Von Mondlandschaften und Kamelmelkern

Autor Gert Anhalt im Gespräch

Die ZDF-Dokumentation „Im Reich des Sultans“ zeigt das kurzweilige und bunte Panorama eines jungen, ehrgeizigen Landes an der Schwelle zu einer neuen Zeit. Von den dramatischen Schluchten der Exklave Musandam bis ins subtropische Salalah begegnet das ZDF-Team jungen, selbstbewussten Omanern, die mit Phantasie und Engagement in die Zukunft blicken. Sie treffen Schmuggler und Weihrauchhändler, Kamelmelker, Harley-Fahrer und Sardinenfischer, Menschen, die in einem absolutistisch regierten Staat ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und ihr Glück suchen.

ZDF: Wie war es im Oman?

Anhalt: Unfassbar heiß. Wir waren im Herbst unterwegs und hatten immer noch jeden Tag deutlich über 35 Grad. Und wir trafen viele, die sagten: Endlich ist es ein bisschen abgekühlt! Denn im Sommer geht's rauf auf 45 Grad in der Hauptstadt Muscat. Und – Wüstenstaat hin oder her – dazu ist es noch drückend schwül. Und es wird, anders als man denken sollte, auch nachts nicht angenehmer, sondern bleibt tropisch. Man sollte, habe ich gelernt, lieber im Januar oder Februar hinreisen, dann „kühlt“ es runter auf 25 Grad.

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Ein verlassenes Dorf in der Nähe von Nizwa, dem Kernland Omans. Quelle: ZDF

ZDF: Welche Ziele haben Sie angesteuert?

Anhalt: Wir wollten den Zuschauern auch Eindrücke von der landschaftlichen Vielfalt dieses Landes vermitteln. Daher begann die Reise ganz im Norden in der Exklave Musandam. Das wird seiner Fjorde wegen das „Norwegen Arabiens“ genannt. Dann weiter durch das Hadschar-Gebirge mit seinen dramatischen Schluchten. Über die Hauptstadt Muscat in die Wahiba-Wüste und dann ganz nach Süden, in die Stadt Salalah, der Heimat des Weihrauchs. Dort fällt im Sommer sogar Monsunregen und alles wird für ein paar Wochen grün wie das Allgäu. Nur mit Kamelen statt Kühen. Auch Monate nach der Regenzeit waren dort die Berge noch deutlich grüner als der Rest des Landes.

ZDF: Und wie haben Sie den Rest des Landes empfunden?

Anhalt: Ehrlich gesagt, es sieht streckenweise schon ein bisschen aus wie auf dem Mond. Oder wie in einem gewaltigen Steinbruch. Überall Geröll und vegetationslose Hügel. Als ob man das Innere der Erde nach außen gestülpt hätte. Und die Geologen sagen, genau das sei hier auch der Fall. Um diese einzigartige Landschaft zu sehen, müsste man sonst 30 Kilometer tief graben, zu der Stelle, an der sich Erdmantel und Erdkruste treffen. Und hier hat man sie direkt vor der Nase. Aufgelockert wird die eher trostlose Gesamtszenerie aber immer wieder durch idyllisch begrünte Wadis, also Flussläufe und palmenbestandene Oasenstädte.

Omans Geschichte seit 1970 ist eine einzigartige Erfolgsstory

ZDF: Was hat Sie besonders beeindruckt?

Anhalt: Omans Geschichte seit 1970, seit Sultan Qabuus regiert, ist eine einzigartige Erfolgsstory. Oman war bis dahin ein total rückständiges Armenhaus. Es gab fünf Kilometer Straße, zwei Koranschulen, die Menschen ernährten sich vorwiegend von Datteln und keiner kannte seinen Geburtstag, weil keine Register geführt wurden. Und dann kommt dieser junge Sultan aus England zurück, entmachtet seinen Vater und krempelt alles um. Und sagt: Das Wichtigste ist unser Erziehungswesen. Heute haben sie fast 90 Prozent Alphabetisierungsrate, eine hochklassige Infrastruktur und Gleichberechtigung der Frauen – während im Nachbarland Saudi-Arabien die Frauen nicht mal Auto fahren dürfen. Wir haben niemanden getroffen, der diesen Mann nicht verehrt wie einen Heiligen.

ZDF: Und deshalb heißt der Film „Im Reich des Sultans“?

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Oman ist das Land des Weihrauchs. Hier ein Weihrauchshop in Muscat. Quelle: ZDF

Genau. Obwohl uns der Alleinherrscher natürlich nicht empfangen hat. Er ist sehr medienscheu und außerdem weilte er außer Landes – in seinem Haus in Garmisch – und ist gerade in ärztlicher Behandlung. Aber auf jeder Station unserer Reise haben wir faszinierende Persönlichkeiten und Charaktere getroffen – und ihre Geschichten erzählen wir in dem Film.

Anhalt: Was waren das für Leute?

Querbeet. Ein Ziegenhändler und eine Weihrauchmischerin, junge Seglerinnen und Modellflieger, Harley-Fans und Sardinenfischer, Geologen, Herrenschneider, zwei hinreißende Pralinenfabrikantinnen und Kamelmelker.

ZDF: Kamelmelker?

Anhalt: Ja, denn um die Traditionen wach zu halten und die Zucht von Kamelen attraktiv zu machen, werden regelmäßig Kamelrennen, Schönheitswettbewerbe und eben auch Kamelmelk-Meisterschaften ausgetragen. Aber stellen Sie sich solche Leute nicht als bräsige Wüstensöhne vor. Die sind imstande, nach dem Kamelmelken ein paar schicke Fotos mit ihren topaktuellen Handy zu machen und auf ihrer Facebook-Seite hochzuladen. So ein Land ist Oman. Es besinnt sich auf seine alte Kultur, behütet seine Traditionen und beachtet die Gesetze des Islam – das heißt aber nicht, dass die Leute auf W-Lan verzichten. Auch nicht in der Wüste.

    Gert Anhalt, 1963 in Bad Wildungen geboren, ist als Reporter und Redakteur in der ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen aktiv. Seit 1989 im ZDF tätig, leitete Gert Anhalt von 1993 bis 1998 das ZDF-Studio in Peking und von 2000 bis 2005 das ZDF-Studio in Tokio. Der studierte Japanologe arbeitete in den vergangenen Jahren als Filmautor und Reporter, die zweiteilige Reportage „Indien“, eine Folge aus der Doku-Serie „Chinas Schätze“, die „Anhaltspunkte“ zu den Olympischen Sommerspielen in Peking 2008 oder die „Bin mal kurz …“-Dokumentationen für ZDFinfo sind Beispiele dafür. Gert Anhalt ist auch Autor zahlreicher Sachbücher und Kriminalromane.

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