Eine Fahrt in die Ungewissheit

Treffen mit einem Vertreter der Taliban

Eine Garantie für das Leben hat in Pakistan niemand. Auch nicht die Journalisten, die aus dem Krisengebiet berichten. Souad Mekhennet beschreibt, welche Risiken sie für ein Interview mit einem Taliban in Kauf nimmt.

Flüchtlingslager in Pakistan
Flüchtlingslager in Pakistan Quelle: ap

Die Anweisung war deutlich: "Kommen Sie alleine, wir können nur für Ihre Sicherheit und die Ihres Kameramannes garantieren." Die Männerstimme am Telefon hörte sich zugleich weich und bestimmt an. Welche Bedeutung kann das Wort "Garantie" in diesem Teil der Welt überhaupt haben, wenn es um ein Interview mit einem Mitglied der Talibanshura geht.

Seit Jahren tobt zwischen der Armee und den Pakistanischen Taliban ein Krieg. Jede Woche erschüttern Bombenanschläge das Land, Journalisten geraten hier schnell zwischen die Fronten, sie werden gewarnt und in den schlimmsten Fällen auch getötet. Nein, Pakistan zählt ganz gewiss nicht zu den Ländern, in denen es eine Garantie für das Leben von irgendjemandem gibt.

Recherche im Krisengebiet

Wir sollten zu einem Treffpunkt etwa vier Stunden außerhalb Islamabads fahren, wo wir in ein anderes Auto umsteigen sollten. Wie weit geht man für ein Interview? Eine Frage, mit der sich Journalisten in Krisengebieten oft auseinandersetzen müssen. Wir versuchen das Risiko so gut wie möglich einzugrenzen. Doch um möglichst alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, muss man sich in diesen Gegenden oft auch außerhalb des gewohnten Zirkels bewegen. Ich saß in diesem Auto und erkannte, dass wir an einer Gegend vorbeifuhren, die ich mit meinem Kollegen Elmar Theveßen und unserem Team in den letzten Tagen besucht hatte.

Taliban-Kämpfer
Taliban-Kämpfer Quelle: imago


Es waren Orte, die Ausländer nicht alleine bereisen sollten, wie etwa das Flüchtlingslager Jalozai. Es liegt etwas über eine Stunde von Peshawar entfernt. Dort sprachen wir mit verzweifelten Menschen, die ihre Häuser in den Stammesgebieten verlassen mussten: "Wir waren dort nicht mehr sicher, die Amerikaner, die Taliban, die Armee - jeder verfolgt seine Interessen, und wir sind diejenigen, die darunter leiden," sagte mir eine Frau. Sie war mit ihrem Mann und vier Kindern aus ihrem Dorf geflohen, weil es keine Sicherheit mehr gab.

Sicherheitsgarantie mit Restrisiko

Doch heute ging es nicht nach Jalozai. Das Auto fuhr vorbei an Ackerland, verließ die Hauptstraße, vorbei an kleinen Dörfern, in denen Frauen nirgends im Straßenbild auftauchten. Unter einem schwarzen Schleier versteckte auch ich mein Gesicht, so wie es in diesen Gegenden bei Frauen Tradition ist. Das Auto hielt an, "bitte steigen Sie aus", sagte der Fahrer. Ich wurde in ein Haus geführt. Es schien nicht besonders groß. "Telefon?" fragte ein Mann. Er wies auf einen geöffneten Metallkasten. Die Geräte wurden ausgeschaltet, Batterien entfernt, im Metallkasten eingesperrt und der Schlüssel einem Mann übergeben.

Nach einem Tee und Wasser ging es weiter mit der Fahrt, in einem anderen Auto, diesmal waren dunkle Vorhänge an den Fensterscheiben angebracht. Der Mann, an den der Schlüssel übergeben wurde, saß auf dem Beifahrersitz. Er muss etwa Mitte 20 gewesen sein, doch durch den Bart wirkte er älter. "Haben Sie Angst?" fragte er auf arabisch mit leichtem Akzent und lachte. Ich verneinte, fragte, ob ich denn Angst haben sollte. "Wir haben Ihnen gesagt, wir garantieren für Ihre Sicherheit". Er überlegte etwas. "Doch wohin die nächste amerikanische Drohne fliegt, darauf haben wir keinen Einfluss."

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