Endspurt für Jesus, Judas und Co.

Die letzten Monate vor den Passionsspielen

Im darauf folgenden Sommer treffen wir auf Otto Huber, Prologsprecher und zweiten Spielleiter der Passion. "Nebenbei" ist er noch Herbergsleiter von Beruf. Fast jeder, egal ob er mitspielt oder nicht, hat in Oberammergau Gästezimmer. Draußen regnet es. Drinnen in der guten Stube bekommen wir Milchkaffee und den aktuellen Wetterbericht - vom Herbergsvater persönlich moderiert.

Otto Huber und Christian Stückl am Schreibtisch Quelle: ZDF

In jedem Raum bei Hubers hängt ein handgeschnitztes Kruzifix, und überall Fotos: eine Ahnengalerie der Hubers von gestern und heute - beim Passionsspiel versteht sich. Am Nachmittag soll es schöner werden, meint Huber.

Otto Huber nutzt die Zeit für einen Exkurs in die Geschichte der Passion - durch die Pest geboren, von Ettaler Mönchen am Leben gehalten, und zuletzt von Stückl inszeniert. Eine ganze Stunde lang sinniert der 62-Jährige, auch über die Texte spricht er und wie er gemeinsam mit Christian Stückl wochenlang über dem Textbuch gesessen und den Text von Antijudaismen gesäubert hat. Inzwischen seien die Rabbiner mit dem Oberammergauer Text, der Jesus auch mal Hebräisch sprechen lässt, ganz zufrieden.

Beeindruckende Bergkulisse

Außer der Passion hat Oberammergau noch ein weiteres Relikt - die Laber-Bergbahn. Die letzte noch verkehrende Großkabinen-Zweiseil-Umlaufbahn der Welt. Mit ihr wollen wir am Nachmittag ganz hoch hinauf. Das Ammertal von oben sehen und filmen. Auch hier steht ein "Bärtiger" am Schalter. Er ist bei der Passion im Volk dabei. Die Fahrt ist mehr als schwindelig. Dafür haben wir auf 1680 Metern Höhe fast freie Sicht aufs Passionsspieldorf. Der Blick ins Voralpenland reicht bei klarer Sicht sogar bis nach München.

Der Wirt der Berggaststätte schwärmt von den Morgenstunden am Berg, wenn noch keine Touristen oben sind und die Gamsböcke aus ihren Verstecken kommen. Wir müssen mit der, nicht weniger spektakulären, Bergkulisse vorlieb nehmen. Und das raubt einem schon fast den Atem.

Gemeinschaftliches Erlebnis

Ein halbes Jahr später ist es wieder Winter in Oberammergau. Die Proben für "den" Passion - die Passion ist im bayerischen Volksmund männlich - haben begonnen. Am Nachmittag wollen wir bei der Kreuzigungs-Probe dabei sein. Doch zuvor machen wir einen Abstecher in einem Hotel, wo der Stammtisch der "Alten" sein soll. Stolz sitzen die Hohepriester beim Mittagstisch, jeder ein Weißbier vor sich. Sie treffen sich fast jeden Tag, wie schon immer seit mehr als 50 Jahren, und leben aufs Passionsspiel hin. Fast täglich haben sie Besuch von Journalisten und nehmen es mit Humor. Weil es für sie eben auch dazu gehört.

Der 71-jährige Holzbildhauer Anton Zwink ist (dank Jubiläums- und Zwischenpassion) schon zum neunten Mal dabei. Für ihn ist es der soziale Aspekt, der das ganze Passionsspiel am Leben hält. Dass man ein halbes Jahr gemeinsam in der Garderobe sitzt, zusammen probt, der 19-Jährige mit dem 90-Jährigen ins Gespräch kommt. Und wieder ist es da, dieses Gänsehautgefühl, wenn man spürt, wie sehr die Bewohner von Oberammergau ihr Spiel lieben und ihr ganzes Leben danach ausrichten.

Judas und Jesus mit Kinderwagen im Passionstheater Quelle: ZDF

Bibbern um die Wette

Dass die Leidenschaft für das Spiel auch manchmal Opfer abverlangt, merken wir bei den Proben zur Kreuzigungsszene. Das Passionstheater wurde 1930 neu gebaut und gleicht einem Tiefkühlschrank. Selbst im Winter ist es hier einige gefühlte Grad kälter als draußen. Die Oberammergauer tragen Skianzug und Pudelmütze. Atemfahnen stehen wie Ausrufezeichen in der Luft. Wir haben die langen Unterhosen zu Hause vergessen und bibbern um die Wette. Wie schaffen es die Oberammergauer bloß, diese Kälte durchzustehen? Fast täglich wird hier bis Mai geprobt und das mehrere Stunden lang. Wir sind schon nach einer Stunde fix und fertig.

Dann, zuletzt bekommen wir "den" Hinweis von Jesus-Darsteller Andreas Richter. Des Rätsels Lösung sind Rheumapflaster aus der Apotheke. Die gäbe es auch für die Zehen. Für nur einen Euro fünfzig würden die ganze drei Stunden warm halten. Ein guter Tipp, finden wir. Auch für die, die sich 2010 als Zuschauer das Stück ansehen werden. Denn auch noch im Mai kann es erschreckend kalt sein hier im Passionstheater.

Dank an die Oberammergauer

Bleibt uns nur noch "Danke" zu sagen, für die tolle Unterstützung in Oberammergau, für die unheimliche Freundlichkeit und das Interesse an unserem Film. Wir sind froh, dass wir Christian Stückl, Otto Huber, Jesus, Maria Magdalena, Judas und all die anderen Ammergauer und ihre Familien kennen lernen durften. Und wir danken allen Mitwirkenden, dass sie bereit waren, sich unserer Kamera gegenüber zu öffnen. Mit Sicherheit haben sie damit dazu beigetragen, dass das Interesse an der "Größten Geschichte aller Zeiten" wieder ein Stück gewachsen ist.

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