Die Esten und ihre Lieder

Die Bedeutung der Sängerfeste

Unser erster Drehtag startet mit einer Erleichterung: Die Sonne scheint! Nach Tagen und Wochen mit Kälte und Regen zeigt sich die Schöne des Baltikums von ihrer besten Seite, als ob all unsere Sorgen um das Wetter völlig unbegründet gewesen wären. Die Straßen der Altstadt sind voller Menschen, und das hat einen Grund: Wir sind im Endspurt vor dem großen Sängerfest, und damit beginnt auch gleich unser erster Drehtag.

Elina singt. In Deutschland mag das für eine Zwanzigjährige etwas Außergewöhnliches sein, dass sie in einem klassischen Chor singt. In Tallinn ist es das nicht, ganz im Gegenteil. "Hier ist das supercool", sagt Elina stolz und strahlt. Besonders cool ist nämlich, dass sie im Chor beim großen Jugendsängerfest mitsingen darf. Das schafft bei weitem nicht jeder!

Die Sängerfeste gibt es seit 1934

Die Sängerfeste gibt es in Tallinn seit 1934, seit einer kurzen Phase der Unabhängigkeit Estlands. Davor und danach wurde das kleine Land immer wieder besetzt: von den Dänen, den Schweden, den Deutschen und den Russen, um nur ein paar Namen derer zu nennen, die dieses Volk immer wieder seiner Freiheit beraubten. Aber seit 1934 gibt es regelmäßig alle vier Jahre die Sängerfeste und seitdem singen die Esten gegen die Unterdrückung ihrer nationalen Identität.




"Da stehen alle Esten zusammen und singen ihre Lieder. Das Besondere ist dieses Seit-an-Seit-Stehen", erzählt uns Elinas Mutter Helbe. Und Elina ergänzt, dass das immer wieder ein Moment ist, in dem sie sich ihrem Land, ihrem Volk ganz verbunden fühlt. Der Freiheitsliebe ihres Volkes. Dann ist diese Charmante nur noch eins: Estin.

Unter russischer Besatzung verboten

Mutter Helbe war auch vor 20 Jahren dabei, als die Esten beim Sängerfest die Nationalhymne sangen, unter russischer Besatzung war das verboten. "Es gab damals einen Moment, als ich fürchterliche Angst hatte", sagt Helbe uns. "Da standen wir und sangen, und einer kam, der gab mir die estnische Flagge. Ich solle die hochhalten beim Singen, sagte der. Dabei war die doch verboten! Ich habe einfach nicht weitergedacht, was alles passieren könnte und die Fahne zur Musik hochgehalten."




"Die singende Revolution", damit haben die Esten Geschichte geschrieben. Vor 20 Jahren fand sie in Tallinn statt und beendete eine Ära der Sowjetherrschaft. Die Esten singen noch immer. Zigtausende werden Anfang Juli dazu nach Tallinn kommen, und Elina wird mittendrin sein. Wir sitzen mit Elinas Familie im Wohnzimmer, im Fernsehen laufen Dokumentationen über die Sängerfeste, das ist immer so, um das Volk in Stimmung zu bringen. "Wir sind so stolz auf unsere Tochter", sagt Vater Aavo. "Dass sie singt und so die Tradition unseres Landes fortführt."

Überall ist Musik dabei

Bei der Chorprobe sehen wir lauter Mädchen, die eher aussehen, als würden sie in der Disco zu stampfenden Beats die Hüften kreisen lassen, anstatt hier klassisches Singen zu üben. Aber in Tallinn ist man flexibel, was Musik angeht. "Welche Rolle spielt überhaupt die Musik für dieses Volk?", fragen wir bei der Chorprobe Aarne Saluver, den Dirigenten. "Musik ist wie der Pulsschlag unserer Herzen", sagt der ohne zu zögern. "Sie gehört zu allem, was wir machen. Zur Familie, zum Arbeiten, auch wenn wir uns lieben, da ist immer Musik dabei." Auf Elinas Bett liegen zwischen den Trachten Tablet-PC und Smartphone. Denn so ist Tallinn: tieftraditionell und gleichzeitig hochmodern. Ein Widerspruch? Von wegen! In Tallinn passt das prima zusammen und, um es mit Elina zu sagen: "Es ist supercool!"

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