Die schwarze Liste des Vatikan

Zweiteilige Dokumentation über den Index

Über Jahrhunderte hinweg beanspruchte die katholische Kirche die Deutungsmacht über die Ordnung der Welt. Sie ließ neues Gedankengut, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu oder ächtete sie. Sie entschied über Richtig und Falsch, erlaubte Fortschritt oder versuchte, ihn zu verhindern.

Bücherregal in Bibliothek
Bücherregal in Bibliothek Quelle: ZDF

Seit über tausend Jahren tobt im Vatikan der Kampf um die Deutung der Welt, ein Kampf um "richtiges" und "falsches" Wissen. Reformatoren und Naturwissenschaftler stellten dieses Erklärungsmonopol in Frage - und damit auch die Institution Kirche. Gutenbergs Druckerpresse ermöglichte es immer mehr Freidenkern, ihre Gegenwelten mit Hilfe des gedruckten Buches in tausendfacher Auflage zu verbreiten und neue Erklärungen der Welt zu wagen, die oft gefährlich im Widerspruch zu den päpstlichen standen.

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts gibt es den Index, die Liste der verbotenen Bücher, auf den der Vatikan "gefährliche Werke" setzte. Als Reaktion auf die Reformation folgt 1571 die Gründung der Indexkongregation. Sie überprüfte alle Bücher auf "ketzerisches Gedankengut". Die Indexkongregation ist eine Instanz, die nun Bücher für die nächsten 400 Jahre kontrollierte und auch verbot. Ganz oben auf der Liste steht die Bibel selbst, auf Deutsch und anderen Volkssprachen.

Der Wissenschaft die Tür geöffnet

Die Öffnung der geheimen Archive der Inquisition und Indexkongregation im Jahr 1998 ermöglicht erstmals den Zugang zu bisher unbekannten Schauplätzen und unveröffentlichten Akten. Zum Vorschein kommen die geheimen Prozesse. Immer wieder geht es um entscheidende Wendepunkte in der Geschichte, deren Diskussion bis heute nicht an Brisanz verloren hat.

Der Journalist Wolf von Lojewski, Protestant, und der renommierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf, Katholik, öffnen Pforten, die über Jahrhunderte verschlossen waren und stellen die Frage nach der Rolle von Zensur - damals und heute. Labyrinthe von Aktengängen erwarten sie, unzugängliche Dokumente, die seit Jahrhunderten nicht mehr von Menschenhand berührt wurden.

Tausende von Autorennamen

Auf der schwarzen Liste stehen Tausende von Autorennamen. "Martin Luther, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Erasmus von Rotterdam, aber auch ein Papst, wie Pius II. oder der König von Preußen, Friedrich II., Immanuel Kant, Gotthold Ephraim Lessing, Heinrich Heine, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir", erklärt Wolf und nennt damit nur einige der Namen.

Gemeinsam mit Hubert Wolf rollt Wolf von Lojewski im ersten Teil der Dokumentation die Fälle Luther, Galileo und Darwin neu auf. Wieso wurde Luthers in hunderttausenden Exemplaren verbreitete Bibelübersetzung verboten, Galileo Galilei verurteilt, der Müller Menocchio verhaftet und verbrannt? Und warum steht Darwin nicht auf der schwarzen Liste?

Neue Herausforderungen

Der zweite Teil der Dokumentation widmet sich dem Europa des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Französische Revolution ist der Beginn einer neuen Epoche. Nicht mehr die Kirche, sondern Gott selbst wird in Frage gestellt. Der Vatikan steht in der Moderne vor den großen neuen Herausforderungen Liberalismus, Kommunismus und Nationalsozialismus. Der Wucht neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und revolutionärer Weltanschauungen ist die Indexkongregation kaum gewachsen. Heine, Marx und Hitler ziehen Millionen Menschen in den Bann und erschüttern die kirchlichen Grundfeste.

Wolf von Lojewski will wissen, warum Heinrich Heine auf dem Index landet und warum der Bestseller von Harriett Beecher Stowe "Onkel Toms Hütte" in Verdacht gerät. Gemeinsam mit Professor Hubert Wolf durchsucht er die Archive auch nach Dokumenten, die Auskunft geben über die Schriften von Karl Marx und Adolf Hitler. Was war in den Augen der Zensoren so gefährlich an Büchern von Heinrich Heine? Warum wurden die Werke von Darwin und Marx nicht verboten? Und warum kam "Mein Kampf" nie auf den Index der verbotenen Bücher?

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