Das Blut des Papstes

Drehbericht von Filmautor Daniel Gerlach

Die Reliquienverehrung ist ein kurioses und umstrittenes Kapitel christlicher Kulturgeschichte, das bis heute nicht alle Rätsel preisgegeben hat. Auf der Suche nach der "Macht der Gebeine" ist das ZDF-Team nach Mexiko, Belgien, Italien, Bulgarien und in die Niederlande gereist.

Ankunft Glassarg mit Wachspuppe von Johannes Paul II.
Ankunft Glassarg mit Wachspuppe von Johannes Paul II. Quelle: ZDF

Die Stadt Ocotlan im mexikanischen Bundesstaat Jalisco zählt nicht gerade zu den beliebtesten Touristenzielen: Sie ist vor allem für ihre Möbelindustrie bekannt. Es heißt, Ocotlan sei im Vergleich zu anderen Städten der Gegend noch vom blutigen Krieg der Drogenbanden verschont geblieben. Während unserer Dreharbeiten berichteten jedoch einige Einwohner von der Entdeckung eines Massengrabes mit mehreren Dutzend Leichen in einem Nachbarort.

Gläserner Sarg mit Wachspuppe in Gestalt von Johannes Paul II.
Gläserner Sarg mit Wachspuppe in Gestalt von Johannes Paul II. Quelle: ZDF


Der Drogenkrieg hat seit 2006 fast 45.000 Menschenleben gekostet - es scheint, als könne nicht einmal ein Wunder die Gewaltspirale stoppen und die Beteiligten zur Räson bringen. Mexiko im Jahr 2011 ist ein geschundenes und nervöses Land. Die Sitten sind verroht, und Brutalität gehört dort ebenso zum Alltag der Menschen wie im Irak oder in Afghanistan.

Reliquiar mit Blutampulle

Wie in den meisten mexikanischen Städten steht in Ocotlan eine Basilika, die barockem Kolonialstil nachempfunden ist. Aber als wir dort Ende Oktober mit einem deutsch-mexikanischen Team ankamen, befand sich Ocotlan im Ausnahmezustand. Die Mexikaner begehen ihre nationalen Feiertage meistens mit Böllern und Musik, aber was sich dort abspielte, stellte die üblichen, alljährlichen Feierlichkeiten bei weitem in den Schatten. Mehrere zehntausend Menschen waren gekommen, um Papst Johannes Paul II. zu begrüßen.

Für die meisten schien es keinen Unterschied zu machen, dass dieser bereits seit 2005 tot ist: Die Erzdiözese Guadalajara, zu der Ocotlan gehört, brachte mit einer großen Wagenkolonne eine Reliquie des Pontifex in die Stadt. Eine lebensgroße Wachspuppe des Papstes, auf deren Oberkörper ein kreuzförmiges Reliquiar mit einer Blutampulle angebracht war. Eigentlich eine medizinische Blutprobe des Patienten Karel Wojtyla, entnommen kurz vor seinem Tod, aber eben ein Stück vom Körper des Papstes, der Mexiko zu Lebzeiten fünf Mal besuchte und von den Katholiken im Land verehrt wird wie kein Kirchenmann vor oder nach ihm.

Ocotlan im Ausnahmezustand

In langen Schlangen warteten die Menschen vor der Basilika, nur um für einige Sekunden im Vorübergehen den Plexiglas-Kasten zu berühren, in dem die Wachspuppe mit der Reliquie lag. Viele weinten, einige streckten sich beinahe ekstatisch der Figur entgegen, die meisten hatten ihre Handy-Kamera gezückt, um ein segensreiches Erinnerungsbild zu schießen.

Ein faszinierendes aber - selbst für unsere mexikanischen Team-Mitglieder - befremdliches Ritual. Auch fromme Katholiken in Europa mögen daran ihre Zweifel haben: Johannes Paul II. ist zwar selig gesprochen, aber nach kirchlichem Recht noch kein Heiliger. Und die Verehrung einer Blutampulle rückt ihn nun in die Nähe der frühchristlichen Blutzeugen und Märtyrer.

Magisches Blut?

Das Blut hat in der Geschichte des Christentums eine besondere symbolische Bedeutung, aber - so kritisiert die Religionspsychologin Susanne Heine, die in der Dokumentation zu Wort kommt - in dieser Zurschaustellung einer Reliquie wird es aus einer symbolischen Ordnung herausgelöst und zu einem magischen Objekt: Es steht plötzlich nicht mehr als Erinnerungsstück an einen Menschen oder an die christliche Heilsgeschichte, sondern es scheint, als entfalte es eine eigene, wundersame Wirkung.

An dieser Szene kristallisieren sich Konflikte und die Polemik um die Reliquienverehrung in der christlichen Kulturgeschichte: Ist sie ein an magische Praktiken angelehnter Aberglaube oder hat sie einen Platz im Christentum? Und wenn ja, welchen?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet