Von stummen Kosaken und kamerascheuen Tieren

ZDF-Autorin Anne Gellinek über einen Dreh bei Rostow am Don

Stjopa kriegt kein Wort raus.
Wie ich mich auch abmühe, er schweigt großäugig in unsere Kamera, standhaft, ernsthaft, wie ein echter Kosake. Es ist ein großer Tag für den schmächtigen Achtjährigen: Er soll durch das sogenannte Aufsitz-Ritual in die Gesellschaft der Kosaken aufgenommen werden. Stjopa trägt ein grünes Leinenhemd, eine blaue Hose mit rotem Streifen und natürlich die traditionelle Schaffellmütze - und schweigt beharrlich.

Die Region um Sotschi, der Kuban, ist Kosakenland. Schon die Zaren schickten die Kosaken als Wehrbauern ins Grenzgebiet zum Kaukasus, um Russland zu verteidigen. In der Sowjetunion waren die orthodoxen Säbelträger verboten, nun aber gewinnen sie wieder an Bedeutung. Sie kommen dem konservativen Russland des Wladimir Putin gerade recht. In Moskau sollen die Kosaken mit Straßen-Patrouillen für Recht und Ordnung sagen, und auch bei den Olympischen Spielen in Sotschi.

Kosaken von Kuban, Terek und Don

Die Kosaken von Kuban, Terek und Don haben sich in einem Waldstück bei Rostow versammelt, um ihre eigenen Wettkämpfe zu veranstalten, und um den Nachwuchs wie Stjopa aufzunehmen. Zuerst muß Stjopa eine Art Theorieprüfung bestehen und die einzelnen Teile des Säbels benennen, Schaft, Klinge, Griff; Vokabeln auf russisch, die ich noch nie gehört habe. Stjopa bringt auch hier kaum ein Wort raus, aber die Prüfer, die Ältesten der Kosaken, drücken ein Auge zu.

Nun kommt das Aufsitz-Ritual: um ein echter Kosake zu werden, müssen die Jungen - Mädchen sind nicht dabei - auf einem Pferd reiten. Und zwar eigentlich schon im Kleinkind-Alter. Warum hat Stjopa bis 8 gewartet? Sein Vater Roman Arbusow erklärt uns: „ Es ist nicht so leicht, ein Pferd zu organisieren. Im heutigen Russland haben alle Kosaken Autos, aber keiner ein Pferd!“ Von einem nahegelegenen Reiterhof haben sie 2 Pferde gemietet, und Stjopa ist als erster dran. Sein Vater hebt ihn aufs Pferd und schreitet neben ihm her; ein Chor aus 4 Männern in Stiefeln und prächtigen roten Röcken singt heisere Lieder. Kerzengerade sitzt Stjopa auf dem Pferd und verzieht keine Miene. Nach 2 Runden hat er es geschafft, sein Vater hängt ihm den traditionellen Säbel um und strahlt. „Man sieht sofort, dass er ein Kosake ist!“ Über Stjopas Gesicht huscht zum ersten Mal ein Lächeln.

Nun beginnen die Schermitzi, eine Art Kosaken-Olympia. Der Nachwuchs übt sich in den traditionellen Sportarten wie Säbelkampf und Ringen. Sie schlagen Plastikflaschen die Hälse ab, spielen eine Art Pferdepolo und kämpfen mit stumpfen Holzstangen.

Der Oktokopter und die Pferde

Wir haben einen Oktokopter mitgebracht, eine Kamera, die mit 8 kleinen Propellern fliegen kann, um Luftbilder von den Kosakenspielen zu machen. Doch wir haben nicht an die Pferde gedacht. Die Rotoren der Flugkamera machen zischende Geräusche, die den Tieren gar nicht behagen, sie beginnen zu scheuen. Während des Aufsitz-Rituals muss die Kamera am Boden bleiben, wir wollen Stjopa und den anderen Kosakenkindern schließlich nicht das Erwachsenwerden vermasseln.
Nach einiger Zeit aber gewöhnen sich die Pferde an das zischende Flugobjekt; wir halten zunächst ein bißchen Abstand und fliegen schließlich mit der Kamera sogar neben den reitenden Kosaken her; die Schlußeinstellung der Kosaken-Geschichte ist im Kasten!

„ Wir sind freie Menschen“, sagt Stjopas Vater uns abends am Lagerfeuer. „Und wir wollen uns eigentlich nicht vom Staat für Polizeiaufgaben vereinnahmen lassen. Das ist doch gar nicht unsere Aufgabe.“ Gegen die olympischen Spiele haben die Kosaken nichts einzuwenden; das ist sicher gut für Russland, sagen sie - aber ohne uns als Ordnungshüter.

Stjopa hat einen maßangefertigten Gürtel bekommen und lacht zum ersten Mal über das ganze Gesicht. Aber ein Wort kommt ihm auch dabei nicht über die Lippen.


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