Die von Gott verlassene Stadt

Tagebuch einer Drehreise ins unfassbare Grauen

In Ciudad Juárez, eine mexikanische Stadt an der Grenze zu den USA, beherrschen Mord und Totschlag den Alltag der Menschen. Allein in den letzten drei Jahren sind dort über 7000 Morde begangen worden. Es kann jeden treffen, an jedem Ort, überall.
Reporter Matthias Franck hat versucht, seine unfassbar grauenhaften Erlebnisse während einer Drehreise für das ZDF in einem Tagebuch zu verarbeiten.

19. Januar 2011: Unser Anreisetag: Das Taxi braucht keine 30 Minuten vom weit außerhalb gelegenen Flughafen zum Hotel im Zentrum. Es ist kurz nach 22 Uhr, als wir in Juarez eintreffen.

Menschenleere Strassen

Die breiten Straßen sind nahezu menschenleer. Das ist vor Jahren anders gewesen. Ich war schon einmal vor gut fünf Jahren in Ciudad Juárez und drehte einen Film über die vielen entführten, sexuell missbrauchten und anschließend ermordeten Frauen in dieser Stadt. Tausende Amerikaner kamen über die Brücke per Auto oder zu Fuß, um sich kostengünstig die Zähne oder Schönheitsoperationen machen zu lassen. Auch billige Westernstiefel, Essen, Alkohol und Frauen standen hoch im Kurs. Davon ist jetzt nichts mehr zu sehen. Die Stadt ist nicht wiederzuerkennen.

21. Januar 2011: Unser in El Paso lebender Kollege Martin hat für alle kugelsichere Westen besorgt. Keiner hat sie angezogen. Sie wiegen weit über 10 Kilo und bedecken eigentlich nur das Herz. Den meisten Ermordeten wird hier aber in den Kopf geschossen.




Auf dem Weg zum Gefängnis werden wir angerufen, ein neuer Mord. An einer kleinen Ecke gegenüber einem Einkaufszentrum haben zwei Jugendliche einen Mann aus nächster Nähe erschossen. Sein Kopf ist nicht mehr identifizierbar. Gelbe Hütchen markieren die Kugelhülsen und andere Spuren. Er liegt da, Forensiker untersuchen ihn, packen ihn in einen Sack und fahren weg. Wenig später werden die Sperren aufgehoben. Blut und Teile des Gehirns liegen auf der Straße. Niemand kümmert sich um so etwas. Ein Hund schnappt sich den Plastikbeutel mit Essen des Toten.

Die Stadt stirbt

Wir verlassen gerade das Gefängnis, als wieder ein Anruf kommt: Schießerei in einem Einkaufszentrum. Alles voller Polizei. Dann Gespräche, Hektik vor Ort, Kamerateams und unglaublich viel Polizei - bis an die Zähne bewaffnet. Bilanz: Ein Sicherheitsmann ermordet, zwei Täter und eine unbeteiligte Person verletzt. Während wir dort drehen, werden an anderer Stelle zwei weitere Personen ermordet. Wir fahren durch die Innenstadt: die Hälfte der Läden geschlossen, die wenige Bars menschenleer, überall Straßenkontrollen. Die Stadt stirbt. 22. Januar 2011: Der Morgen des zweiten Drehtags. Ich höre mich beim Team um. Alle haben gut geschlafen, keiner hat Angst. Das Erlebte müssen wir verdrängen, dürfen uns nicht vorstellen, selbst in Gefahr zu sein. Denn nach einem Tag ist uns klar: Jeden kann es treffen, an jedem Ort, überall. Das Gefährlichste ist, wenn man im falschen Moment, am falschen Ort ist. Niemand würde auf Unbeteiligte Rücksicht nehmen.

Wir trinken oft bei Starbucks einen Kaffee und essen ein Muffin, weil das Kaffeehaus in der Nähe des Hotels liegt. Wenn wir zu Fuß gehen, haben wir die Warnung von Martin im Kopf: Immer gegen den Verkehr laufen, damit man einer möglichen Entführung ausweichen kann.

25. Januar 2011: Es ist furchtbar. Gestern Abend, auf dem Weg zu Lucy, erfahren wir, dass ein Massaker stattgefunden hat. Neun Jugendliche beim Fußballspiel niedergeschossen, sieben sind sofort tot, zwei überleben.

Tod beim Fussballspiel

Eine Hinrichtung. Alle unschuldig, keiner älter als 25. Da liegt ein Junge auf dem Bauch im Fußballdress im Tor und ist einfach so erschossen worden. Über ihm der Schriftzug: "vivir mejor" - besser leben - und "somos todos Juárez" - wir alle sind Juárez -. Was für eine todtraurige Ironie.




Gleichzeitig werden noch zwei Frauen und drei Männer ermordet, so dass es am Ende 14 Personen sind - an einem Sonntag. Es ist nicht zu glauben. Es ist spät und wir fahren mit hoher Geschwindigkeit zurück ins Hotel.

26. Januar 2011: Wieder Tote. Heute zwei Jugendliche im offenen Sarg. 17 und 18 Jahre alt. Ein Jugendlicher, Boxer, der beim Fußballspiel getötet wurde. Ein riesiges Graffiti an der Hauswand, das sich mit dieser mörderischen Stadt auseinandersetzt. Der Sprüher war zufällig vor Ort.

27. Januar 2011: Es ist zu Ende. Es ist in seiner Entsetzlichkeit schlimmer als in jeder Vorstellung. Ich habe Tote auf der Straße gesehen, in Särgen.

Es ist kaum auszuhalten

Bilder, die mir noch nie vor Augen gekommen sind. Hier wird, man muss es so sagen, ständig gemordet. Zwei Jugendliche aus den Slums werden erschossen, es wird um Hilfe gerufen, aber niemand kommt. Polizei und Rettungsdienste haben selbst Angst Opfer der Banden zu werden. Jeder ist bewaffnet, viele drogensüchtig, ohne Arbeit, ohne jede Zukunft, oft Analphabeten, einfach nur furchtbar. Die ehemalige Missionsstadt ist wirklich von Gott verlassen.

Heute auf der Beerdigung eines Mordopfers. Menschen die ihre Wut, ihre Trauer aus der Seele schreien, die ein letztes Mal das Gesicht der Toten berühren. Es ist kaum auszuhalten. Die Dinge, die wir gesehen haben, sind unfassbar. Es ist ein Grauen. Ich gestehe, dass ich den Abflug herbeisehne. Ich werde nicht noch einmal wiederkommen.

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