Ein Kind um jeden Preis

Der Streit um die künstliche Fortpflanzung

Mehr als eine Million Paare sind in Deutschland ungewollt kinderlos. Wie viel Leiden verbirgt sich hinter diesen Zahlen? Nur wenige Paare sind bereit über ihre Erfahrungen vor der Kamera zu sprechen. Für ihren Wunsch nach einem Kind nehmen sie die oft langjährigen medizinischen Behandlungen auf sich und stoßen dabei immer wieder an Grenzen.

Den ersten Funken menschlichen Lebens zu schützen, mit diesem Ziel verabschiedete der Bundestag 1991 das Embryonenschutzgesetz. Der medizinische Fortschritt ging in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer weiter. Für die Fortpflanzungsmedizin in Deutschland aber gelten seitdem enge Grenzen. So eng, dass viele Paare zu Behandlungen ins Ausland reisen, wo bei uns verbotene Methoden üblich sind.

Katja und Patrick Wallinger haben auf ein Familienleben lange warten müssen. Schmerzhaft waren die Jahre, in denen Katja Wallinger einfach nicht schwanger wurde. Sie suchten Rat bei Frauenarzt Klaus in Lübeck. Mit einer künstlichen Befruchtung sollte ihr Kinderwunsch endlich in Erfüllung gehen. Immer wieder wurden Eizellen entnommen, befruchtet und wieder eingesetzt. Doch statt der ersehnten Schwangerschaft erlebte Katja Wallinger eine Fehlgeburt nach der anderen. Aber warum, diese Frage konnte ihnen niemand beantworten.

Krankheiten ausschließen

Irgendwann habe sie angefangen zu überlegen, ob vielleicht irgendwas anderes nicht in Ordnung sei, erzählt Katja Wallinger: "Daraufhin haben wir uns entschlossen, nach Brüssel zu gehen." Durch die Präimplantationsdiagnostik konnte das Erbgut dort vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter untersucht werden. An das Ergebnis aus Belgien - "es ist alles in Ordnung" - erinnert sich Patrick Wallinger: "Wir konnten weiter machen." Inzwischen haben die Wallingers drei gesunde Kinder und kein Verständnis für die Gegner der PID, zumal Spätabtreibungen in Deutschland möglich sind.

Der Widerspruch


Katja Wallinger betont: "Sie dürfen hier im Grunde genommen bis einen Tag vor der Geburt abtreiben. Man lässt Fruchtwasseruntersuchungen machen in der 15., 16. und 17. Schwangerschaftswoche, wo man wirklich sieht, da ist ein Kind, da sind Hände, Füße, da ist alles dran. Ich darf dieses Kind abtreiben, aufgrund von irgendwelchen genetischen Defekten. Aber ich muss mir bei einer künstlichen Befruchtung erstmal Embryonen einsetzen lassen, bei denen man im Voraus vielleicht so etwas schon hätte ausschließen können."

Auch Patrick Wallinger kann nicht nachvollziehen, warum das so ist: "Es soll niemand einen Wunschzettel ausfüllen und sagen, ich möchte ein Mädchen mit blauen Augen. Dafür sind wir überhaupt nicht. Aber es wäre natürlich gerade für die Betroffenen wichtig zu wissen, ob es sinnvoll ist, weiter zu machen."

Mediziner macht sich stark


Für Klaus Diedrich, wie auch für andere Reproduktionsmediziner, ist nicht zu verstehen, dass die Rechte des Embryos schwerer wiegen sollen als die der Mutter. "Wir haben im Reagenzglas den absoluten Schutz des Embryos," erklärt Klaus Diedrich. Wir dürfen ihn kaum ansehen, nicht berühren. Eigentlich ist man in Deutschland nur sicher aufgehoben als Embryo im Reagenzglas. In dem Augenblick, wo dieser Embryo in die Gebärmutter zurückgesetzt wird, sich einpflanzt, zu einer Schwangerschaft führt, kann diese zu jedem Zeitpunkt nach dem Paragrafen 218 Abtreibungsgesetz abgebrochen werden. Da sehe ich schon einen deutlichen Wertungswiderspruch."

Im Juli 2010 entfachte ein Urteil des Bundesgerichtshofs eine neue Debatte über die Fortpflanzungsmedizin. Die PID sei zulässig, unter strengen Auflagen bei schweren Erbkrankheiten. Seitdem wird Klaus Diedrich mit Anfragen verzweifelter Paare konfrontiert, die jetzt doch noch auf ein gesundes Kind hoffen.

Warum PID ?

Zusammen mit der Humangenetikerin Gabriele Gillessen berät Klaus Diedrich ein Paar, das anonym bleiben möchte. Die beiden wünschen sich seit Jahren ein Kind, nach zwei Fehlgeburten und einer Spätabtreibung suchen sie Hilfe an der Universitätsklinik in Lübeck. "Die dritte Schwangerschaft war der Horror," erzählt die Frau, "weil wir nicht wussten, was dieses Kind hat, und man jedes Mal wieder überlegt von Woche zu Woche, ob wir es abbrechen." In einer Nacht, so erinnert sie sich unter Tränen, sei schließlich die Entscheidung gefallen. "Am anderen Morgen habe ich angerufen, dass ich einfach nicht mehr kann."

Nach dem Abbruch erfahren die beiden, dass ihr Kind an einer schweren Skelettfehlbildung litt. "Das Ergebnis war, dass wir beide Träger einer Erbkrankheit sind und dass wir eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit haben, dass bei jeder Schwangerschaft dieser Gen-Defekt auftreten kann", erzählt der Mann. Das Kind wäre vielleicht lebensfähig, aber schwer geistig und körperlich behindert gewesen, erläutert Professor Gillessen. Dieser Aufgabe aber fühlt sich das Paar nicht gewachsen. Deshalb haben sie sich zu einer Präimplantationsdiagnostik entschlossen.

Die Kontroverse

Zugleich diskutiert die Politik über ein Verbot der PID. Behinderte erinnern an das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten. Einer von ihnen ist der Schauspieler und Autor Peter Radtke. Er leidet an der Glasknochenkrankheit (eine seltene Erbkrankheit mit einer vermehrten Neigung zu Knochenbrüchen). Geboren 1943, entging er nur knapp den Morden an Behinderten im NS-Regime. Peter Radtke ist Mitglied im Deutschen Ethikrat und er warnt vor einer neuen Selektion nur gesunder Embryonen. Eltern, so fürchtet er, seien mit der Entscheidung für oder gegen ein behindertes Kind überfordert.

Aus anderer Sicht Quelle: ZDF/Christine Olme

In dieser schwierigen Debatte fühlen sich viele betroffene Paare in eine Grauzone gedrängt. Sie suchen Antwort vor allem auf eine Frage: Warum sollte eine Untersuchung von befruchteten Eizellen im Labor verboten sein, während die Spätabtreibung eines kranken Fötus möglich ist.

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