Erinnerungsstücke an Heilige

Reliquien im Wandel der Zeit

Die größte Herausforderung bei der Herstellung einer Dokumentation über Reliquien ist wohl, die Balance zu halten: Die Protagonisten und Reliquienverehrer in ihrer Weltanschauung bei aller journalistisch-kritischen Distanz zunächst einmal ernst zu nehmen.

Heiligrock-Tunika (Spielszene)
Heiligrock-Tunika (Spielszene) Quelle: ZDF

Auffällig bei den Gesprächen, die wir während unserer Reisen in Mexiko, den Niederlanden, Belgien, Italien, Bulgarien und Deutschland führten, war ein gewisses Unbehagen der hochrangigen Kirchenleute angesichts der Reliquienverehrung. Wie kann man etwas diskutieren, das auf der einen Seite seit Jahrtausenden Bestandteil der katholischen Tradition ist, aber von reformatorischen, aufgeklärten Geistern bestenfalls belächelt wird?

Der Tenor der Bischöfe, Prälaten und anderen Würdenträger der römischen Kirche war in dieser Frage, zumindest in Europa, einhellig: Reliquien sind Erinnerungsstücke an Christus, Maria, die Apostel, die Märtyrer und Heiligen. Sie sollen den Gläubigen das Vorbild und die Geschichte der "Gemeinschaft der Heiligen" vor Augen führen, aber kein Eigenleben haben.

Heiligrock-Wallfahrt nach Trier

Besonders deutlich wurde dies bei unseren Dreharbeiten in Trier, wo im Jahr 2012 wieder eine Heiligrock-Wallfahrt stattfinden soll: In Trier befindet sich ein Reliquiar mit Stoffteilen, die als Tunika Christi verehrt werden. Wallfahrtsleiter Georg Bätzing nahm die Kritik an diesem Wallfahrtsritual vorweg, indem er sagte, dies solle nicht als anti-ökumenische Geste verstanden werden: Protestanten und auch neugierige Nicht-Christen seien willkommen, nach Trier zu kommen und dort Gemeinschaft zu erleben.

Das war nicht immer so: Besonders zur Heiligrock-Wallfahrt von 1844, die im Film thematisiert wird, gab es einen wahren Kultur-Clash. Im deutschen Vormärz wollte die katholische Kirche mit der Heiligrock-Wallfahrt eine Million Menschen mobilisieren und gegenüber der preußischen Besatzungsmacht im Rheinland ihre Macht zeigen. Massenaufläufe waren aber verboten - sie konnten in Aufruhr umschlagen. So hielt sich die Kirche eng an die Auflagen der preußischen Beamten und brachte auch manche Katholiken gegen sich auf.

Wallfahrt verkommt zu "Götzendienst"

Für Kritiker wie den Priester Johannes Ronge verkam die Wallfahrt damit zu einem "Götzendienst" - man führte den Menschen ein Stück Stoff als Wundermittel vor und verneigte sich, um dies tun zu können, zudem vor der verhassten Obrigkeit. Kurzum: Die Kirche zeigte damals aus Sicht der Kritiker alle negativen Seiten ihrer Geschichte - aufklärungsfeindlich und antimodern.

An der Reliquienverehrung entzündet sich Streit - und da ihre Befürworter oft sehr leidenschaftlich bei der Sache sind, wundert es nicht, dass die Kritiker mit ähnlich großem Eifer vorgehen.

Totenfeste mit Tradition

Seit dem vierten Jahrhundert ist überliefert, dass Christen auf den Gräbern von Heiligen Totenfeste feierten und ihre Gebeine verehrten - religionsgeschichtlich sicher eine interessante Wendung: In der römischen Antike, zumal im Judentum, galten Leichenteile als etwas pestilent Unreines, von dem man sich grundsätzlich fernzuhalten hatte. Aber die Heiligen sind nach der frühen christlichen Theologe eben durch und durch rein, und das gilt auch für ihre Kniescheiben und Fingernägel.

Wo man zunächst Altäre auf Gräbern baute, wurde der Prozess später umgedreht: Heilige ließ man unter Altären bestatten - etwa in der Krypta einer Kirche, die meistens unter dem Altar lag. So waren die Heiligen nicht nur ständig Teil der Gemeinde und bildeten eine Art Heiligenrat, der ihr Prestige verlieh. Am jüngsten Tag, so eine mittelalterliche Vorstellung, würden die Leiber der Heiligen zusammengefügt. Wer sich dann in ihrer Gesellschaft befand, ob lebendig oder tot, konnte in ihrem Gefolge in den Himmel auffahren. Und das Ende der Welt wähnten schon die antiken Christen nahe: Besonders in der prächtigen Basilika von Aquileia im italienischen Friaul lässt sich diese Kosmologie veranschaulichen. Auch deshalb führte die Reise des Teams dorthin.

Heilige, Selige und Märtyrer

Johannes, Franziskus, Laurentius, Florian und Polycarp - selbst fromme Katholiken können nicht all jene kennen, deren Reliquien verehrt werden: Im Martyriologicum Romanum, einem Verzeichnis der katholischen Kirche, das im Jahr 2004 aktualisiert wurde, sind 6650 Heilige und Selige sowie über 7400 Märtyrer gelistet.

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