"Ein gutes Jahr für Afrika"

Experte über das Ende der Kolonialherrschaft und das Jahr 2010

Warum einige afrikanische Staaten stabile Demokratien sind, aber keine Wirtschaftswunder vollbringen, weiß Afrikawissenschaftler Thomas Bierschenk. Außerdem fordert er eine klügere Entwicklungshilfe und erklärt, warum es in einigen Staaten zugeht wie auf einer Baustelle.


ZDFonline: Vor 50 Jahren wurden 17 Länder Afrikas unabhängig, dieses Jahr fand zum ersten Mal eine Fußball-WM auf afrikanischem Boden statt. Ist dieses Jahr ein gutes für den Kontinent?


Prof. Thomas Bierschenk: Ja, 2010 war bis jetzt ein relativ gutes Jahr für Afrika. Die WM hatte sicher eine große moralische Bedeutung für den Kontinent. Überhaupt: Wenn man über Afrika spricht, hat sich seit 1960 unglaublich viel getan. Damals gab es keine Millionenstädte, keine Fußballer in der deutschen und englischen Liga, niemand wusste etwas über afrikanische Musik. Mittlerweile ist Afrika viel präsenter.

Dieses Jahr ist die Wirtschaft in einigen Ländern um bis zu sechs Prozent gewachsen. Da sagte man in Deutschland: "Wenn wir solch ein Wachstum hätten!" Das ist natürlich Quatsch. Sechs Prozent ausgehend von einer sehr geringen Basis sind etwas anderes als zwei Prozent Wachstum in einem Industrieland.


ZDFonline: Und dann gibt es auch sogenannte Musterländer auf dem Kontinent, wie Benin, Ghana oder der Senegal, die als demokratisch stabil gelten.


Bierschenk: Afrika ist ein Kontinent der Gegensätze, der extremen Vielfalt. So ist es auch in der Politik. Nicht alle Staaten sind gescheitert. Und einige, wie Uganda oder Liberia, haben sich aus diesem Status wieder herausgearbeitet. Südafrika wiederum ist eine aufstrebende Wirtschaftsnation. Dazwischen gibt es alle möglichen Formen. Bemerkenswert sind Länder wie Benin und Mali, sehr arme Länder, die aber demokratisch stabil sind. Das ist eine enorme Leistung in diesem schwierigen regionalen Umfeld. Die These, die oft vertreten wird, ist ja, dass Demokratie unmittelbar zu wirtschaftlicher Entwicklung führt. Aber wir sollten Demokratie eher als Wert an sich sehen. Zu glauben, damit ökonomische Entwicklungsprobleme lösen zu können, ist falsch.


ZDFonline: Heißt das im Umkehrschluss, dass ein autoritäres Regime einem Land in seiner Entwicklung besser tut als ein demokratisches?


Bierschenk: Da lohnt sich ein Vergleich der Geschichte Afrikas in den letzten 100 Jahren mit den wirtschaftlichen Erfolgsstories in Japan, Südkorea und China. Da standen und stehen ja ganz starke autoritäre Eliten dahinter. Was die afrikanischen Eliten allerdings meist nicht haben, ist diese Entwicklungsorientierung. Woran das liegt, darüber diskutiert die Wissenschaft heftig. Es gibt noch andere Faktoren, die für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas entscheidend waren. Das Erbe der Kolonialzeit war nicht förderlich. Die Briten und Franzosen haben in Afrika kaum Industrie und zum Teil nur wenig Infrastruktur hinterlassen, Schule und Ausbildung kaum gefördert. Vor allem in den französischen Kolonien war die Situation katastrophal.

Außerdem kam die Entkolonialisierung extrem rasch. In den europäischen Hauptstädten dachte man um 1950, die Kolonialherrschaft werde noch mindestens 30 Jahre dauern. Die Kolonien sollten erst stabilisiert werden, um sie auf die Unabhängigkeit vorzubereiten. Das aber war unglaublich teuer, deswegen sollten die Afrikaner das selbst machen. So wurden Länder in die Unabhängigkeit entlassen, die eigentlich bankrott waren. Die Wirtschaft war ja vor allem auf Primärprodukte für den Weltmarkt ausgerichtet. Und dann kommt hinzu, dass Afrika seit 70 Jahren Adressat gutgemeinter Ratschläge von außen ist. Gerade mit der Vielzahl der Geber, der großen Anzahl der gleichzeitig zu bewerkstelligenden Aufgaben waren und sind viele Länder überfordert.


ZDFonline: Das klingt nicht so, als seien Sie ein großer Fan von Entwicklungshilfe.


Bierschenk: Die Unterstützung sollte sich auf einige wenige Bereiche konzentrieren, auf Primarschulbildung und Basisgesundheit, weil das eine moralische Pflicht ist, und auf eine verbesserte Infrastruktur. Bei allem anderen sollte man die Leute selbst nachdenken lassen. Überhaupt ist die Hilfe viel zu oft an viel zu viele gut gemeinte Ratschläge geknüpft. Afrikanische Staaten ähneln einer großen Baustelle, dort tummeln sich viel zu viele Architekten, die alle etwas anderes vorhaben. Und die Leute, die auf diesen Baustellen ja leben müssen, erleben, wie immer wieder neue Architekten mit immer neuen Bauplänen vorbeikommen.


ZDFonline: Wo sollte der Kontinent stehen, wenn viele der Staaten in 50 Jahren ein ganzes Jahrhundert politische Unabhängigkeit feiern?


Bierschenk: Ich würde mir wünschen, dass dann viel mehr Debatten unter Afrikanern geführt werden. Über Afrika wird ja vor allem von außen geredet. Die Afrikawissenschaften sind zum Teil außerhalb des Kontinents leistungsfähiger als in Afrika selbst. Das müsste sich ändern. Und diese Debatten sollten dann genutzt werden, um Entwicklungsmodelle zu erarbeiten, die realistisch auf jeden Staat einzeln abgestimmt sind. Denn was zum Beispiel für ein Land wie Nigeria mit rund 180 Millionen Einwohnern und einer gewissen industriellen Struktur gut sein kann, das ist auf ein kleines Land im Savannengürtel, fern ab von allen Häfen, nicht übertragbar.

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