Die "Evangelien der Ketzer"

Streit um den "richtigen" Glauben eskaliert

Die Meinungen über das, was Jesus gesagt haben soll, gingen im zweiten Jahrhundert nach Christus mehr und mehr auseinander. Gemeinden mit ganz eigener Glaubenspraxis und Glaubenslehre spalteten sich ab. Die Gnostiker waren eine dieser Gruppen. In ihrem Umfeld ist auch das Judas-Evangelium entstanden, sowie viele andere Schriften.

Hand beim Schreiben Quelle: ZDF

Die Gnosis war die Esoterik der Antike, der Begriff der "Gnosis" stammt aus dem griechischen heißt "Erkenntnis". Der Gnostizismus im zweiten Jahrhundert im Mittelmeerraum ist eine schwer fassbare, geistige Bewegung. Die Dokumente gnostischer Religiosität - dazu zählen die Schriften von Nag Hammadi oder auch das Judas-Evangelium - spiegeln die Vielfalt und den religiösen Reichtum der Zeit wider. Diese Texte, die auch als "verbotene Evangelien" bezeichnet werden, bereichern unsere Kenntnis der frühen Kirche - sie stellen auch viele bisherige Annahmen in Frage.

Die Gnostiker haben eine ganz eigene Glaubenslehre, die sich teils radikal von dem uns heute vertrauten Christentum unterscheidet. Eine der für viele Christen der Zeit schockierende Behauptung war, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei. Als Sohn Gottes, so sagten sie, kann er nicht einen irdischen Tod erlitten haben. Ein anderer sei statt seiner hingerichtet worden. Diese Glaubensrichtung sollte auf erbitterten Widerstand vieler Christen stoßen - bis hin zu Verbot und Verfolgung.

Ein völlig anderes Christentum

Was sollte das für ein Christentum sein, ohne Kirche, ohne Priester, ein Weg zu Gott ohne Jesus? Ein Jesus, der nicht am Kreuz gestorben ist, sondern für den ein anderer starb. Ein Jesus, der nicht zu Grabe getragen und nicht am dritten Tag wieder auferstanden ist. Angesichts dieser extremen Positionen wird klar, wie weit die verschiedenen Meinungen über das Christentum auseinandergingen. Die Gnostiker haben sich als treue Anhänger der christlichen Religion begriffen. Die wissenschaftliche Untersuchung gnostischer Schriften bringt neuen Diskussionsstoff in die Kontroverse, denn es zeigt sich, dass der Gott der Gnostiker nicht ein allmächtiger, guter Gott ist.

Kurze Episode: Emanzipation

In einem Punkt hat die Wissenschaft eine Besonderheit entdeckt: Die Schriften der Gnostiker erwähnen vielfach Frauen. In den Gemeinden scheinen sie in der sonst von Männern dominierten Welt - anders als in der Antike üblich - sogar Ämter übernommen zu haben. Im Thomas-Evangelium, einer der Schriften von Nag Hammadi, werden zwei Frauen als Apostel erwähnt.


"In einem der gnostischen Evangelien wird Maria Magdalena als erste der Apostel genannt, die als Anführerin auftritt," erklärt Theologin Elaine Pagels: "In keinem der Evangelien des Neuen Testaments findet sich eine vergleichbare Schilderung ihrer Position." Eine von den Kirchenautoritäten bewusst verfolgte Politik zur Stärkung ihrer eigenen Positionen verdrängte die Frauen jedoch. Mit dem Verbot der gnostischen Schriften schließlich war das kurze Kapitel Emanzipation rasch zu Ende. "Wenn diese Schriften zur christlichen Tradition dazu gehört hätten, dann hätte es auch Frauen in kirchlichen Leitungspositionen gegeben - was bis heute kontrovers diskutiert wird," bestätigt Religionswissenschaftlerin Pagels.

Streitigkeiten unter Christen Quelle: ZDF

Das Ende der Gnostiker

Der Streit um den richtigen Glauben eskaliert gegen Ende des zweiten Jahrhunderts. Mit allen Mitteln werden Auseinandersetzungen innerhalb der konkurrierenden christlichen Bewegungen ausgetragen. Nun tritt einer auf, der Kraft seiner Autorität bestimmt, was Christentum ist und was nicht. Der Bischof aus Lyon, der Kirchenvater Irenäus. Er erklärt die Gnostiker zu Ketzern, mit denen keine Kirche aufzubauen ist. Er sorgt für ideologische Klarheit. Er verbannt und verbietet, was der Kirche seiner Meinung nach schadet.

Schriften auf dem Scheiterhaufen

Es ist wie eine Ironie der Geschichte, dass Irenäus, der selbst Zeuge der Christenverfolgung durch die Römer war und deren grausame Folgen miterlebt hat, andere Christen verfolgt. Seine Devise: Eine Kirche, die sich nicht auf die von ihm verkündeten Prinzipien beruft, ist keine Kirche. Bücher werden verbrannt. Die "Evangelien der Ketzer" landen auf dem Scheiterhaufen.


Die letzten Anhänger ordnen sich unter, gehen verloren in der Geschichte, hinterlassen Fragen denen sich die Experten heute stellen. Wie wäre es, wenn sich die Geschichte anders entwickelt hätte. Wenn sich nicht die vier kanonischen Evangelien, sondern die Gnostiker durchgesetzt hätten. Hätte das den Lauf der Geschichte geändert?

Einen anderen Weg gewählt

Die Geschichte hat einen anderen Weg eingeschlagen. Einen Weg, in dem die uns bekannte Kirche über zwei Jahrtausende hinweg zur tragenden Institution der christlichen Welt wurde. Die "Evangelien der Ketzer" - erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt - öffnen den Blick für ein Christentum, dessen Dimensionen bislang unbekannt waren. Sie sollten aus der Geschichte gelöscht werden um Platz zu machen für ein Christentum, das sich auf eine besondere Auswahl von Evangelien berief: die Evangelien des Neuen Testaments. Von Ihrer ersten Niederschrift bis auf den heutigen Tag sind sie das Fundament der Christenheit.

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