Der zerbrechliche Traum

Das Morgenland nach der Revolution

Direkt vor Europas Haustür, auf der anderen Seite des Mittelmeers, vollzieht sich ein unglaublicher Wandel. Mehrere Wochen bereist Dietmar Ossenberg fünf Länder - neben Ägypten noch Tunesien, Libyen, Marokko und Katar - um herauszufinden, wie die Aufstände in Nordafrika und Arabien die Länder verändert haben und ob die Hoffnung auf Demokratie noch Bestand hat.

Ossenberg
Ossenberg Quelle: ZDF/Daniel Gerlach

Die Corniche am Nilufer, eine der Hauptstraßen Kairos, ist mit ihren vielen Restaurants, Geschäften, vornehmen Hotels und zahlreichen TV-Sendern eigentlich das Sinnbild für das moderne, kraftstrotzende und fortschrittliche Ägypten.

Neue Proteste am Nil

Doch in diesen Tagen gleicht die sechsspurige Hauptdurchgangsstraße einem Heerlager. Überall entlang der Corniche campieren Obdachlose aus den Vorstädten und Slums. Es ist ein stiller Protest gegen die neuen Machthaber am Nil. "Sie haben uns Wohnungen versprochen, wir bleiben solange bis sie unsere Forderungen erfüllt haben", erklären sie. Auch im Nildelta, wo die Bauern Weizen anbauen und Viehzucht betreiben, macht sich immer mehr Wut und Verzweiflung unter den Menschen breit.

Tahir
Der Tahir-Platz in Kairo Quelle: ZDF/Andreas Lünser




Die Futtermittelpreise sind um das Dreifache gestiegen, die Wasserstellen versiegt, weil deren Besitzer - Funktionäre der ehemaligen Regierungspartei - sie abgedreht haben. Die Folge: das Vieh der Bauern hat nichts zu trinken, die Felder vertrocknen. "Die Stimmung im Land ist extrem spannungsgeladen. Die einen sind immer noch getragen von der Euphorie der Revolution, die anderen sind enttäuscht. So enttäuscht, dass die Stimmung jeden Moment kippen kann", berichtet Dietmar Ossenberg, Studioleiter im ZDF-Studio Kairo.

Ein Herbst der Enttäuschungen?

Sechs Monate, nachdem die Menschen in Nordafrika für Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen sind und die alten Machthaber stürzten, geht die Angst um: Folgt auf den Frühling voller Hoffnungen ein Herbst der Enttäuschungen? In Tunesien, wo mit der Jasmin-Revolution alles begann, bemüht sich zum Beispiel die Partei der tunesischen Islamisten, an-Nahda, um ein fortschrittliches Gesicht. Generalsekretär Hamadi Jebali zeigte sich während seiner ersten großen Pressekonferenz in Tunis zusammen mit zwei Frauen, von denen nur eine ein Kopftuch hatte, die andere trug ihr Haar offen.

Marokko
Dietmar Ossenberg in Marokko Quelle: ZDF/Daniel Gerlach




"Tunesien hat sich verändert, die Welt hat sich verändert, warum also sollte sich die Partei nicht ändern?" fragte Jebali. Bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung gilt die Partei als großer Favorit. Wirtschaftlich muss das revolutionäre Tunesien derzeit eine Durststrecke überstehen. Als Folge der Ereignisse bleiben die Touristen aus, Hotels und Restaurants melden einen Rückgang der Aktivität um 35 Prozent, das Transportgewerbe um 18 Prozent. In den touristischen Gebieten des Landes wurden mehr als 60 Hotels geschlossen.

Marokko nach den bleiernen Jahren

Ganz anders Marokko. Das Land hat seine bleiernen Jahre schon hinter sich. König Mohammed VI. ließ die Verbrechen der Vergangenheit aufarbeiten, liberalisierte ein wenig die Presse, und vor allem schlug er sich auf die Seite der Frauen: Der jahrelange Kampf und die Mobilisierung der Frauen gipfelte 2004 im reformierten Familienrecht, genannt Mudawana, das die rechtliche Gleichstellung der Frauen in Marokko entschieden vorangetrieben hat.

Sie sind es aber jetzt, gemeinsam mit jungen Menschen, die sich mit den Zugeständnissen von König Mohammed VI. nicht mehr zufrieden geben. "Wir demonstrieren, um eine wirkliche Demokratie zu fordern", sagte Achmed Mediani von der Bewegung des 20. Februar.

Erbitterter Bürgerkrieg in Libyen

Davon sind die Menschen in Libyen noch weit entfernt. In dem Land tobt ein erbitterter Bürgerkrieg, weil Machthaber Gaddafi eher den Märtyrertod sterben möchte als zurückzutreten. Die meisten ausländischen Diplomaten trauen den Rebellen noch nicht zu, ihre vielen gewaltigen Aufgaben zu bewältigen: den Krieg gegen Gaddafi gewinnen, das Land stabilisieren, die Ölexporte wieder in Gang bringen, die durch die Revolution geweckten Hoffnungen der Libyer befriedigen.

Libyen
Panzerwrack in Libyen Quelle: ,ZDF/Andreas Lünser




Dabei spielt die Zeit gegen sie - mit jedem Tag, an dem es keine klare Entscheidung an der Front gibt, werden die anderen Probleme umso dringlicher: die angemessene Versorgung der Bevölkerung, die Erhaltung der Infrastruktur, der Aufbau einer neuen Verwaltung für dieses seltsame Gebilde, das kein Staat ist und auch keiner sein will.

Direkt vor Europas Haustür, auf der anderen Seite des Mittelmeers, vollzieht sich ein unglaublicher Wandel. Mehrere Wochen bereist Dietmar Ossenberg fünf Länder - neben Ägypten noch Tunesien, Libyen, Marokko und Katar - um herauszufinden, wie die Aufstände in Nordafrika und Arabien die Länder verändert haben und ob die Hoffnung auf Demokratie noch Bestand hat.

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