Eine unendliche Geschichte

Legendenbildung um die Kindheit Jesu

Jeder kennt die Weihnachtsgeschichte aus dem Neuen Testament. Das Kind in der Krippe und das Jesuskind als friedlicher Knabe werden heute wie vor Jahrhunderten rund um den Globus verehrt. Kein Ereignis wird so sehr gefeiert - und doch: Über die Kindheit des Jesus von Nazareth wissen wir herzlich wenig.

Der Stall von Betlehem mit dem Jesuskind Quelle: ZDF

"...und es begab sich aber zu der Zeit, als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde..." So beginnt die bekannte Weihnachtsgeschichte aus dem Evangelium des Lukas. Die Kindheitsgeschichte Jesu nach den Überlieferungen des Neuen Testaments ist mehr als lückenhaft. Wir erfahren von wenigen Stationen, die mit der Geburt in Bethlehem beginnen. Es folgt der Besuch der Heiligen Drei Könige, von denen wir nicht einmal genau wissen, ob es drei waren, wie sie hießen und ob sie wirklich in der Heiligen Nacht oder nicht vielleicht erst viel später die Geschenke brachten.

Stern in der Geburtskiche Quelle: ZDF

Am achten Tag wird Jesus im Tempel gezeigt und - nach jüdischer Tradition - beschnitten. Nächste Station ist die Flucht nach Ägypten, um das Kind Jesus vor den Häschern des Herodes in Sicherheit zu bringen. Dann setzt eine Pause von mehreren Jahren ein, bis der zwölfjährige Jesus im Tempel mit den Schriftgeleherten, den Pharisäern, spricht. Und das war es dann. Die Kindheit endet ziemlich abrupt.

Von Lücken und Legenden

Wie machen wir uns nun ein Bild von Jesus als Kind? In Ermangelung von Fakten können wir fragen, wie sah die Kindheit in der antiken jüdischen Welt aus? Wie gestaltete sich die Alltagswelt, welche Bildung hatten Kinder, welche Rechte? Haben Kinder die politische Zerrissenheit ihrer Epoche erfahren? Ist ein Kind wie Jesus Zeuge von der Gewalt der Römer, von Unterdrückung und Kreuzigungen geworden?

Kreuz vor weiß-blauem Himmel Quelle: ZDF

Schon wenige Jahrzehnte nach dem Tod Jesu schien den Anhängern des Christentums aufgefallen zu sein, wie wenig sie über sein Leben wussten. Das Fehlen von Informationen regte die Gedanken an. Die Menschen begannen, die weißen Flecken in der Biografie auszufüllen. Aus der Phantasie geschöpfte Geschichten entstanden. Erste sogenannte Kindheitsevangelien sind seit dem zweiten Jahrhundert nach Christus überliefert. Zahlreiche andere folgen. Was damals als freier Gedankenflug einsetzte, reisst niemals ab und hält bis in die Gegenwart an: die Legendenbildung.

Ansätze aus heutiger Zeit

Der Nobelpreisträger für Literatur, der Portugiese José Samarago, schrieb vor wenigen Jahren einen der anrührendsten Romane über das Leben des Messias: "Das Evangelium nach Jesus Christus": Er geht sehr frei mit dem um, was uns das Neue Testament an biografischen Informationen zum Leben Jesu hinterlässt. Als sehr innig schildert er das Verhältnis von Josef zu seinem Stiefsohn Jesus. Aus den Evangelien verschwindet ja der eher dürftig gezeichnete Josef ziemlich sang- und klanglos. Samarago macht aus dem Zimmermann einen Menschen aus Fleisch und Blut. In der nahe bei Nazareth gelegnen Römerstadt Sepphoris läßt Samarago Josef durch unglückliche Umstände in die Hände der Römer fallen, die ihn für einen Rebellen halten. Ihn ereilt die Strafe, die über Aufrührer verhängt ist: der Tod am Kreuz.

Die Folge: Der junge Jesus gerät in eine schwere Krise. Schwere Schuldgefühle, wie sie Psychologen in so einem Fall kennen, überkommen ihn. Das traumatische Erlebnis vom Tod seines Stiefvaters und die Verarbeitung des Schuldkomplexes lassen Jesus zu dem werden, was er später ist. Samarago legt nahe, dass die in der Kindheit gemachten Erfahrungen brutaler Unterdrückung des jüdischen Volkes in Jesus das Verlangen nach Gerechtigkeit geweckt hat. Es wäre - jenseits des Glaubens - eine mögliche Antwort auf die Frage, wie man sich den historischen Jesus erklären kann.

Jesus vor einer Landschaft (Spielszene) Quelle: ZDF

Geschichte, die in den Bann zieht

Jesus wird als Kind armer Eltern im Stall von Bethlehem geboren - diese Episode steht am Anfang der Geschichte, der Beginn einer Kindheit, die auch nach zwei Jahrtausenden die Menschen in ihren Bann zieht. Es ist eine Kindheit, deren Bild viele Schichten und Facetten trägt und in der Geschichte schwer von Glauben und Legenden zu trennen ist.

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