Regeln fehlen, weil das Land bisher kein verlässlicher Rechtsstaat ist. "In Ho Chi Minh City gibt es acht Maybachs, mehrere Dutzend Bentleys und Rolls Royce," zählt er auf. Und viele davon wartet und repariert Hai persönlich. Er besitzt das richtige Gerät und das Know-how dafür. "Die Software kommt doch bei all diesen Autos sowieso aus Deutschland, von Mercedes oder BMW", sagt er. Ein Heimspiel für den Münchner in Saigon.

Refugium für Vietnams Bestverdiener

Dao Hong Tuyen treffen wir auf seinem Eiland. Eine ganze Insel angrenzend an die wunderschöne Halong Bay mit ihren imposanten Felsen, die Herr Tuyen vor vierzehn Jahren gekauft hat und zum Refugium für Vietnams Besser- und Bestverdiener ausbauen will. Vorn am aufgeschütteten Strand wird gerade ein halbes Dutzend Villen fertig gestellt, jede bereits verkauft für den Preis von über drei Millionen US-Dollar. "Die Käufer", sagt Herr Tuyen, "sind meist Leute aus Hanoi. Banker, Generäle. Für sie ist das ein Wochenendquartier oder ihr Alterswohnsitz". Aus Hanoi braucht man über schlechte Straßen allerdings dreieinhalb Stunden bis hierher.

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Vietnam 15 Quelle: ZDF/Roxana Isabel Duerr

Dao Hung Tuyen sitzt in seinem riesigen Arbeitszimmer im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes seiner Insel-Baugesellschaft. An der Wand Bilder von ihm in trauter Eintracht mit Premierminister und Präsident. Tuyen trägt darauf ehrenhalber Uniform und Generalstitel. Er ist ein kommunistischer Vorzeigekapitalist und Aushängeschild des Regimes. Als 19-Jähriger hat er Waffen für die Vietcong über den Ho-Chi-Minh-Pfad geschmuggelt. Sein Geld macht er mit Rohstoffen und Immobilien. Er sagt, er stelle am liebsten Parteimitglieder ein, die seien moralisch gefestigt, "ehrlicher".

Wie kann man so reich werden im sozialistischen Vietnam, Herr Tuyen? "Mit einem klugen Gehirn und den richtigen Ideen", versichert er und tippt sich beiderseitig auf die Schläfen. Alles andere bleiben Gerüchte. Der vermutlich reichste Mann Vietnams zeigt uns noch kichernd, wie man die Emilyfigur auf dem Rolls Royce-Kühler per Fernbedienung rauf und runter fährt.

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