Eine spektakuläre Geheimoperation

Autor Daniel Gerlach über die Dreharbeiten im Markusdom

Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Venedig und stehen geduldig an, um dicht gedrängt durch den Markusdom zu wandern. Sie bestaunen eines der atemberaubenden Meisterwerke christlicher Architektur - viele lassen dabei die Legende, die diesem Bauwerk ihrem Namen gab, buchstäblich links liegen.

Altar in Venedig mit Markusschrein
Altar in Venedig mit Markusschrein

Die Touristen sehen den Altar, in dem sich die Gebeine des so genannten Evangelisten Markus befinden sollen, aber übersehen eine Geschichte, die in der Markusbasilika gleich mehrfach erzählt wird: einmal auf der Pala d'Oro, einer goldenen Altarwand, dann hoch oben in den Mosaiken der Basilika und schließlich in Fresken auf den Portalen am Markusplatz, die aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Sie zeigen die Geschichte einer spektakulären Geheimoperation: Anfang des neunten Jahrhunderts, so ist überliefert, sollen venezianische Kaufleute die Gebeine des Heiligen Markus aus dem ägyptischen Alexandria geraubt und nach Venedig gebracht haben.

Diebstahl oder Rettungsaktion?

Angeblich versteckten die venezianischen Kaufleute den Leichnam unter Schweinefleisch, das die muslimischen Zöllner abschrecken sollte. Bis heute scheinen traditionsbewusste Venezianer der Ansicht, dass es sich eher um eine Rettungsaktion gehandelt habe. Historisch belegen lässt sich die Geschichte dieser Überführung kaum, wohl aber der Erfolg Venedigs, das sich unter den Schutz des Heiligen Markus stellte. Über Jahrhunderte wurde Venedig zu einer der herrschenden Mächte im Mittelmeerraum. Die Stadt brauchte einen Heiligen von Format - das mächtige Nachbarreich Byzanz besaß angeblich schon die Gebeine des Apostels Johannes, die Franken den Mantel des Heiligen Martin. Mit Markus stieg Venedig in die erste Kategorie der Mächte auf, mit erstklassigen Reliquien.

Mosaik des Raubes der Markus-Reliquie im Markusdom
Mosaik des Raubes der Markus-Reliquie im Markusdom Quelle: ZDF

Bei den nächtlichen Dreharbeiten mit einem acht Meter langen Kamerakran genoss das Team ein Privileg, das die Arbeit an historischen Dokumentationen tatsächlich einzigartig macht: Wir waren mit der Schönheit des Markusdoms allein und sahen gern darüber hinweg, dass die Reliquienschätze, ja selbst zahlreiche Säulen und die Predigtkanzel aus Diebesgut bestanden - die Venezianer hatten es bei ihren Feldzügen gegen Byzanz geraubt.

Der Glaube macht Reliquien echt

Wer in die Kulturgeschichte der Reliquienverehrung reist, stößt auf eine Geschichte von Raub, Verrat und Fälschung - für die zu allen Zeiten auch Rechtfertigungen parat lagen. Sich der Frage zu stellen, ob das, was in edelsteinbesetzten Monstranzen präsentiert wird, wirklich der Schädel eines Heiligen oder ein getrockneter Tropfen vom Abendmahlswein Christi ist, scheint müßig. Aber die Geschichte der Fälscher hat ihre eigene kulturgeschichtliche Faszination: Nur wenige zeitgenössische Romanciers hantieren mit dieser Faszination so gelehrt, gewitzt und elegant wie Umberto Eco.

Als Eco seinen Erfolgsroman "Der Name der Rose" vorlegte, wussten selbst hart gesottene Mittelalterforscher nicht mehr, was historisch wahr und was der Fantasie Ecos entsprungen war. Auch in seinem Roman "Baudolino", der fiktiven Autobiografie eines Höflings des mittelalterlichen Kaisers Barbarossa, entführt Eco seine Leser mit historischem Sachverstand in eine Welt aus Lug und Trug. Reliquien spielen darin eine große Rolle - Menschen im Mittelalter näherten sich der Echtheitsfrage offenbar anders als der moderne Mensch. Es ist der Glaube, der Reliquien echt macht. Und obwohl Baudolino weiß, dass die sieben Köpfe des Täufers Johannes, die er eines Nachts im Kabinett eines gewieften Fälschers findet, nicht echt sein können, verfällt er ihrer - magischen - Anziehungskraft.

Die Häupter des Johannes

Der Titel der Dokumentation "Die Sieben Häupter des Johannes" ist nicht nur Reverenz gegenüber dem Altmeister des historisch-fantastischen Romanstoffs, denn die Suche nach den Reliquien des Täufers Johannes geht auch heute noch weiter. Viele Orte in Europa und im Orient behaupten, die Reliquien des Mannes zu besitzen, der Jesus als Messias erkannt und getauft haben soll. Erst vor einem Jahr grub ein bulgarischer Archäologe in einer verlassenen Klosterruine am Schwarzen Meer ein Reliquiar mit Knochen aus, die von Johannes stammen sollen. Mit Skepsis und einer nicht zu verbergenden ironischen Distanz machte sich unser Team auf zum Ort der Entdeckung, der Insel Sweti Iwan, die einst zum byzantinischen Reich gehörte.

Der nahe gelegene Ort Sozopol, wo die Knochen heute liegen, ist stolz auf seinen Fund und spürt allmählich das Interesse von Pilgern und Touristen. Der Archäologe Kazimir Popkonstantinov wusste, dass das ZDF-Team keine Anstalten machen wollte, seiner Theorie von den Johannes-Reliquien zu glauben. Aber dann standen wir plötzlich vor einem Wissenschaftler mit einer verblüffend dichten Argumentationskette, die auf fast jeden Zweifel eine Antwort hatte. Der aber sein Plädoyer für die Echtheit der Reliquie mit folgenden Worten schloss: Er sei ein kritischer Wissenschaftler, der seine Methode habe. Dass Gott ihn wissenschaftlich unterstützt habe, stehe aber ebenfalls außer Frage. Und gewiss sei es kein Zufall, dass nicht irgend einem Archäologen, sondern ihm, einem tief gläubigen Menschen und Ex-Schüler eines orthodoxen Priesterseminars, dieses Glück zuteil wurde.

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