„Warschau ist mein Platz auf dieser Erde“

Das Leben nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto

Krystyna Budnicka war zehn Jahre alt und lebte im Warschauer Ghetto, als am 19. April 1943 der Aufstand der Juden begann. 70 Jahre später wohnt sie immer noch in der polnischen Hauptstadt. Das Ghetto hat sie überlebt – als einzige ihrer Familie. Die Erinnerung daran zu bewahren sei auch heute noch wichtig, sagt die 80-Jährige.

"Das ist mein Platz auf dieser Erde", sagt Krystyna Budnicka, und meint damit Warschau. Bis heute lebt die mittlerweile 80-Jährige in einem Plattenbau. Genau dort, wo einmal das Warschauer Ghetto stand. Budnicka hat das Ghetto überlebt, als einzige ihrer Familie. "Dass der Ort, an dem ich jetzt wohne, einmal das Ghetto war, stört mich überhaupt nicht - auch wenn einige Leute meinen, ich wohne auf einem Friedhof. Vor allem die, die weggezogen sind, denken so. Ich bin nie weggefahren, ich war immer hier", sagt sie. Warschau ist ihre Heimat. Hier hat sie schon als Kind gelebt, mit ihren Eltern, sechs Brüdern und einer Schwester.

Umgang mit der der Geschichte

Warschau sei ein besonderer Ort für junge Juden, meint auch Antonina Samecka. Die 29-Jährige ist Designerin, ihr Modelabel heißt "Risk – made in Warsaw". Inspiriert wurde sie dazu von ihrer jüdischen Großmutter. Antonina Samecka entwirft Kleidung mit jüdischen Motiven. "Der Davidstern ist ein sehr wichtiges Symbol für mich", sagt sie. "Ich will dem Symbol eine fröhliche Bedeutung geben." Auf jeden Fall solle es mit etwas Positivem verbunden werden, schließlich sei es toll, Jude zu sein, ist die junge Designerin überzeugt. Die positive Assoziation mit dem Judenstern ist ihre Botschaft, ihr Weg, mit dem Erbe des Warschauer Ghettos umzugehen.

Für Krystyna Budnicka ist es ebenso wichtig, die Erinnerung an das Warschauer Ghetto zu bewahren: "Erst jetzt, da ich so viel darüber rede – denn ich bin ja ein Zeitzeuge der Geschehnisse von damals – ist das für mich eine Art Therapie." Sie ist sieben Jahre alt, als Hitlers Truppen 1939 in Polen einmarschieren. Das Warschauer Ghetto wird ein halbes Jahr nach dem deutschen Angriff auf Polen eingerichtet. Am 2. Oktober 1940 wird die Zwangsumsiedlung der jüdischen Bewohner in das Ghetto angeordnet. Später wird eine meterhohe Ziegelmauer gebaut, um das Ghetto einzugrenzen.

Eine eigene Stadt innerhalb der Stadt

Krystyna Budnicka und ihre Familie leben fortan in einem abgeriegelten Bereich: Juden können sich in der Stadt nicht mehr frei bewegen, sie verlassen das Ghetto nur zu Zwangsarbeitseinsätzen in den Fabriken. Wer versucht, ohne gültigen Passierschein das Ghetto zu verlassen, dem droht die Todesstrafe. "Ich erinnere mich einfach immer nur an diese Angst. Man durfte sich nicht bewegen, denn das war zu gefährlich", blickt Krystyna Budnicka zurück. "Wenn jemand an die Tür hämmerte, musste ich mich sofort in einem Geheimfach verstecken."

Junge in Lumpen im Warschauer Ghetto
Ein Junge - gekleidet in Lumpen - im Warschauer Ghetto Quelle: imago

Ein Leben in ständiger Angst - täglich werden Juden von der SS zum Abtransport in die Vernichtungslager abgeholt. Die Straßen im Ghetto stinken nach Verfaultem, Krankheiten und Seuchen drohen. Krystyna Budnicka und ihre Familie leben versteckt in einem unterirdischen Bunker im Ghetto. Wie die meisten der Bewohner haben auch sie kaum genug Essen zum Überleben. Durchschnittlich 200 Kalorien beträgt die Tagesration, das sind etwa zwei Scheiben Brot.

Erinnerung am Leben erhalten

Als am 19. April 1943 der Aufstand im Warschauer Ghetto beginnt, versucht die Familie Budnicka durch die Kanalisation zu fliehen. Doch nur die kleine Krystyna kann lebend gerettet werden, ihre Eltern und Geschwister sterben. Am 16. Mai 1943 ist der Kampf im Ghetto zu Ende. Krystyna Budnicka kann flüchten, sie wird von Nonnen aufgenommen. Wie sie all das Erlebte verarbeitet hat, kann sie nicht erklären. "Ich weiß nicht", sagt sie. "Der Mensch ist stark, sogar Kinder." Aber dadurch, dass sie sich erinnere, lebe ihre Familie weiter.

Antonina Samecka gehört zu einer neuen Generation Juden in Warschau. Für sie hat das Erinnern eine andere, weniger perönliche Bedeutung: "Natürlich weiß ich vom Ghetto und den furchtbaren Dingen, die hier passiert sind." Aber für sie sei es wichtiger, durch ihre Mode daran zu erinnern, dass hier Juden gelebt haben, die kreativ waren, die Warschau geliebt haben. "Die einen haben gemalt, sie haben ihre Kinder großgezogen, wieder andere haben Bücher geschrieben. Das sind alles Dinge, an die niemand mehr denkt, weil danach einfach diese schrecklichen Jahre folgten", sagt Samecka. Dass ihre neu gegründete Firma "Risk" den Zusatz "made in Warsaw" trägt, hat sie daher nicht zufällig so gewählt: "Das war sehr wichtig für mich". Das Erbe des Warschauer Ghettos und der Warschauer Juden – es soll einen positiven Blick in die Zukunft erlauben.

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